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Export von Plastikmüll.

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    Woher der deutsche Plastikmüll kommt und wohin er geht

    Ja, wir produzieren zu viel Müll. Vor allem Verpackungsmüll. Und ja, es wird immer noch zu wenig recycelt und wiederverwertet. Das ist seit Jahren bekannt und lässt sich an den Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) ablesen. Geändert hat sich nicht viel.

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    Von
    • Alexander Dallmus

    Erfasst ist bislang das Jahr 2018, mit dem absoluten Höchstwert von fast 19 Millionen Tonnen an Verpackungsabfall für Deutschland. Trotz aller Unverpackt-Initiativen und einer scheinbar gestiegenen Sensibilität seitens der Bevölkerung, sind das knapp 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Natürlich auch zu erklären mit veränderten Lebensbedingungen (mehr Single-Haushalte) und Konsumgewohnheiten (To-Go-Produkte). Dabei sind die Auswirkungen der Pandemie mit mehr Menschen zuhause noch gar nicht berücksichtigt.

    Umso wichtiger ist es, dass viel Plastikabfall, gerade aus dem Gelben Sack, der Gelben Tonne oder den Containern der Wertstoffinseln, also aus den privaten Haushalten, wiederverwertet und bestenfalls recycelt werden kann. Damit eben nicht noch mehr neue Kunststoffe in den Kreislauf kommen.

    Bessere Recyclingquote hat mehrere Gründe

    Das Verpackungsgesetz, das bereits 2019 in Kraft getreten ist, scheint langsam zu greifen. Wer gefüllte Verpackungen in Umlauf bringt, ist nach dem Gesetz dafür verantwortlich, für Rücknahme und Verwertung zu sorgen. Auch Online-Händler. Sie alle müssen sich beim Verpackungsregister Lucid registrieren lassen. Das sollte vor allem das Trittbrettfahrer-Problem lösen: Zu viele Verpackungshersteller hatten sich zuvor um Lizenzen für Grünen Punkt gedrückt und überhaupt nicht für die Verpackungsentsorgung und das -recycling gezahlt oder zu wenig.

    Im Dualen System Deutschland (DSD) organisieren bundesweit zehn private Anbieter die Sammlung, Sortierung und auch die Verwertung gebrauchter Verkaufsverpackungen. Damit sind sie auch in der Pflicht, die gesetzlich vorgeschriebenen Recyclingquoten zu erreichen. Diese Quoten sind mit dem Verpackungsgesetz deutlich angehoben worden. Immerhin werden mittlerweile laut Verpackungsregister aus dem Jahr 2019 fast 60 Prozent aller Kunststoffverpackungen aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne wertstofflich verwertet und bestenfalls für neue Verpackungen und Produkte eingesetzt.

    Noch etwas Anderes setzte die Entsorger in Deutschland schon vor ein paar Jahren unter Druck: Vor allem China stoppte den Import von unsortiertem Plastikabfall und auch Malaysia wollte nicht mehr die Plastik-Mülldeponie der EU sein. Plötzlich musste man selbst mit dem Überangebot an Verpackungsmüll zurechtkommen und zugleich eine verschärfte Recyclingquote erfüllen.

    Warum gehen trotzdem Plastikabfälle nach Asien?

    Vor diesem Hintergrund sorgten die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden für Fragezeichen. Denn auch 2020 hat Deutschland über eine Million Tonnen Kunststoffabfälle ins Ausland exportiert. Das ist etwas weniger als in den Vorjahren, aber die meisten Plastikabfälle gingen trotzdem nach Malaysia (17 Prozent).

    Aus den Sammelstellen für Verpackungsmüll oder aus den Gelben Säcken beziehungsweise Gelben Tonnen der privaten Haushalte stammen diese Kunststoffabfälle jedenfalls nicht - nicht mehr. Schon 2018 sind nahezu alle gebrauchten Verpackungen in Deutschland sortiert und auch in Deutschland und Europa verwertet worden, sagt Axel Subklew von "Mülltrennung wirkt!", einer Kampagne der Dualen Systeme Deutschland: "Konkret umfasst das zum Beispiel 97 Prozent der Kunststoffverpackungen, die im Gelben Sack oder der Gelben Tonne landen. Mit anderen Worten in 2018 sind 0,43 Prozent der Mengen nach Asien gegangen.“ Mittlerweile dürfte von den privaten Endverbrauchern gar nichts mehr nach Asien ausgeführt werden.

    Verschärfte Regeln für Export von Plastikmüll

    Bleibt natürlich die Frage, woher kommen dann die über 170.000 Tonnen Plastikabfall, die im vergangenen Jahr nach Malaysia verschifft worden sind? Zum überwiegenden Teil aus Industrie- und Gewerbeabfällen. Mehr als zwei Drittel des jährlichen Pro-Kopf-Aufkommens an Verpackungsmüll stammen aus diesem Bereich. Sind die exportierten Kunststoffe sortenrein, ist das auch kein Problem. Plastikabfallgemische aber schon.

    Dem ist bereits ein Riegel vorschoben worden: Seit Januar 2021 gelten verschärfte Regelungen für den Export von Kunststoffabfällen aus der EU. Unsortierte oder verschmutzte Plastikgemische, die sich eben nicht einfach recyceln lassen, dürfen nicht mehr international gehandelt werden. Bei diesen Abfällen ist das Risiko besonders groß, dass Teile davon in Importländern illegal in die Umwelt gelangen, weil das Recycling viel mühsamer ist, sagt Christopher Stolzenberg vom Bundesumweltministerium (BUM): "Es dürfen künftig nur noch saubere, gut sortierte Kunststoffabfälle, die sich leicht recyceln lassen, unter strenger Kontrolle gehandelt werden."

