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Das Rettungsschiff Sea-Watch 3 liegt derzeit im Hafen von Valletta und darf nicht mehr auslaufen.
© Lisa Hoffmann/Sea-Watch/picture alliance/AP Photo

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Jenny Stern
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Das Rettungsschiff Sea-Watch 3 liegt derzeit im Hafen von Valletta und darf nicht mehr auslaufen.

Im Mittelmeer starben in diesem Jahr mindestens 1.422 Menschen auf der Flucht, allein im Juni waren es 629 Menschen. Private Initiativen wie Sea-Watch, Mission Lifeline oder die bayerische Sea-Eye sind in den vergangenen Jahren in See gestochen und haben Tausende Menschen aus dem Wasser gerettet.

Doch damit ist vorerst Schluss, denn ihre Rettungsschiffe dürfen den Hafen auf Malta nicht verlassen. Derzeit ist kein ziviles Rettungsschiff vor Libyen mehr im Einsatz. Der Leiter des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück, Jochen Oltmer, macht dafür die aktuelle Abschottungspolitik der Europäischen Union verantwortlich: "Seenotrettung ist zunehmend ein Problem für Politiker, die die Wege nach Europa dichtmachen wollen."

Vorwurf gegen Helfer: Der "Pull-Effekt"

Private Helfer auf dem Mittelmeer sehen sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Arbeit würde mehr Menschen zur Flucht animieren, weil sie die Überfahrt nach Europa sicherer machten. Kritiker der Seenotrettung sprechen gerne vom sogenannten Pull-Effekt.

Dieser Argumentation folgt auch ein Twitter-Nutzer, der auf einen BR24-Artikel über ein Treffen von Angela Merkel und Sebastian Kurz verweist. Schon im März 2017 hatte der, damals noch als österreichischer Außenminister, die Arbeit der Initiativen kritisiert und bei einem Besuch auf Malta gesagt: "Der NGO-Wahnsinn muss beendet werden." Die Rettungsaktionen führten dazu, dass mehr Flüchtlinge im Mittelmeer sterben würden anstatt weniger, so Kurz.

Sea-Watch: "Wir sind Reaktion, nicht Ursache"

Der Sprecher der Hilfsorganisation Sea-Watch, Ruben Neugebauer, hält solche Thesen für zynisch: "Wir sind die Reaktion auf das Problem, dass dort Menschen ertrinken", sagt er. "Wie sollen wir also dessen Ursache sein? Menschen sind doch schon vorher in Seenot geraten, bevor wir dort waren." Dass wegen der Seenotretter angeblich mehr Menschen über das Mittelmeer flüchteten, sei schon bei "Mare Nostrum" widerlegt worden.

Mare Nostrum, das italienische Programm zur Seenotrettung, lief zwischen Oktober 2013 und 2014 und rettete laut UN-Migrationsbehörde IOM ungefähr 150.000 Menschen. Nachdem die Operation eingestellt worden war, seien die Überfahrten nicht weniger geworden, so der Sea-Watch-Sprecher. Die Zahl der Toten sei im Frühjahr 2015 ganz massiv nach oben gegangen.

Juni der tödlichste Monat

Die UN-Flüchtlingshilfe schätzt, dass zwischen Januar und Juni 2018 etwa 40 Prozent der Rettungseinsätze von NGOs gefahren wurden. Oft nehmen auch zivile Handelsschiffe oder andere militärische Schiffe die Flüchtenden mit an Bord. Internationales Seerecht und die seemännische Tradition verlangen es, dass der Kapitän Menschen in Seenot Hilfe leistet, sobald er darüber informiert wird - sofern er sich dadurch nicht selbst in Gefahr bringt.

Dass die privaten Seenotretter nun nicht mehr in See stechen dürfen, hat laut Sea-Watch Folgen: "Der Juni 2018 ist der tödlichste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Und das, weil keine Rettungskräfte mehr vor Ort sind", sagt Sprecher Neugebauer. Das Schiff der Berliner Organisation, die Sea-Watch 3, und ihr Aufklärungsflugzeug Moonbird dürfen seit Tagen nicht starten. Wie es nun weitergeht? Das wisse er nicht.

