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Wiedervereinigung: Migranten versus Ossis | BR24

© dpa picture alliance

Migranten-Plakat in Dresden (Archivbild)

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    Wiedervereinigung: Migranten versus Ossis

    Bis heute wird die Wiedervereinigung vor allem von Ost- und Westdeutschen ohne Migrationsgeschichte erzählt. Dabei lebten in der BRD fünf Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln und in der DDR 200.000. Wie haben sie die Wendezeit erlebt?

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    Von
    • Julia Ley

    Die Wende ist 30 Jahre her. Doch bis heute fühlen sich viele Ostdeutsche als "Deutsche zweiter Klasse". Sie haben das Gefühl, dass ihr Wissen und ihre Erfahrungen nach der Wende weniger wert waren. Und dass ihre Erinnerungen an die Nachwendezeit bis heute weniger Gehör finden.

    Migranten versus Ossis

    Ähnlich geht es vielen Deutschen, die selbst oder deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind. Auch sie haben damals mitgefeiert und auch sie bangten um ihre Zukunft in diesem neuen, vereinten Deutschland, sagt der Migrationsforscher Hacı-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen:

    "Der Kampf um Platz zwei begann. Platz eins war ja schon immer vergeben. Der war für die Wessis reserviert, aber der Kampf um Platz zwei: Hatten ihn die Migranten, die schon lange im Westen lebten, beispielsweise die früheren Gastarbeiter, oder die neuen Deutschen, die jetzt plötzlich dazukamen." Hacı-Halil Uslucan

    Lektion für westdeutsche Politiker

    In den 80er-Jahren gingen die allermeisten Deutschen davon aus, dass die Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen irgendwann zurückgehen würden. Erst ganz allmählich begriffen westdeutsche Politiker, dass viele Migranten und Migrantinnen wohl bleiben würden und begannen, in deren Integration zu investieren. Viele Migranten und Migrantinnen fürchteten, dass die Ankunft der Neuankömmlinge aus dem Osten die Fortschritte wieder kaputt machen könnte.

    "Ich glaube, dass solche Diskurse plötzlich virulent wurden: Wer gehört eigentlich dazu? Die neuen Deutschen? Oder die alten Türken, die man eigentlich schon kannte und mit denen man schon seit Jahrzehnten zusammenlebte?" Hacı-Halil Uslucan, Migrationsforscher aus Duisburg

    Gastarbeiter im Westen, Vertragsarbeiter im Osten

    Die westdeutschen Migranten und Migrantinnen kamen meist aus Griechenland, aus Italien oder der Türkei. Im Osten waren es vor allem sogenannte "Vertragsarbeiter" aus befreundeten sozialistischen Staaten, mit denen die DDR den Arbeitermangel auszugleichen versuchte.

    In der Zeit der Wiedervereinigung freuten sich viele Migranten und Migrantinnen zunächst für ihre deutsch-deutschen Nachbarn. So auch Thi Hoang Ha Vu vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt. Sie sagt, sie fühlte damals mit den Deutschen, die in einem geteilten Land groß geworden waren:

    "Ich kannte diesen Schmerz sehr gut, wenn die Familie in Trennung lebt. Auch ich hatte wegen des Vietnam-Krieges meine Großmutter und meinen Onkel nie gesehen, weil sie auf der anderen Seite der Trennungslinie zwischen Nord- und Südvietnam lebten." Thi Huang Ha Vu

    Hoffnung auf noch viel mehr

    Tahir Della, Münchner und Pressesprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), hatte damals die Hoffnung, dass mit der Mauer auch andere Grenzen fallen würden:

    "Ich habe damals angefangen, darüber nachzudenken, welche Chancen sich damit eröffnen könnten: ob es möglich wäre, das gute von beiden System zu kombinieren." Tahir Della, Initiative Schwarze Menschen

    Sorgen statt Hoffnung

    Auf die Hoffnung folgte bei vielen Enttäuschung. Für manche Migranten und Migrantinnen verbanden sich mit der Öffnung des Ostens auch ganz konkrete, ökonomische Hoffnungen, sagt der Forscher Uslucan:

    "Für einige, gerade für Leute mit Unternehmergeist, hat sich ja auch ein enormer Markt geöffnet. Wie viele plötzlich auch aus türkischer Sicht den Osten entdeckt haben: Sei es ganz klassisch Döner, Imbissbuden, Obst, Gemüse, aber auch Textilien, Märkte." Hacı-Halil Uslucan, Migrationsforscher aus Duisburg

    So groß die Hoffnungen zunächst waren, so tief war dann die Enttäuschung, die sich bei vielen Migranten und Migrantinnen in der Zeit nach der Wiedervereinigung breitmachte. Besonders schlimm traf es die ausländischen Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen im Osten Deutschlands. In vielen Betrieben wurden sie zuerst entlassen. Binnen drei Jahren mussten vier Fünftel der Vertragsarbeiter und Vertragsarbeiterinnen das Land verlassen.