    Plastikmüllexporte müssen nichts Schlechtes sein

    Seitens des Bundesumweltministeriums heißt es dazu: "Seit dem Jahr 2016 beobachten wir zwei Trends: Die Exporte nach Südostasien nehmen ab. Kunststoffabfälle werden zunehmend innerhalb der EU recycelt. Das geben auch die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts wieder.“ Tatsächlich sind hinter Malaysia vor allem die Niederlande Abnehmer unseres Plastikabfalls.

    Schließlich gibt es auch sortenreine oder gut sortierte Kunststoffe, die sich leicht recyceln lassen. Damit sind sie auch ein wertvoller Rohstoff, der neues Plastikgranulat aus fossilem Erdöl ersetzen kann. Weil die Importeure dafür Geld zahlen, entfällt auch der Anreiz für die illegale Entsorgung in der Umwelt. Axel Subklew von der Kampagne "Mülltrennung wirkt!", ist dabei wichtig: "Alle von den dualen Systemen beauftragten Sortierer müssen die geltenden gesetzlichen Bestimmungen und Auflagen einhalten. Des Weiteren dürfen für Kunststoffe nur Verwertungsanlagen beliefert werden, die von unabhängigen Sachverständigen zertifiziert worden sind." Das gilt natürlich auch für Anlagen in den Niederlanden, die übrigens über eine große Recycling-Kompetenz verfügen. Auch im Sinne der regionalen Stoffströme spricht nichts gegen diese Exporte.

    Ist die Türkei die neue Plastikdeponie Europas?

    Außerhalb der EU importiert – hinter Malaysia – mittlerweile vor allem die Türkei Plastikmüll aus Deutschland. 2020 haben sich diese Kunststoffabfall-Importe binnen eines Jahres auf 132.000 Tonnen in etwa verdoppelt. Wie Manfred Santen von Greenpeace argwöhnt, handelt es sich dabei nicht nur um qualitativ hochwertige und sortenreine Kunststoffe: "Wir, Greenpeace Deutschland, haben in Kooperation mit unseren Kollegen in Malaysia und auch in der Türkei mehrfach nachgewiesen, dass nicht nur verwertbare Abfälle in der Türkei landen, sondern eben auch gemischtes Plastik. Das heißt Laminate oder Plastikpapier, Verbundverpackungen und so weiter. Diese Materialien lassen sich nicht recyceln. Das heißt, die müssen auch in der Türkei händisch aussortiert werden und landen dort dann irgendwo, zum Beispiel auch auf Deponien in der Umwelt."

    Nach Angaben des Verpackungsregisters stammen auch die Plastikabfall-Exporte in die Türkei nur zu einem sehr geringen Teil aus dem Verpackungsmüll der privaten Haushalte. Aber auch wenn die Stoffströme mittlerweile wesentlich besser dokumentiert sind, als noch vor ein paar Jahren, gibt es illegale Plastikexporte natürlich immer noch, kritisiert Manfred Santen von Greenpeace: "Die deutschen Überwachungsbehörden sagen, dass sie alles tun wollen, um solche Exporte zu verhindern, dass aber eine lückenlose Kontrolle nicht möglich sei. Ich glaube, die Verantwortung dafür liegt in erster Linie bei den Bundesländern, bei den Zollbehörden. Und diese werden sich überlegen müssen, wie sie verhindern wollen, dass solche illegalen Exporte von Plastikabfällen in die Türkei weiterhin stattfinden."

    Anreize für Plastik-Recycling schaffen

    Ein Grund, dass gerade die Nachfrage nach Recyclat aus dem Gelben Sack immer noch nicht signifikant gestiegen ist, liegt im Preis. Neuer Kunststoff ist billig und leicht zu haben. Das spätere Aussortieren, prüfen und upcyceln dagegen teuer und aufwändig.

    Letztlich braucht es staatliche Anreize, um die Verwendung von Altplastik zu unterstützen. Die Novellierung des Verpackungsgesetzes, wonach neue PET-Flaschen spätestens in vier Jahren zu einem Viertel aus recyceltem Plastik bestehen müssen, geht zumindest in die richtige Richtung. Nach Ansicht von Thomas Fischer, Kreislaufwirtschaftsexperte der Deutschen Umwelthilfe (DUH), sollten vor allem Upcycler belohnt werden: "Denn die Leute wollen ja keine Verpackungen im Gelben Sack sammeln, die gar nicht recyclingfähig sind. Unternehmer, die aufwändig und teuer in Technologien investieren, um Verpackung aus dem Gelben Sack wieder als Rezyklat einzusetzen, sollten finanzielle Anreize haben. Das ist aber bislang nicht erfolgt."

    Und auch die Verbraucher wollen sich offenbar künftig mehr einbringen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Umweltschutzorganisation WWF und des Deutschen Verpackungsinstituts e.V. (dvi) sind "die Menschen bereit, nachhaltigere Lösungen aktiv zu unterstützen und ihren Teil zur Kreislaufwirtschaft beizutragen, indem sie Verpackungen nach Gebrauch zum Pfandautomaten bringen oder über den Gelben Sack ins Recycling schicken".

    Aber auch das zeigt die Abfall-Wirklichkeit immer wieder: Es gibt gerade im Bereich Nachhaltigkeit einen großen Unterschied zwischen Reden und Handeln.

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