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Hinweise auf Kreislaufgeschäfte und Bilanztricks bei Wirecard.

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    Wirecard: Commerzbank listete 343 verdächtige Transaktionen auf

    Hinweise auf Kreislaufgeschäfte und Bilanztricks bei Wirecard: Anfang 2019 erstellte die Commerzbank eine Liste mit 343 dubiosen Zahlungen. Behörden wurden gewarnt, nichts passierte. Auch das Verhalten des Bundesfinanzministeriums wirft Fragen auf.

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    Von
    • Arne Meyer-Fünffinger
    • Josef Streule

    Der Februar 2019 verläuft für Wirecard turbulent. Die britische Wirtschaftszeitung Financial Times schreibt Anfang des Monats über Bilanzmanipulationen des Aschheimer Zahlungsabwicklers in Asien. Daraufhin sackt der Aktienkurs des gerade erst in den DAX aufgestiegenen Unternehmens dramatisch ab. Wenige Tage später, am 18. Februar 2019, geht in der Konzernzentrale in Aschheim bei München eine E-Mail von der Commerzbank ein. Die Frankfurter Großbank wickelt als Korrespondenzbank viele Überweisungen für die Wirecard Bank ab, weil diese international nicht verdrahtet ist. An die E-Mail hat die Commerzbank eine Liste mit 343 auffälligen Finanztransaktionen angehängt und fordert Aufklärung. BR Recherche liegen zu dem Vorgang umfangreiche Unterlagen vor.

    Wirecard-Manager kritisieren intern "Verhör-Ton" der Commerzbank

    In Aschheim kommt diese E-Mail nicht gut an, die Manager dort empfinden sie sogar als Affront. Einer von ihnen, Thorsten H., schreibt daraufhin am 22. Februar 2019 an Finanzvorstand Alexander von Knoop: "Soviel zum Vertrauen der Commerzbank in uns." Am liebsten würde er "die Konten bei der COBA schließen". Und dem Vorstandsvorsitzenden Markus Braun berichtet er entrüstet, "der Ton kommt eher einem Verhör gleich". Dass die Anfrage der Commerzbank für Wirecard gefährlich werden könnte, ist Finanzvorstand Alexander von Knoop offenbar sofort klar. Er antwortet Thorsten H. per E-Mail, dieser solle "unbedingt ein Backup für den 'Fall der Fälle'" vorbereiten.

    50 Millionen aus Singapur an die Wirecard-Bank

    Ganz oben auf der Liste der Überweisungen, die der Commerzbank aufgefallen sind, stehen 50 Millionen Euro. Diese Summe hat eine Firma namens Equinia Services aus Singapur am 18. Dezember 2018 auf ein Konto bei der Wirecard-Bank eingezahlt. Das Konto gehört einem anderen Unternehmen aus Singapur namens Citadelle Corporate Services. Citadelle – ein Name, der nach der Wirecard-Pleite Ende Juni 2020 weltweit bekannt wird. Es handelt sich um die Treuhandfirma in Singapur, die bis Dezember 2019 in Singapur angeblich ein Vermögen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro für Wirecard verwaltet haben soll. Geld, das es wohl nie gegeben hat. Daran ist der Konzern am Ende zugrunde gegangen.

    Auffällig auch der Verwendungszweck der 50 Millionen Euro-Überweisung: "Kreditauszahlung Al Alam". Ein Kredit für den sogenannten Drittpartner Al Alam? Die Drittpartner wickeln für Wirecard vor allem in Asien Zahlungen ab. Dabei erwirtschaften sie scheinbar phantastische Erträge. Seit 2016 sorgen drei dieser Partnerfirmen angeblich für einen großen Teil der Gewinne bei der Wirecard AG.