    "Die meisten von uns hatten gar keine andere Wahl als die Entschädigung vom Abbruch des Vertrages anzunehmen und nach Hause zu fliegen. Zuerst hatte ich auch beschlossen, nach Hause zu gehen, da ich so enttäuscht war von den Freiheiten im Westen." Thi Hoang Ha Vu, Landesnetzwerk Migranten in Sachsen-Anhalt

    Gegenseitiges Verständnis für Traditionen

    Die Vietnamesin blieb und gründete den deutsch-vietnamesischen Freundschaftsverein in Magdeburg. Der Verein möchte, so steht es auf der Webseite, "Verständnis für Traditionen, Kultur und Verhaltensweisen vietnamesischer BürgerInnen schaffen".

    Der Bedarf dafür war in der Tat groß. Der Rassismus, den es in der DDR offiziell nicht geben durfte, trat nun offen zutage. Doch auch im Westen kochte seit dem Mauerfall ein längst überwunden geglaubter Nationalismus wieder hoch.

    Rassismus nach dem Mauerfall

    Tahir Della, Pressesprecher der Initiative Schwarze Menschen, erinnert sich daran, was eine schwarze Kollegin damals erlebte, die sich kurz nach dem Mauerfall zu einer spontanen Feier in Berlin gesellen wollte:

    "Die Stimmung war gut, die Leute feierten auf der Straße. Als sie sich dazu stellte, schallte ihr der Ruf entgegen: ‚Was willst du? Das ist eine Feier nur für Deutsche!", Tahir Della

    Es blieb nicht bei der verbalen Ausgrenzung. Auf die allgemeine Euphorie folgte in den 90er-Jahren das Schreckgespenst gewalttätiger Ausschreitungen gegen Menschen mit anderer Hautfarbe. In mehreren deutschen Städten griffen Rechtsextreme Migranten und Migrantinnen an, steckten Flüchtlingsheime in Brand, töteten Menschen oder nahmen ihren Tod zumindest in Kauf, teilweise unter dem Jubel der Anwohner und Anwohnerinnen.

    Tief im Kollektivgedächtnis

    Viele MigrantInnen haben diese Szenen bis heute nicht vergessen, sagt der Migrationsforscher Hacı-Halil Uslucan: "Das sind Aspekte, die im Kollektivgedächtnis von Migranten tief drin sind, was sie auch mit Mauerfall und Wiedervereinigung verbinden."

    Tahir Della empfindet deshalb bis heute Skepsis, wenn die Wende verklärt wird. "Man spricht über die Bürgerrechtler von damals, ist stolz auf die friedliche Revolution. Man spricht auch über die Probleme, die sich für viele Ostdeutsche daraus ergeben haben. Worüber man aber selbst jetzt, knapp 30 Jahre danach, immer noch nicht spricht, sind die unmittelbaren Folgen für Menschen, die plötzlich als fremd wahrgenommen worden sind und deshalb rassistische Erfahrungen machen mussten." Tahir Della

    Was Migranten zur Wende sagen

    Dabei hätten gerade Menschen mit Migrationsgeschichte Interessantes zu den Wende-Diskussionen beizutragen. Erkan Inan, türkischstämmiger Bayer und Mitglied im Münchner Migrationsbeirat, kann den Frust vieler Ostdeutscher verstehen:

    "Dieses Gefühl kennen wir ja aus der Gastarbeitergeneration, aus der Migrationsgesellschaft heraus sowieso. 'Integriert euch, benehmt euch wie zivilisierte Mitteleuropäer', das wurde uns ja immer gesagt. Also war es klar, dass wir sehr empathisch sein konnten mit dieser Situation der Menschen im Osten von Deutschland." Erkan Inan, Migrationsbeirat München

    Solidarität statt Abwertung

    Hätte aus der geteilten Erfahrung der Abwertung nicht auch eine Form der Solidarität entstehen können, zwischen Ostdeutschen und Migranten und Migrantinnen? Vielleicht, sagt Erkan Inan. Aber dazu sei es eben nicht gekommen.

    "Umso mehr erstaunt es mich, dass gerade heute Menschen aus Ostdeutschland sich eine andere Minderheit suchen, um ihnen wiederum zu sagen: ‘Integriert ihr euch, ihr habt ja keine Ahnung.‘ Dafür habe ich kein Verständnis. Denn gerade sie sollten wissen, was es bedeutet, nichtig gemacht zu werden." Erkan Inan

    Deutsche Einheit (un)vollendet

    In diesen Tagen wird in ganz Deutschland "30 Jahre Wiedervereinigung" gefeiert. Ein guter Zeitpunkt, um auch den Perspektiven und Erinnerungen von etwa 21 Millionen Deutschen, deren Wurzeln im Ausland liegen, mehr Gehör zu schenken. Denn sonst bleibt die Deutsche Einheit, bei aller Feierlichkeit, unvollendet.

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