Untersuchungen aus Oxford und London

Mehrere Twitter-Nutzer verweisen im erwähnten BR24-Thread auf eine und die die These eines "Pull-Effekts" durch Seenotrettung widerlegt. Die Autoren Elias Steinhilper and Rob Gruijters vergleichen darin die verschiedenen Phasen der Seenotrettung, angefangen mit Mare Nostrum (2013-2014), über die Mission Triton der EU-Grenzschutzbehörde Frontex (2014-2015), bis hin zu privaten Hilfsorganisationen (ab 2015). Die Erkenntnis: Die Rettungseinsätze hatten keinen oder einen geringen Einfluss auf die Zahl der Flüchtenden, die über das Mittelmeer wollten, sie verringerten aber die Zahl der Toten.

Zu einem ähnlichen Schluss kommen Forschungen an der Goldsmiths, University of London. Das seit 2011 laufende Projekt "Forensic Oceanography" von Charles Heller und Lorenzo Pezzani versucht mithilfe von Zeugenaussagen, Satellitenbildern und Geodaten-Mapping die Situation der Flüchtenden auf dem Mittelmeer zu dokumentieren. beschäftigen sie sich auch mit den angeblichen "Pull-Faktoren".

Dabei konnten die Forscher keinen direkten Zusammenhang zwischen einer vermehrten Seenotrettung und einer höheren Zahl ankommender Flüchtlinge in Libyen erkennen. Vielmehr führen sie die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage und politische Krisen auf dem Kontinent als Grund für die hohen Flüchtlingszahlen an.

Der investigative Journalist Mark Micallef konnte in einem nachweisen, dass sich Schleuser in Libyen tatsächlich an die Arbeit der Seenotretter angepasst hätten, es hätte ihre Logistik (zum Beispiel durch den Einsatz von Schlauchbooten) vereinfacht und die Kosten gesenkt.

Aber diese Veränderungen der Geschäftsmodelle - und hier bezieht sich Micallef auf die Arbeiten der Forensic Oceanography - hätten schon vor Beginn von "Mare Nostrum" eingesetzt. Als bedeutenden "Pull-Faktor" sieht der Journalist die Arbeit der Retter nicht: Die Flüchtenden würden die gefährliche Überfahrt so oder so wagen.

Theorie der "Pull-Faktoren" veraltet

Die Theorie der "Pull-Faktoren" hält Migrationsforscher Oltmer, der auch im Netzwerk Flüchtlingsforschung aktiv ist, ohnehin für überholt. Außerdem passe der Begriff nicht auf das Phänomen der Seenotrettung, sagt er. Das Migrationsmodell der Push- und Pull-Faktoren stammt aus den 1960er Jahren und besagt, dass Menschen wegen bestimmter Faktoren von einem Gebiet weggedrängt und von einem anderen angezogen werden.

Das können zum Beispiel eine günstige wirtschaftliche Situation sein, ein stabiles politisches System oder das Vorhandensein von Menschenrechten. Oltmers Kritik: Die Theorie unterschätzt den Willen des Individuums, die Menschen würden darin "geschoben und gezogen wie auf einem Schachbrett".

An der Untersuchung aus Oxford kritisiert ein Twitter-Nutzer, dass die Autoren nicht objektiv seien und der Flüchtlingshilfe nahestünden. Auch Migrationsforscher Oltmer zeigt sich den Ergebnissen skeptisch gegenüber, aber aus einem anderen Grund: Viele Annahmen darin seien nicht ausreichend belegt worden.

Ob Seenotrettung mehr Flüchtende anzieht, hält Oltmer ohnehin für die falsche Frage. "Es mag sein, dass die NGOs Teil eines Geschäftsmodells sind und dass der ein oder andere Schleuser auf die Helfer setzt", sagt er. Für relevant hält er das nicht. Viel wichtiger müsse stattdessen die Frage sein: "Ändert das irgendetwas daran, dass man Menschenleben retten muss?"

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Jenny Stern