    Weil der Transfer der 50 Millionen Euro von Wirecard offenbar nicht schlüssig erklärt wird, fragt die Commerzbank mehrmals in Aschheim nach, will weitere Hintergründe wissen. Wirecard reagiert genervt. In einer internen E-Mail von Anfang März 2019 bittet die Compliance-Abteilung eine hochrangige Managerin: "Die Commerzbank hat auf unsere große Antwort-Email reagiert und benötigt noch mehr Details zu EQUINIA SERVICES – hast Du irgendwelches Material, das wir herausgeben können?"

    Bank-Liste: Hinweise auf Kreislaufgeschäfte

    Auf der Liste der 343 verdächtigen Überweisungen finden sich zudem Hinweise auf Kreislaufgeschäfte. Besonders deutlich wird das im Fall eines weiteren Drittpartners namens PayEasy Solutions. Die Firma operiert von den Philippinen aus und hat über Jahre ebenfalls für hohe Gewinne bei Wirecard gesorgt. Laut der Commerzbank-Liste gehen auf dem Konto von PayEasy Solutions bei der Wirecard Bank 2016 und 2017 in zwei Tranchen 29 Millionen Euro ein. Eine Schwesterfirma, die Centurion Payment, erhält fünf Millionen Euro. Das Geld kommt von einer weiteren Wirecard-Treuhandfirma namens Strategic Corporate Investments. Auch sie verwaltet in Singapur Geld für Wirecard.

    Schon 2014 und 2015 hat Wirecard insgesamt 55 Millionen an diese Treuhandfirma gezahlt. Das geht aus Kontoauszügen, Verträgen und Bestätigungen des Treuhänders hervor. Das Geld sollte den Aschheimern exklusive Verhandlungsrechte für Firmenübernahmen in Brasilien sichern. Doch zu diesen Übernahmen kommt es nicht, stattdessen gehen große Teile des Geldes von diesem Treuhandkonto an PayEasy Solutions. Der wichtige Drittpartner kann so vortäuschen, dass es reales und gewinnbringendes Geschäft gibt.

    Der Commerzbank aufgefallen waren außerdem Zahlungen zwischen Drittpartnern von Wirecard. So hat Senjo Payments in den Jahren 2016 und 2017 an Al Alam insgesamt 49,8 Millionen Euro überwiesen. Andere Überweisungen betrafen Firmen mit Sitz auf den British Virgin Islands, den Kanalinseln oder Zypern. Rund ein Dutzend der Auftraggeber und Empfänger von Überweisungen hatte dieselbe Adresse in Singapur.

    Für Florian Toncar (FDP), Mitglied des Wirecard-Untersuchungsausschusses, ist die Liste der 343 Zahlungen höchst aussagekräftig: "Wenn man die Namen der Firmen anschaut, die jetzt hier auf dieser Liste stehen, dann hat die Commerzbank praktisch jede der wirklich wichtigen Scheinfirmen, über die Wirecard den Betrug abgewickelt hat, auch gekannt, identifiziert und in Verbindung gebracht mit verdächtigem Verhalten." Für Fabio De Masi (Linke) stand die Commerzbank damit "kurz davor, die Milliarden-Lüge Wirecard zu enttarnen".

    Und was passierte? Die Commerzbank teilt auf BR-Anfrage mit, sie habe aufgrund ihrer Erkenntnisse "Geldwäscheverdachtsmeldungen abgegeben, die Zahlungen Dritter an die Wirecard-Bank betrafen". Die Meldungen gingen an die zuständige Anti-Geldwäscheeinheit FIU. Zu Details äußert sich die Bank nicht.

    Commerzbank-Vorstand Markus Chromik hatte sich bei seiner Zeugenaussage im Wirecard-Untersuchungsausschuss im Januar dieses Jahres auskunftsfreudiger gezeigt. Bei der Commerzbank hätte schon im Februar 2019 der Verdacht im Raum gestanden, dass bei Wirecard über auffällige Transaktionen "tatsächlich etwas manipuliert wird vielleicht in der Bilanz". Die Commerzbank habe daher Meldungen wegen des Verdachts der Geldwäsche abgegeben, die "ein ganzes Bündel" von Transaktionen umfassten. Und: Schon im Frühjahr 2019 habe die Bank beschlossen, die Kundenbeziehung zu Wirecard zu beenden. Das geschah dann auch.

