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Schüler protestieren während einer Fridays for Future Demonstration

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Wo steht "Fridays for Future" nach einem Jahr Pandemie?

Vor zwei Jahren hat die Bewegung "Fridays for Future" zum ersten globalen Klimastreik aufgerufen. Wegen Corona kann sie seit einem Jahr keine Großveranstaltungen mehr organisieren. Wie hat sich die Bewegung dadurch verändert? Wo steht sie heute?

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Von
  • Simon Plentinger
  • Doris Fenske

Antonia Messerschmitt aus München ist immer noch da, sagt sie, weil das Problem – der Klimawandel – ja auch immer noch da ist. Ein bisschen Schwung sei schon verloren gegangen. Seit die jungen Aktivistinnen und Aktivisten nicht mehr jede Woche gemeinsam auf die Straße gehen können, können sie auch für sich selbst nicht mehr so viel Energie daraus ziehen.

Die 21-jährige Studentin meint, Corona habe der Bewegung eine andere Richtung gegeben. Viele hätten sich professionalisiert, die Zeit genutzt, Workshops zu besuchen, um zu lernen, wie der Protest kraftsparender, aber auch effizienter aufrechterhalten werden könne. "Damit wir das länger machen können als nur zwei Jahre", so Antonia Messerschmitt.

Viel Zeit und Anstrengungen neben Schule oder Studium

Jugendliche und junge Erwachsene der "Fridays for Future"-Bewegung haben neben Schule oder Studium Enormes gestemmt und viel Zeit investiert, um Groß-Demos zu organisieren, Pressemitteilungen zu schreiben und sich zu vernetzen. Sie haben sich weitergebildet, mit den wissenschaftlichen Fakten rund um die Klimakrise auseinander gesetzt und politische Forderungen formuliert. In Berlin, aber auch in Bayern sind "Fridays for Future"-Aktivistinnen regelmäßig mit Politikern in Kontakt getreten, darunter auch Ministerpräsident Markus Söder, Umweltminister Glauber, aber auch EU-Abgeordnete. Insgesamt eine enorme Leistung, teils sogar eine Überforderung, meint Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Er ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School in Berlin und hat ein Buch über die "Generation Greta" geschrieben.

"Fridays for Future" hat in kurzer Zeit erreicht, woran Erwachsene gescheitert sind

"Es ist bemerkenswert, was diese Jugendbewegung geschafft hat. Sie hat erreicht, woran viele Erwachsene zuvor gescheitert sind, nämlich für das epochale Problem, den Klimawandel, eine Aufmerksamkeit zu erzeugen, die vorher nie dagewesen ist." Zum Erfolg von Fridays for Future gehöre auch, dass die Bundesregierung ein Klimapaket verabschiedet habe. Ohne die Bewegung wäre das nicht passiert, davon ist Klaus Hurrelmann überzeugt.

Nur zwei einfache Mittel: Schule schwänzen und friedlicher Protest

Bemerkenswert sei auch, dass die Bewegung das über eine Sachdebatte mit disziplinierten Straßenprotesten, also mit friedlichen Mitteln erreicht hätte. Im Gegensatz zur 68er-Bewegung, die auch zu Gewalt gegriffen habe. Nur mit einem Instrument des zivilen Ungehorsams, so Klaus Hurrelmann. "Die Schule schwänzen am Freitag."

"Das hat diese Wirkung erzielt, und das ist historisch ganz, ganz ungewöhnlich. Also eine so erfolgreiche Bewegung, die innerhalb kurzer Zeit greifbare Ziele ansteuert und sie dann tatsächlich umsetzt. Da muss man in der Historie suchen." Klaus Hurrelmann

Corona-Pandemie hat die Bewegung ausgebremst

Trotz Corona ist die Ortsgruppe von "Fridays for Future" in München immer noch gut aufgestellt, findet die 21-jährige Antonia Messerschmitt. Denn die Gruppe zählt mit 100 Aktiven zu den großen. Der harte Kern von etwa 30 Engagierten habe sich auch über die Krise hinweg gehalten. Aus Sicht des Jugendforschers ist die Corona-Pandemie für die junge Bewegung zur Unzeit gekommen und habe die Kraftwelle gebrochen. All das, was diese Bewegung ausmacht, sei auf einen Schlag nicht mehr möglich gewesen. "Die Corona-Pandemie hat sich wie Mehltau überall draufgesetzt. Und in einer solchen Situation die politische Aktivität fortzusetzen, ist sehr schwer, und dennoch finden immer wieder Demonstrationen statt."

