Photovoltaik unter sonnigem Himmel.

Photovoltaik unter sonnigem Himmel

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Patrick Pleul
    >

    Wie teuer wird der klimaneutrale Strom der Zukunft?

    Wie teuer wird der klimaneutrale Strom der Zukunft?

    Zurzeit erlebt Europa eine Kostenexplosion beim Gas- und Strompreis. Das trifft ein Energiesystem, das ohnehin umgestellt werden soll. Sind wichtige Voraussetzungen erfüllt, müssen die Strompreise dadurch aber nicht steigen.

    Der Gaspreis in Europa geht durch die Decke und mit ihm auch die Strompreise. Gleichzeitig soll das Energiesystem hin zur klimaneutralen Stromproduktion verändert werden. Sind grundlegende Voraussetzungen erfüllt, bedeutet eine Umstellung aber nicht, dass die Strompreise dadurch steigen.

    Photovoltaik am günstigsten

    Das Fraunhofer ISE Institut für Solare Energiesysteme hat in einer aktuellen Studie nachgerechnet, welcher Energieträger in Deutschland den Strom zu welchem Erzeuger-Preis liefert. Mit einem eindeutigen Sieger: Am günstigsten produzieren bereits heute große Photovoltaik-Freiflächenanlagen. Die Gestehungskosten liegen hier bei vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde. Danach folgt Wind an Land mit fünf bis sechs Cent und Wind auf See mit sechs bis acht Cent.

    Konventionelle Kraftwerke produzieren teurer als erneuerbare

    Fossile Kraftwerke produzieren im Vergleich dazu den Strom bereits heute deutlich teurer. Potenzielle neue konventionelle Kraftwerke kommen in Deutschland nach den Berechnungen von Fraunhofer ISE nicht unter Stromgestehungskosten von 7,5 Cent pro Kilowattstunde. Das obere Ende der Preisskala bilden Gaskraftwerke. Dort kostete die Kilowattstunde nach Angaben des Studienleiters Christoph Kost schon bisher 10 bis 15 Cent: "Jetzt, bei den sehr hohen Gaspreisen, geht dann der Preis über 20 Cent pro Kilowattstunde."

    Auch Kernkraft ist sehr teuer

    Nicht in der Fraunhofer-Studie berücksichtigt ist die Kernkraft. Denn in Deutschland ist der Atomausstieg bis Ende 2022 beschlossene Sache. Manche anderen europäischen Länder dagegen wollen weiter auf Atomkraftwerke setzen. Sie müssen dann aber sehr tief in die Tasche greifen, erläutert Energieökonom Felix Matthes vom Ökoinstitut, die Kernenergie sei ganz sicher die teuerste Option.

    Bei aktuell im Bau befindlichen Atomkraftwerken koste der Strom zwölf bis 15 Cent pro Kilowattstunde, und unter ungünstigen Umständen noch viel mehr: "Wir haben ja nun viele Jahrzehnte Kernenergie-Entwicklung hinter uns. Und sie ist nie preiswerter geworden, sondern immer teurer." Das hängt unter anderem mit immer neuen Sicherheitsrisiken zusammen, die bekannt werden und durch aufwändigere Konstruktion der Reaktoren eingehegt werden sollen.

    Photovoltaik und Windkraft dämpfen die Kosten

    Also: Neue Photovoltaik und Windkraftwerke dämpfen die Kosten für den Strom in Deutschland, fossile Kraftwerke treiben sie in die Höhe. Das gilt bereits jetzt, vor allem aber in Zukunft, wenn der CO2-Preis immer weiter steigt. Diese Entwicklung, die Strom aus Kohle und Erdgas weiter verteuern wird, ist bereits absehbar, so die Energie-Ökonomen Matthes und Kost. Dazu kommt das schwer kalkulierbare Risiko der Brennstoffpreis-Entwicklung.

    Schon jetzt investiert deshalb beispielsweise der Chemiekonzern BASF in einen großen Offshore-Windpark vor der niederländischen Küste. Das sei zwar im Moment noch etwas teurer als den Strom auf dem Markt zu kaufen, so Felix Matthes vom Ökoinstitut: "Aber die wissen dadurch schon jetzt, was für die nächsten 20 Jahre ihr Strompreis ist".