    Anti-Geldwäschebehörde leitet Verdachtsmeldung zunächst nicht weiter

    Die von der Commerzbank informierte FIU reagiert zunächst nicht. Das lässt sich beispielhaft anhand einer Verdachtsmeldung vom 26. Februar 2019 rekonstruieren. Darin geht es um die philippinische Firma Centurion Payment Solutions, die von einer der Wirecard-Treuhandfirmen aus Singapur in zwei Tranchen fünf Millionen Euro erhalten hatte.

    Aus den BR Recherche vorliegenden Unterlagen geht hervor: Abgegeben hat die Meldung eine "Korrespondenzbank" - die Commerzbank. Aber erst am 28. Juli 2020 wird sie dem LKA Bayern vorgelegt, mehr als einen Monat nach dem Zusammenbruch von Wirecard. Dabei hatte die Financial Times schon im März 2019 über Centurion berichtet - unter dem Titel "Wirecard's problem partners". Warum blieb die FIU so lange untätig?

    FIU: Financial Times keine "verlässliche Quelle"

    Die Antwort darauf findet sich in einem internen Dossier, angefertigt von der FIU am 26. August 2020. Darin steht: Weil die Finanzaufsicht BaFin die Financial Times im Zusammenhang mit Shortseller-Attacken auf Wirecard angezeigt habe, sei die Zeitung diskreditiert gewesen. "Somit konnte die Financial Times nicht als verlässliche Quelle zum damaligen Zeitpunkt aus Sicht der operativen Analyse angesehen werden", so die FIU.

    Florian Toncar (FDP) sieht darin "auf jeden Fall eine große Fahrlässigkeit" der FIU. Das zeichne "ein klares Bild über die fehlende Leistungsfähigkeit der Geldwäsche-Aufsicht in Deutschland".

    Die Staatsanwaltschaft München, die im Fall Wirecard unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs ermittelt, bestätigt auf Anfrage, dass die FIU die Verdachtsmeldungen der Commerzbank zu fast 350 auffälligen Transaktionen erst Ende Juli 2020 an das LKA Bayern weitergeleitet hat. Von dort gingen sie weiter an die Staatsanwaltschaft. Die schätzt die Meldungen jetzt "zu einem großen Teil als sehr werthaltig" ein.

    Fabio De Masi (Linke), Mitglied im Wirecard-Untersuchungsausschuss, sieht auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz in der Verantwortung: "Es schlägt dem Fass den Boden aus, dass die FIU umfangreiche Geldwäsche-Verdachtsmeldungen der Commerzbank über Monate hat liegen lassen." Dafür müsse Finanzminister Olaf Scholz als Dienstherr der FIU "die politische Verantwortung übernehmen".

    Ministerium lässt pikante Details aus Bericht streichen

    Nach der Wirecard-Insolvenz arbeitete die FIU ihren Umgang mit Verdachtsmeldungen auf. Aus internen Unterlagen geht hervor, dass der Anti-Geldwäscheeinheit schon vor der Insolvenz von Wirecard 13 Verdachtsmeldungen vorlagen, die die Behörde später in einer Tabelle als "'faule' TPA", sprich als Meldungen über faule Drittpartner, klassifiziert hat. Diese Information wird in einem "Dossier zur Rolle der FIU bei Wirecard" durch das Bundesfinanzministerium jedoch gestrichen. Das habe Staatssekretär Rolf Bösinger "wohl dringend gewünscht". So steht es im internen E-Mail-Verkehr der FIU. Alle Informationen zu verdächtigen Drittpartner-Überweisungen, die schon vor der Insolvenz bei der FIU eingingen, würden der "vertieften Analyseoperation ab dem 22. Juni 2020" zugeordnet. Auf der Sondersitzung des Finanzausschusses des Bundestags Ende August 2020 erfahren die Abgeordneten nichts davon, dass bei der FIU Informationen zu verdächtigen Drittpartner-Geschäften schon vor dem Zusammenbruch von Wirecard vorlagen.