Klimakrise und Corona: Eingriffe in die Natur können Pandemien auslösen

"Fridays for future" habe in Zeiten der Pandemie auch auf einen wichtigen Zusammenhang aufmerksam gemacht: "Dass die Klimakrise und die Corona-Krise gemeinsame Wurzeln haben, dass wir als Gesellschaft über unsere Verhältnisse leben, in den natürlichen Kreislauf eingreifen und dadurch unsere Lebensgrundlagen gefährden." Dass auch das eine Pandemie auslösen kann, ist für Klaus Hurrelmann ein gewichtiges Argument.

Klimastreik in München verweist auf "leere Versprechen" der Politik

In München ruft "Fridays for Future" anlässlich des Klimastreiks zu einer Demo mit Kunstaktion im Olympiapark auf. Corona-bedingt ist die Veranstaltung auf 100 Personen beschränkt. Sie wird im Internet, auf Youtube, live gestreamt. Auch hier zeigen sich die jungen Menschen diszipliniert, das Hygienekonzept der Veranstaltung einzuhalten, ist ihnen wichtig. Motto der Veranstaltung ist "#NoMoreEmptyPromises" und verweist auf "die Inhaltsleere der klimapolitischen Maßnahmen". Die gesamte deutsche Klimapolitik der letzten zwei Jahre stehe im Widerspruch zu dem, was notwendig gewesen wäre, so die Veranstalter.

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Weltweit haben heute Fridays-for-Future-Aktivisten fürs Klima demonstriert. In Erlangen kamen rund 300 Demonstranten auf dem Schlossplatz zusammen. Dort machten sie Krach fürs Klima, bevor sie auf Fahrrädern durch die Innenstadt zogen.

Kommende Bundestagswahl soll Klimawahl werden

Antonia Messerschmitt gibt sich kämpferisch: Am wichtigsten sei es jetzt, die kommende Bundestagswahl zu einer Klimawahl zu machen. Corona habe gezeigt, wie schnell man auf eine Krise reagieren könne. "Nur ein bisschen klimafreundlicher ist leider viel zu wenig", so die Studentin.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann erklärt, es gäbe keine homogene junge Generation. Nicht allen sei Klima- und Umweltschutz ein wichtiges Anliegen. Etwa ein Drittel der Jugend, vorwiegend junge Frauen mit guter Bildung, hätten sich "Fridays for Future" angeschlossen. Bis jetzt würden sie sich sehr geschickt verhalten, zum Ausdruck bringen, dass sie enttäuscht von der Politik sind, aber dennoch weitermachen wollen.

Wie geht es mit der Bewegung weiter: Resignation?

Aber auf Dauer könnte das anders werden. "Ich kann nicht von einem 16- oder 20-Jährigen verlangen, sich um das Gemeinwohl zu kümmern, wenn die Politik das gar nicht tut. Also, das kann zu einer Enttäuschung führen und dann auch zu einer Abwendung von der Bewegung." Der Jugendforscher sieht zwei Richtungen, die die jungen Erwachsenen einschlagen könnten. "Entweder sie ziehen sich zurück und lösen sich auf, oder die sehr Engagierten, tief Enttäuschten radikalisieren sich und schließen sich Gruppen wie Extinction Rebellion und dergleichen an."

Zukunft von "Fridays for Future" hängt von Unterstützung der Politik ab

Wie es mit "Fridays for future" weiter geht, hänge neben Corona auch von der Bundestagswahl ab, meint Klaus Hurrelmann. Alleine werde es die Bewegung nicht schaffen, die starke Wirkung aus den Vor-Corona-Zeiten zurück zu bekommen. Entscheidend sei, ob es Unterstützung von Politikern und insbesondere der nächsten Regierung gebe.

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