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Gesundheitsminister Jens Spahn auf der Bundespressekonferenz: man müsse erst die dritte Welle brechen und das Infektionsgeschehen senken, bevor man mehr Öffnungsperspektiven geben könne.

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Wieler und Spahn mahnen zur Eile: "Wir müssen jetzt handeln"

Gesundheitsminister Spahn und RKI-Chef Wieler appellieren an die Bundesländer, die Notbremse sofort einzusetzen: "Was wir jetzt versäumen, rächt sich in zwei Wochen." Wie angespannt der Klinik-Alltag gerade ist, macht ein Charité-Professor deutlich.

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Von
  • Michael Kubitza

Die dritte Corona-Welle baut sich weiter auf. Nachdem um Ostern herum die Infektionszahlen zumindest in der Statistik zurückgegangen sind, steigen sie nun massiv an. Intensivmediziner schlagen Alarm: In Bayern etwa sind 90 Prozent aller verfügbaren Intensivbetten belegt. Zugleich stehen mehrere Maßnahmen wie die Ausgangssperren rechtlich und wissenschaftlich unter Beschuss, die Freien Wähler und eine Gruppe von Geschäftsleuten und Gastronomen wollen gegen die "Bundesnotbremse" Verfassungsbeschwerde einlegen.

Vor diesem Hintergrund haben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, zusammen mit Steffen Weber-Carstens, Klinikleiter an der Charite, am Vormittag in der Bundespressekonferenz einen Ausblick auf die kommenden Tage und Wochen gegeben. Ihr Fazit: "Die Infektionszahlen sind zu hoch und sie steigen weiter".

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Gesundheitsminister Jens Spahn sagte auf der Pressekonferenz zur Corona-Lage, man müsse erst die dritte Welle brechen und das Infektionsgeschehen senken, bevor man mehr Öffnungsperspektiven geben könne.

Spahn: Situation in den Krankenhäusern zwingt zum Handeln

Zwar werde immer mehr getestet, die Zahl der Impfungen beziffert Spahn auf inzwischen 500.000 bis 700.000 - "nicht täglich, aber regelmäßig." Doch das Beispiel auch von bereits stärker immunisierten Staaten wie den USA und Chile zeige, dass das nicht reicht.

Neben den steigenden Inzidenzzahlen bezeichnete Spahn die Situation in den Kliniken als "härteste Währung". Das Hauptziel der Politik sei weiterhin, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Neun von zehn Patienten, die aufgrund einer Atemwegserkrankung intensivmedizinisch behandelt würden, seien Covid-19-Patienten, so Lothar Wieler. Immer häufiger sei eine ECMO-Behandlung nötig, umgangssprachlich als "künstliche Lunge" bezeichnet, und hier würden die Plätze sowie das verfügbare Personal sehr knapp

Spahn appellierte, die zur Abstimmung stehende "Bundesnotbremse" bereits jetzt anzuwenden.

"Wir sollten nicht darauf warten, bis der Bundestag nächste Woche dieses Gesetz beschlossen hat" Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

Wieler: auch Jüngere immer stärker betroffen

Lothar Wieler ergänzte weitere Zahlen, von denen ihn vor allem drei beunruhigen: Der Anteil der ansteckenderen britischen Mutation B 1.1.7. läge inzwischen bei 90 Prozent, die höchsten Steigerungsraten an Neuinfektionen gebe es bei den 15- bis 49-Jährigen. Und: das rühre nicht nur daher, dass mehr getestet wird: "Sonst hätten wir nicht positive PCR-Testergebnisse von über 12 Prozent."

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Lothar Wieler, Präsident des RKI, fordert ein sofortiges Handeln der Politik und eine drastische Kontaktreduktion. Nur so könne man Covid kontrollieren.

Alltag auf den Intensivstationen: zu hohe Auslastung, zu wenig Personal

Steffen Weber-Carstens, Professor an der Charité, vermittelte anschließend bedrückende Einblicke in den Alltag auf den Intensivstationen. Auch wenn es derzeit und hoffentlich auch künftig keine Triage gebe, sei die Belastung des gesamten Klinikpersonals seit langem zu hoch. Eine theoretisch verfügbare Zahl von Intensivbetten nütze wenig, wenn Personal zur Betreuung fehle. Als Beispiel nannte er das Problem, die hochempfindlichen, an diversen medizinischen Geräten hängenden Intensivpatienten immer wieder in die medizinisch notwendige Bauchlage zu bringen - womit pro Patient alle paar Stunden vier bis fünf Pfleger beschäftigt seien.

Zugleich warnte Weber-Carstens davor, die aktuelle Quote von zehn Prozent Reserve auf den Intensivstationen als ausreichenden Puffer zu betrachten. Bei im Schnitt zehn Intensivbetten pro Klinik sei vor Ort oft nur noch ein Bett frei - für sämtliche Herzinfarkt-, Schlaganfall-, Unfall- und alle weiteren Patienten. In Berlin würde daher schon jetzt nur das "Notfallprogramm" gefahren.

Die Nachfrage einer Journalistin, inwieweit das Pflegepersonal in den Krankenhäusern demnächst mit einer besseren Bezahlung rechnen könne, beantwortete Spahn mit dem Hinweis, dass zunächst ja Reformen in der Altenpflege geplant seien. Und in den Kliniken? "Die Bezahlung ist schon eine, die - klar, mehr geht immer - eine, die da ist."

Optimistische Perspektiven für den Sommer

Konkreter Jens Spahns Ausblick auf den Sommer: Trotz Rückschlägen bei den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson erneuerte Spahn sein Versprechen, dass bis zum Ende des dritten Quartals jeder Impfwillige eine Corona-Impfung bekommen kann. Möglich werde dies durch Zusatzproduktion des deutschen "Hauptlieferanten" Biontech/Pfizer.

Was der Sommer uns bringen könne? "Ob dann gleich schon wieder alle bis zu den Seychellen fliegen müssen, weiß ich nicht. Bis zur Nordsee wird man sicher kommen." Insgesamt sei er "sehr, sehr zuversichtlich, dass wir im Sommer mit dem, was die Impfkampagne jetzt auch hergibt, in der weiteren Entwicklung eine deutlich andere Lage haben. Unbedingt."

Karliczek zum Stand der Corona-Medikamentenforschung

Bereits um 11 Uhr stand der nächste Pressetermin zum Thema an: Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) äußerte sich zum aktuellen Stand der Medikamentenforschung gegen Covid-19. Demnach fördert die Bundesregierung acht Forschungsvorhaben zur Entwicklung von Medikamenten gegen das Coronavirus. Die unterstützten Wissenschaftler verfolgten unter anderem Behandlungsansätze mit verschiedenen Antikörpern sowie einem RNA-Wirkstoff. Das Anfang des Jahres aufgelegte Förderprogramm der Regierung hat ein Volumen von zunächst 50 Millionen Euro.

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Fast 30.000 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages melden die Gesundheitsämter - damit sind die Fallzahlen weiter deutlich angestiegen. Gesundheitsminister Spahn und RKI-Chef Wieler fordern deshalb, die geplante Notbremse sofort umzusetzen.