    Fabio De Masi (Linke) übt vor diesem Hintergrund heftige Kritik an dem verantwortlichen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Rolf Bösinger: "Er hat die FIU angewiesen, die Auskunft an das Parlament so zu geben, dass man davon ausgeht, dass es diese Geldwäsche-Verdachtsmeldungen erst nach der Wirecard-Insolvenz gegeben hat. Das ist ganz klare Manipulation."

    Der Wirecard-Untersuchungsausschuss werde den Vorgang aufklären. Das kündigt auch Florian Toncar (FDP) an: "Ein Staatssekretär darf sich nicht daran beteiligen, das Parlament zu täuschen und Informationen zu frisieren. Und insofern werden wir diesem Verhalten des Staatssekretärs ganz sicher nachgehen."

    Das Bundesfinanzministerium äußerte sich am späten Donnerstagabend nur allgemein: Das Dossier gebe die Erkenntnisse der FIU zutreffen wieder.

    BaFin bleibt im Januar 2020 untätig

    Die Commerzbank hat noch eine weitere Behörde im Januar 2020 nach eigenen Angaben "gesamthaft" über die ermittelten Sachverhalte, sprich auch die 343 verdächtigen Zahlungen, informiert: die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Was ist daraufhin geschehen? Auf Anfrage teilt die Behörde mit: "Im Hinblick darauf, dass die zuständige Strafverfolgungsbehörde bereits informiert war, bestand für uns keine Notwendigkeit aufsichtlich tätig zu werden." Die Staatsanwaltschaft jedoch gibt an, erst Ende Juli 2020 von der FIU über das LKA Bayern informiert worden zu sein.

    Während die Behörden untätig blieben, wurden hunderte Millionen aus dem Wirecard-Konzern herausgeschleust.

    Dabei hätte sich ein Sachverhalt leicht klären lassen: Die 50-Millionen-Überweisung von Equinia an Citadelle.

    Mit Überweisung Wirtschaftsprüfer getäuscht

    Wie aus einem "Sachstandsbericht zum Wirecard-Komplex (KW 40)" hervorgeht, den die FIU Anfang Oktober 2020 an das Bundesfinanzministerium schickt, landen die 50 Millionen Euro, die Equinia am 18. Dezember 2019 auf ein Konto des Treuhänders Citadelle überwiesen hat, zunächst auf Konten von zwei Wirecard-Tochterfirmen und am Ende bei der Wirecard AG. Die Folgen sind gravierend: Weil die 50 Millionen bei der Wirecard AG eingehen, akzeptieren die langjährigen Wirecard-Bilanzprüfer von EY die Summe als Testüberweisung des Wirecard-Treuhandkonten-Verwalters Citadelle – und damit als Beleg für ein reales Drittpartner-Geschäft.

    Ursprünglich kommen die 50 Millionen von Equinia. Und wie kam Equinia zu dem Geld? Nach BR-Recherchen war die Firma aus Singapur in das Wirecard-Geschäft mit Porno-Firmen eingebunden. Damit zusammenhängende Kreditkartenzahlungen, die bei der Wirecard-Bank eingingen, wurden im wöchentlichen Rhythmus an Equinia weitergeleitet und von dort an rund 20 Wirecard-Kunden, vorwiegend aus der Pornobranche, ausgezahlt. Equinia diente Wirecard somit offenbar als Strohmann, um Zahlungen nicht direkt an Porno-Firmen weiterleiten zu müssen. Schon Jahre zuvor hatte sich Wirecard gegenüber der Commerzbank verpflichtet, solche Geschäfte nicht mehr abzuwickeln. Zwischen 2016 bis 2019 hat Equinia nach BR-Informationen so 368 Millionen US-Dollar von Wirecard erhalten – offenbar genügend Geld, um 50 Millionen an Citadelle zu überweisen und so die Wirtschaftsprüfer zu täuschen.

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