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Wo steht die "Bildungsrepublik Deutschland"? | BR24

© Nadine Bader/BR

Vor zehn Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Bildung zur Chefsache gemacht und die "Bildungsrepublik Deutschland" ausgerufen. Was ist geblieben von ihrer Verheißung "Bildung für alle"?

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Wo steht die "Bildungsrepublik Deutschland"?

Vor zehn Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema Bildung zur Chefsache gemacht und die "Bildungsrepublik Deutschland" ausgerufen. Was ist geblieben von ihrer Verheißung "Bildung für alle"?

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Sommer 2008 im Bundesministerium für Wirtschaft: Der Minister und Hausherr hieß damals noch Michael Glos (CSU), und der hatte geladen zur Festveranstaltung "60 Jahre Soziale Marktwirtschaft". Für Bundeskanzlerin Angela Merkel der Anlass für eine historische Rede.

Sie erinnert an Ludwig Erhards Errungenschaften für Deutschland und seine große Verheißung: Wohlstand für alle. Und dann kommt Angela Merkel zum zentralen Stichwort, das sich durch ihre ganze Rede zieht: die Bildung.

Merkels Ziel: die "Bildungsrepublik Deutschland“

Angela Merkel formuliert in ihrer Rede vor zehn Jahren ein Ziel: "Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden. Das ist es, was unsere Zukunft für die nächsten Jahrzehnte sichert. (…) Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle.“ Merkel will Bildungspolitik also zur Chefsache machen.

Sie kündigt eine "Bildungsreise durch die Bildungsrepublik Deutschland" an und einen nationalen Bildungsgipfel. Beides verwirklicht sie. Auf dem Bildungsgipfel einigen sich die Regierungschefs der Länder und die Bundesregierung im Oktober 2008 auf eine Qualifizierungsinitiative mit dem Titel "Aufstieg durch Bildung."

Von 2008 bis 2018: Bildungsbericht mit gemischtem Ergebnis

Die Ziele der Initiative sind klar formuliert. Dazu gehören unter anderem:

  • Der Anteil der Ausgaben für Bildung und Forschung soll bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ansteigen.
  • Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss soll von acht Prozent auf vier Prozent halbiert werden.
  • Die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss soll von siebzehn Prozent auf achteinhalb Prozent halbiert werden.
  • Die Studienanfängerquote - also der Anteil eines Jahrgangs, der ein Studium beginnt - soll sich vergrößern auf 40 Prozent.

Wo steht Deutschland zehn Jahre später? Beim Blick in den nationalen Bildungsbericht von 2018 ergibt sich ein gemischtes Bild.

Studienanfängerquote: Ziel erreicht

Bei der Vorstellung des Berichts im Juni 2018 gibt sich die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek (CDU), grundsätzlich zufrieden. "Auch der siebte Bildungsbericht zeigt wieder, dass immer mehr Menschen nach guter Bildung streben", sagt sie. Das stimmt. Das Ziel von vor zehn Jahren, die Studienanfängerquote auf 40 Prozent zu erhöhen, wird sogar noch übertroffen. Die Quote ist von knapp 37 Prozent gestiegen auf 45 Prozent.

Doch dann schiebt Anja Karliczek hinterher: "Die soziale Herkunft hat jedoch nach wie vor einen zu starken Einfluss auf den Bildungserfolg." Denn auch das belegen die Zahlen. Je gebildeter die Eltern sind, desto mehr Chancen haben die Kinder. Dem nationalen Bildungsbericht zufolge studieren knapp 80 Prozent der Kinder von Akademikern. Haben die Eltern kein Abitur, sinkt der Anteil der studierenden Kinder dagegen unter 25 Prozent.

Schulabgänger ohne Abschluss: Ziel verfehlt

Anstatt acht Prozent haben zuletzt sechs Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen. Das Ziel, die Zahl zu halbieren, wird damit allerdings verfehlt. Genauso bei den jungen Erwachsenen ohne Berufsausbildung. Die Zahl ist von siebzehn Prozent auf 14,3 Prozent zurückgegangen, bleibt damit aber über der festgelegten Zielmarke von achteinhalb Prozent.

Ausgaben bei 10 Prozent des BIP: Ziel verfehlt

Deutschland hat sich dem Ziel angenähert, den Anteil der Ausgaben für Bildung und Forschung auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Die aktuellsten vollständigen Zahlen, die dem Bundesministerium für Bildung und Forschung hierzu vorliegen, sind aus dem Jahr 2015. Der Anteil der Ausgaben für Bildung, Forschung und Wissenschaft am BIP ist demnach von 8,4 Prozent in 2005 auf neun Prozent in 2015 gestiegen. Erreicht ist das selbst gesteckte 10-Prozent-Ziel damit aber noch nicht.

OECD-Vergleich: Deutschland liegt unter dem Durchschnitt

Und im internationalen Ranking steht Deutschland in Bezug auf die Bildungsausgaben unterdurchschnittlich da. Die OECD vergleicht regelmäßig die Ausgaben für Bildungseinrichtungen, also die Personal- und Sachausgaben für Schulen, Hochschulen und betriebliche Berufsausbildung. Auf den ersten Plätzen landen Norwegen, Neuseeland und Großbritannien.

Deutschland liegt im aktuellen Ranking der OECD auf Platz 28. Während der OECD-Durchschnitt bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt, investiert Deutschland nur 4,2 Prozent. Der Leiter des OECD Berlin Centre, Heino von Meyer, hält es für notwendig, dass Deutschland aufholt.

"Entspräche der Anteil dem OECD-Durchschnitt, stünden jedes Jahr rund 25 Milliarden Euro zusätzlich zur Verfügung für Schulen und Lehrkräfte. Eine äußerst rentable Zukunftsinvestition, auf die Deutschland seit Jahren verzichtet." Heino von Meyer, Leiter des OECD Berlin Centre

Hängepartie Digitalpakt

25 Milliarden Euro, das entspräche fünfmal der Summe, die die Bundesregierung in den Digitalpakt für Schulen stecken möchte. Das Geld kann allerdings nicht wie geplant ab Anfang 2019 fließen, weil die Ministerpräsidenten die dafür vorgesehene Grundgesetzänderung im Bundesrat erst einmal gestoppt haben. Die Bundesländer stören sich an einer Regel, die vorsieht, dass die Länder Investitionen des Bundes ab 2020 durch denselben Betrag ergänzen müssen.

Merkel betont gemeinsame politische Verantwortung

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder befürchtet, durch die Grundgesetzänderung könnte eine "Einflugschneise" entstehen, über die der Bund auch bei Standards oder Inhalten mitentscheiden könnte. Auch die Bundeskanzlerin hatte in ihrer historischen Rede 2008, als sie die "Bildungsrepublik Deutschland" ausrief, über die unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund und Ländern im Bildungsbereich gesprochen. Die hätten sich bewährt. Aber Bund und Länder hätten auch eine gemeinsame politische Verantwortung für das gesamte Bildungssystem, schob sie seinerzeit hinterher.

"Die Bürgerinnen und Bürger interessieren sich nämlich nicht für Zuständigkeitsfragen. Sie erwarten, dass die Verantwortlichen gemeinsam dazu beitragen, dass unser Bildungssystem jedem die Chance auf Einstieg und Aufstieg ermöglicht." Angela Merkel, 12. Juni 2008

Doch davon ist Deutschland auch zehn Jahre nach Angela Merkels Rede noch weit entfernt. Oft bestimmt immer noch die soziale Herkunft über den Bildungserfolg.

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Autor
  • Nadine Bader
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