    Die Gas-Reservekraftwerke produzieren teuer, aber selten

    Klar ist jedoch auch: Obwohl der Strom aus Wind und Photovoltaik am günstigsten ist, kann die Energieversorgung der Zukunft nicht allein auf diesen beiden Quellen ruhen. Denn Sonne und auch Wind stehen ja nicht immer zur Verfügung. Es braucht deshalb auch eine ganze Menge Reservekraftwerke, die an nebligen Wintertagen einspringen.

    Das werden Gaskraftwerke sein, die zunächst mit fossilem Erdgas betrieben werden, so Christoph Pellinger von der Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE). Wenn Deutschland Klimaneutralität erreichen will, muss dieses fossile Gas dann im Lauf der Zeit durch synthetisch erzeugten "grünen" Wasserstoff ersetzt werden. "Diese grünen Brennstoffe werden relativ teuer sein und kurzfristig zu sehr hohen Kosten führen", so Pellinger.

    Ausbau der Erneuerbaren entscheidend für Strompreis

    Das aber lasse sich verschmerzen. Weil diese teuren Gaskraftwerke, wenn die Energiewende klappt, nur selten angeworfen werden müssen. Unterm Strich würden sie rund zehn Prozent des Stroms liefern, kalkuliert Fraunhofer ISE. Dafür käme der große Rest dann - sehr billig - aus Wind- und Sonnenkraft. Was sich unter dem Strich etwa ausgleichen würde.

    Wenn das so funktioniert, können die Strompreise in Deutschland über die nächsten Jahrzehnte konstant bleiben, auch wenn der Strom vollständig CO2-frei hergestellt wird. In dieser Einschätzung sind sich FfE, Fraunhofer ISE und Ökoinstitut einig.

    "Aber eine wichtige Komponente dabei ist eben der umfassende Ausbau der Erneuerbaren mit ihren sehr geringen Stromgestehungskosten", unterstreicht Christoph Pellinger von der Forschungsstelle für Energiewirtschaft. Damit dieses Szenario funktioniert, sei es entscheidend, dass jetzt schnell die Hindernisse für den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik beseitigt werden.

    Auch die Industrie fordert Energiewende-Offensive

    Wenn nicht, dann laufen die teuren Gaskraftwerke künftig immer länger. Und müssen noch dazu von Jahr zu Jahr einen immer höheren CO2-Preis bezahlen – was den Strompreis explodieren lassen würde. Ein Szenario, vor dem auch Wirtschaftsverbände warnen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) etwa fordert eine Infrastruktur-Offensive, um erneuerbare Energien preisgünstiger bereitzustellen.

    Nun könnte man meinen: Wenn Photovoltaik und Windenergie so billig sind, wird der Markt schon dafür sorgen, dass genug solche Kraftwerke gebaut werden. Zum Teil passiert das auch, so Felix Matthes vom Ökoinstitut. Zunehmend verkaufen Solar- und Windparks ihren Strom direkt, ohne Hilfe über das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Für den gesamten Strommarkt werde das jedoch nicht funktionieren, für 60 bis 70 Prozent der Strommenge brauche es weitere Anreize.

    Der Strommarkt muss reformiert werden

    Denn es gibt ein Problem: Die Erneuerbaren haben eine ganz andere Kostenstruktur als die althergebrachten Energieträger. Sie erfordern am Anfang hohe Investitionen, produzieren danach aber zu laufenden Kosten von praktisch null. Dafür ist das Design des Strommarkts bisher nicht gemacht. Deshalb muss der Markt nach Überzeugung von Matthes reformiert werden. Indem zum Beispiel neben verbrauchten Strommengen auch bereitstehende Kapazitäten gehandelt werden. Die Gesellschaft müsse entscheiden, wie viele Gigawatt erneuerbare Energien und Gaskraftwerke im System sein sollen. Und ein Regulator wie die Bundesnetzagentur dann den Markt entsprechend definieren.

    Im Sondierungspapier der Ampel-Parteien sind entscheidende Forderungen der Wissenschaftler tatsächlich enthalten: Die Parteien versprechen ein neues Strommarktdesign, beschleunigte Genehmigungsverfahren und zwei Prozent der Landesfläche für die Windkraft. Das mache Hoffnung, sagt Felix Matthes vom Ökoinstitut, ergänzt aber auch: "Wir sind schon ein wenig spät dran damit."

    Europäische Perspektiven

    Täglich wählt BR24 Inhalte von unseren europäischen öffentlich-rechtlichen Medienpartnern aus und präsentiert diese hier im Rahmen eines Pilotprojekts der Europäischen Rundfunkunion.

    "Hier ist Bayern": Der neue BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!