BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

Untersuchungsausschuss zum Bilanzskandal Wirecard

41
Per Mail sharen

    Wirecard-Skandal: Verdachtsmeldung auf dem Silbertablett

    Die Commerzbank hatte die Anti-Geldwäsche-Behörde des Bundes (FIU) im Februar 2019 detaillierter über mögliche Unregelmäßigkeiten informiert als bisher bekannt. Das zeigen interne Unterlagen, die BR Recherche vorliegen.

    41
    Per Mail sharen
    Von
    • Arne Meyer-Fünffinger
    • Josef Streule

    Es wirkt so, als ob die Commerzbank am 26. Februar 2019 auf Nummer sicher gehen will: An diesem Tag schickt die Bank an die Anti-Geldwäsche-Behörde des Bundes, die Financial Intelligence Unit (FIU), eine sehr umfangreiche Geldwäsche-Verdachtsmeldung. Darin enthalten ist eine Liste mit 345 auffälligen Zahlungen, davon 343 auf Konten der Wirecard Bank.

    Die Liste alleine ist schon brisant, denn dort tauchen bereits viele Firmen auf, die bei den Bilanzmanipulationen der Wirecard AG eine Rolle spielen. BR Recherche hat darüber in der vergangenen Woche bereits ausführlich berichtet. Wenige Tage nach der Veröffentlichung wird der Redaktion eine "Sachverhaltsdarstellung" zugespielt, die die Commerzbank im Februar 2019 ebenfalls an die FIU geschickt hat – gewissermaßen als Service, um die Namen und Zahlen-Reihen in der Excel-Liste besser einordnen zu können.

    Anti-Geldwäscheanleitung für Unbedarfte

    So schreibt die Commerzbank zu 16 Auftraggebern von Überweisungen, diese hätten alle dieselbe Adresse in Singapur. Wörtlich merkt die Bank an: "Die Transaktionsbeteiligten agieren zwar als verschiedene Gesellschaften, aber mit identischer Adresse". Auch seien diese Firmen in Singapur als Offshore-Gesellschaften registriert. Sie weisen "eine junge Lebenszeit auf und hätten "identische Direktoren bzw. Shareholder". Zudem weist das Geldhaus darauf hin, dass diese Firmen hohe Summen überweisen, obwohl ihre Kapitalausstattung "als gering einzustufen" ist.

    Der Finanzplatz Singapur steht im Ruf, besonders streng zu sein. Das gilt aber nicht für ausländische Offshore-Firmen. Die sind kaum reguliert. Auch darauf weist die Commerzbank die FIU hin. Den Link zu einer Internetseite mit weiteren Informationen liefert sie gleich mit. Streckenweise liest sich die "Sachverhaltsdarstellung" daher wie eine Anleitung für Unbedarfte.

    FIU lässt Verdachtsmeldung bis nach der Wirecard-Insolvenz liegen

    Alle Erläuterungen der Bank nützen aber nichts: Es dauert fast eineinhalb Jahre, bis die deutschen Strafermittlungsbehörden von der Verdachtsmeldung erfahren. Erst Ende Juli 2020, nach der Insolvenz von Wirecard, leitet die FIU die Information an die Ermittlungsbehörden in Bayern weiter. Der Vorgang macht Sebastian Fiedler, Vorsitzender Bund Deutscher Kriminalbeamter, "fassungslos": "Wäre so ein Ding in einem Landeskriminalamt angekommen, dann wäre man damit sofort zur Staatsanwaltschaft gelaufen."

    Umfangreiche Sonderanalyse der Commerzbank

    In der Sachverhaltsdarstellung erläutert die Commerzbank auch, wie die Liste mit den auffälligen Überweisungen zustande gekommen ist. Auslöser ist demnach die Berichterstattung der Wirtschaftszeitung "Financial Times" im Januar 2019 über Vorwürfe "in Bezug auf eine verfälschte Rechnungslegung und mögliche Verstöße im Zahlungsverkehr der Wirecard Bank im asiatisch-pazifischen Raum". Die Commerzbank wickelt solche Zahlungen für die Wirecard Bank, die international nicht verdrahtet ist, als Korrespondenzbank ab.

    Anfang Februar 2019 startet die Commerzbank daher einen "Lookback", das heißt sie analysiert insgesamt 345 Zahlungen vom März 2013 bis Januar 2019. Diese übermittelt sie der FIU in Form einer PDF- und Excel-Datei, um der Anti-Geldwäsche-Behörde "die Darstellung zu vereinfachen", wie die Commerzbank in ihrer "Sachverhaltsdarstellung" schreibt.

