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Windkraftanlagen: Angst vor Umweltzerstörung in der Ägäis | BR24

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Windräder bei Elounda auf Kreta: Bewohner und Naturschützer befürchten Umweltzerstörung auch durch andere gigantische Anlagen, etwa auf Amorgos.

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Windkraftanlagen: Angst vor Umweltzerstörung in der Ägäis

Griechische Inselbewohner und Naturschützer schlagen Alarm: Die Ägäis mit ihren zahlreichen Inseln dürfte in zehn Jahren ihr Gesicht verändern. Der Grund: gigantische Windkraftanlagen, die auf den kleinen Felseninseln errichtet werden sollen.

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Von
  • Anna Küch
  • Henryk Jarczyk

Amorgos liegt etwa 30 Kilometer von Naxos entfernt im südlichen Ägäischen Meer, ein Naturparadies mit nur 2.000 Einwohnern. Allein hier sollen auf den unberührten Bergrücken bald 73 Windräder stehen. Ein Projekt, das den Inselbewohnern Angst einjagt und sie wütend macht. Viele fürchten, dass die geplante Windkraftanlage die Landschaft zerstören wird, und zwar nicht nur hier. Betroffen wären auch kleine Felseninseln, die unbewohnt sind. Sollten alle Pläne wie vorgesehen realisiert werden, dann – so die Kritik - dürfte es eine Ägäis, wie man sie kenne und schätze, nicht mehr geben.

"Etwas, was wirklich seit Jahrtausenden erhalten geblieben ist, wird innerhalb von fünf bis zehn Jahren kaputt gemacht, und zwar für immer. Man kann Berge, die abgetragen werden, nicht wieder aufstellen. Da kann man nichts wieder gut machen." Kritikerin Elena Beis

Die griechische Regierung wolle den Ausbau trotz zahlreicher Proteste vorantreiben, behaupten Naturschützer. Um schneller entscheiden zu können, so Kritiker des Projektes, habe man während des Lockdowns Gesetze entsprechend geändert. Dadurch könnten Windkraftwerke wesentlich schneller und ohne komplizierte Genehmigungsverfahren gebaut werden, heißt es.

"3.000 bis 5.000 Quadratmeter pro Windrad"

Die Anlagen sind riesig: Bis zu 200 Meter hohe Windräder sollen auf den felsigen ägäischen Inseln und auf den Bergkämmen im Festland stehen – die meisten in Naturschutzgebieten. Skipper Akis Papasarantis kennt die Welt der Inseln dort seit Jahrzehnten. Über 3.000 gibt es im Ägäischen Meer. Viele Bewohner, erzählt er, wüssten nicht, was die Regierung vorhabe. Das will er ändern.

"Wir müssen die Menschen informieren. Sie haben keine Ahnung. Und die Regierung gibt ihnen auch nicht das Recht, über ihre Insel zu entscheiden. Das ist ein sehr großes Problem. Für Amorgos bedeutet das, dass die Schönheit der Insel komplett zerstört wird. Sie müssen große Straßen bauen, damit die Laster mit dem Baumaterial aneinander vorbeikommen. Und dann müssen die Berge flach gemacht werden. 3.000 bis 5.000 Quadratmeter Fläche brauchen sie für jedes einzelne Windrad.“ Skipper Akis Papasarantis

Inseln für unbewohnt erklärt

Die Einwohner der betroffenen Inseln wurden nicht gefragt, was sie von den Anlagen hielten. Auch nicht auf Kinaors und Levitha. Die zuständige Behörde habe unter anderem diese Inseln kurzerhand für unbewohnt erklärt, obwohl dies nicht den Tatsachen entspräche, so der Vorwurf der Naturschützer.

Bewohner fühlen sich überrumpelt

Auf Kinaros wohnt zum Beispiel Irini Katsotourchi. Sie ist auf der Insel aufgewachsen und seit dem Tod ihres Mannes die einzige Bewohnerin. Ihre Hütte liegt direkt am Anlegesteg. Vor ein paar Jahren, erzählt die 75-Jährige, habe sie ein griechisches Energieunternehmen angerufen:

"Man sagte mir, ich soll selbst entscheiden, wo die Windräder aufgestellt werden sollen. Ich sagte, da drüben an der Ostseite, wo nichts ist. Ich wusste damals nicht, dass sie so viel Lärm machen. Nun sagen die, die werden hier hingestellt. Von hier bis da oben." Irini Katsotourchi, Bewohnerin von Kinaros

Wer profitiert von dieser Masse?

Derzeit erzeugt Griechenland 10 Gigawatt Strom aus erneuerbaren Energien. Um die Klimaziele 2030 zu erreichen, müssten es 19 Gigawatt sein. Würden alle geplanten Windkraftanlagen realisiert, wären es aber 70 Gigawatt – viel mehr, als eigentlich benötigt. Warum also diese Masse an Anlagen? Die Regierung in Athen schweigt dazu, entsprechende Ersuchen um Auskunft bleiben unbeantwortet. Stellt sich also die Frage, wer von der Windkraftanlage eigentlich profitiert? Zunächst die griechischen Baufirmen. Sie erschließen die Inseln, teeren die Straßen, gießen Betonfundamente. Dann kommen die Unternehmen zum Zuge, die Windkraftanlagen bauen, hauptsächlich Firmen aus dem Ausland. Und schließlich auch nationale und internationale Energieunternehmen, die den Strom verkaufen.

Energiepläne mit katastrophalen Folgen

Noch ist Amorgos wie viele andere kleine Inseln der Ägäis ein Geheimtipp unter Touristen. Hier gibt es keine Hotelburgen oder Appartementanlagen. Stattdessen weiße Dörfer, Klippen und jede Menge Maultierpfade. Noch immer werden die Tiere auf Amorgos als Transportmittel eingesetzt, wenn Häuser gebaut werden. Eine einzige geteerte Straße führt vom Hafen in Katapola hoch in die Berge zum Hauptort der Insel, Chora. Es ist eine kleine Ansammlung von schneeweißen Häusern mit blauen Fensterläden und Türen, mit kleinen Kapellen und Kirchen. Über dem Dorf ragen Felsen und alte Windmühlen. Eine idyllische Landschaft, die vor einer Zerstörung stehe, so der Tenor vor Ort. Zwei Windräder – schätzen Experten - könnten den gesamten Strombedarf der Insel ohne Weiteres decken. Warum also 73, die sich über die Insel reihen sollen? Das versteht keiner auf Amorgos. Genauso wenig wie auf den übrigen Inseln der Ägäis.

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