    "Sachverhaltsdarstellung" führt ins Zentrum des Wirecard-Skandals

    Besonders auffällig erscheint der Bank, dass "hohe, runde Millionen-Beträge" zumeist in Euro transferiert werden. Viele Gesellschaften und deren Geschäftszweck seien nicht recherchierbar: "Die Mittelherkunft ist hierbei nicht ersichtlich." Als Beispiel nennt das Geldhaus eine 50-Millionen-Überweisung einer Firma namens "Equinia Services" "im Namen eines dritten Unternehmens: ‘Al Alam Solution FZ-LCC‘ mit Sitz in Dubai". Begünstigter der Überweisung sei eine Firma namens "Citadelle Corporate Services". Diese wiederum sei Kunde der Wirecard Bank. Erhaltene Informationen von Seiten der Wirecard Bank hätten nicht zur Klärung der Sachverhalte geführt.

    Tatsächlich führt diese Überweisung ins Zentrum des Wirecard-Skandals. Denn Al Alam ist einer der Drittpartner von Wirecard, die seit 2016 auf dem Papier für einen großen Teil der Gewinne des Aschheimer Zahlungsdienstleisters sorgen. Die angeblichen Erträge landen auf Treuhandkonten – zunächst in Singapur bei der Firma Citadelle. Dort gehen die hohen Summen aber wohl nie ein. Am Ende fehlen 1,9 Milliarden Euro und Wirecard bricht zusammen.

    FIU ignoriert Hinweise auf illegales Glücksspiel

    Ein weiterer Aspekt bringt die FIU in Bedrängnis. Die Commerzbank weist in ihrer Sachverhaltsdarstellung auch auf Überweisungen in Zusammenhang mit Online-Glücksspiel hin. So fällt den Anti-Geldwäsche-Experten der Bank bei der Analyse der Transaktionen auf, dass der Geschäftsführer von zwei verdächtigen Firmen früher Direktor einer Wirecard-Tochter in Großbritannien gewesen ist.

    Damit die FIU auch diese Zusammenhänge richtig einordnen kann, verweist die Commerzbank auf einen Artikel der Nachrichtenagentur Reuters vom 15. März 2016. Demnach sei der Geschäftsführer der beiden auffälligen Firmen in illegale Online-Glücksspiele und Geldwäsche in den USA verwickelt.

    Umstrittene Informationspolitik des Bundesfinanzministeriums

    Das Commerzbank-Papier wirft abermals kein gutes Licht auf das Bundesfinanzministerium. Am 31. August 2020 informiert Staatssekretär Rolf Bösinger den Finanzausschuss in einer Sondersitzung über seinen Wissensstand in Sachen Wirecard.

    Bösinger sagt unter anderem, vor der Insolvenz von Wirecard habe keine der Verdachtsmeldungen "auch nur ansatzweise einen klaren Hinweis auf den nun im Raum stehenden Vorwurf der systematischen Bilanzmanipulation" enthalten. So ist es im stenographischen Protokoll vermerkt. FIU-Chef Christof Schulte bekräftigt das am 28. Januar 2021 im Wirecard-Untersuchungsausschuss:

    "Die FIU hat […] alle ihr vorliegenden relevanten Erkenntnisse zum Wirecard-Konzern national als auch international unmittelbar weitergeleitet und ist damit ihrem gesetzlichen Auftrag auch nach meiner aktuellen Überzeugung vollumfänglich nachgekommen. Das bestätigt sich gerade auch aus einer nachträglichen Bewertung aller relevanten FIU-Vorgänge." Christof Schulte, FIU-Chef

    Florian Toncar, der für die FDP im Wirecard-Untersuchungsausschuss sitzt, widerspricht dem vehement. Toncar sagt dem BR: "Diese Commerzbank-Meldung ist ein Hochwerttreffer. Das als irrelevant und unergiebig darzustellen, dient allein dazu, hier grobes Versagen zu vertuschen."

    Weder die FIU noch das Bundesfinanzministerium haben umfangreiche Fragenkataloge von BR Recherche unter anderem zum Eingang der "Sachverhaltsdarstellung" beantwortet. Das Bundesfinanzministerium erklärt auf Anfrage: "Die Bundesregierung hat den Bundestag und die Öffentlichkeit umfänglich zu Wirecard informiert."

    Staatssekretär Rolf Bösinger und FIU-Chef Christof Schulte müssen dem Untersuchungsausschuss wegen dieses Vorgangs am kommenden Dienstag trotzdem erneut Rede und Antwort stehen.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!