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Wie Salafisten Kinder im Internet ködern | BR24

© dpa

Symbolbild: Salafistische Kinderwerbung im Internet

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    Wie Salafisten Kinder im Internet ködern

    Gewaltszenen im Netz gibt es zwar weniger, seit der "Islamische Staat" als besiegt gilt. Dafür werden Jugendliche in den Sozialen Medien subtiler umworben: Salafisten greifen vor allem aktuelle Diskussionen auf.

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    Juli 2018: Deutschland diskutiert über den Rücktritt von Mesut Özil. Der Fußball-Nationalspieler steht wegen eines Fotos in der Kritik, das ihn gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt. Özil unterstützt Erdogans Politik – so interpretieren viele das Bild.

    Für ihn selbst, erklärt sich Özil später, sei es ein Zeichen des Respekts vor seinen familiären Wurzeln gewesen – doch die Diskussion darüber habe ihm gezeigt: Er sei nur „Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren“ – und das, obwohl er in Deutschland geboren sei.

    Özil als unfreiwillige Werbefigur

    Das Zitat verbreitet sich rasant in den sozialen Medien, auf Twitter, Instagram, Telegram, Youtube. Es spricht etwas an, das viele Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland schon selbst erlebt haben: diskriminiert zu werden, nicht dazu zu gehören. Hier setzen Salafisten an. Sie benutzen das Zitat Özils um Jugendlichen zu suggerieren: "Sieh her, egal wie erfolgreich Du bist, Du wirst nie dazu gehören."

    Zielgruppe: Jugendliche, die sich ausgeschlossen fühlen

    Das ist eine der Strategien der Salafisten: Muslime als Opfer und Unterdrückte darzustellen. Jugendliche – vielleicht selbst mitten in einer Phase der Selbstfindung – klicken das Zitat an, lesen Kommentare – und werden so, unterstützt von Algorithmen, immer stärker von den Botschaften der Salafisten geködert. Sie geben "verheißungsvolle Versprechen", wie Bundesfamilienministerin Franziska Giffey es bei der Vorstellung des Lageberichts "Islamismus im Netz 2018" in Berlin formuliert; nach dem Motto: Komm zu uns, hier gehörst Du dazu.

    Social Media als Einfallstor ins Kinderleben

    "Für islamistische Akteure sind Instagram, Youtube und Telegram ein ideales Rekrutierungsfeld", sagt Stefan Glaser, Leiter von jugendschutz.net. "Die mobile Nutzung dieser Dienste gehört für Kinder und Jugendliche zum Alltag". Die Ansprache lasse sich deshalb leicht außerhalb der Einflussräume von Eltern oder Bezugspersonen vollziehen.

    Salafismus: Die radikale Szene wächst

    Etwa 11.000 Personen zählt das Bundesamt für Verfassungsschutz 2017 zur salafistischen Szene, einer besonders radikalen Strömung des Islamismus. Tendenz steigend. Dennoch ist es eine Minderheit unter den rund 4,5 Millionen Musliminnen und Muslimen in Deutschland.

    Der "Fall Özil" ist nur ein Beispiel, wie Salafisten im Netz vorgehen, um ihre Inhalte erfolgreich an Jugendliche zu adressieren. Ein anderes ist eine Kampagne gegen ein angebliches Kopftuchverbot in Deutschland. Dabei wird neben den eigenen (negativen) Erfahrungen das Gerechtigkeitsgefühl junger Menschen angesprochen oder eine aktuelle Debatte aufgegriffen.

    Auch die Attentate im neuseeländischen Christchurch wurden so instrumentalisiert: Gepostet wird ein Foto der Staats- und Regierungschefs bei einer Trauer- und Solidaritätsbekundung nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo 2015. Mit dem Foto verknüpft wird die Frage: Würden sie das auch in Christchurch tun, wo Muslime Opfer waren?

    Experte fordert Aufklärung in der Schule

    "Solche Fragen brauchen Raum, auch in der Schule", mahnt Götz Nordbruch, Co-Geschäftsführer des Vereins Ufuq, der sich gegen islamistische Radikalisierung im Netz engagiert. Wenn Jugendliche darüber nicht sprechen könnten, kämen andere Akteure, die Antworten geben, sagt Nordbruch. Akteure wie die Salafisten, mit Sätzen wie diesen: „Deine Ehre und Dein Stolz sollte der Islam sein, nicht Deine Herkunft“. Die Schule müsse Räume schaffen, damit Jugendliche Antworten fänden, die attraktiver seien als die Botschaften im Netz.

    Nach dem Niedergang des IS wechselt die Strategie der Extremisten

    Botschaften, die inzwischen sehr viel subtiler sind als noch vor einigen Jahren, als vor allem Gewaltdarstellungen verbreitet wurden: Der "Islamische Staat" postete Enthauptungs- und Foltervideos. Seit die Terrororganisation als weitgehend besiegt gilt, ging der Anteil solcher Propagandafilme drastisch zurück, im vergangenen Jahr um 75 % gegenüber dem Vorjahr.

    Jugendschutz.net, das "gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet" hat im vergangenen Jahr rund 19.200 Angebote mit islamistischen Inhalten untersucht. 872 Verstöße gegen jugendschutzrechtliche Bestimmungen hat die Organisation festgestellt. Die allermeisten davon wurden vom Anbieter gelöscht oder gesperrt, nachdem sie gemeldet wurden.

    Giffey: Jugendschutz soll modernisiert werden

    Familienministerin Giffey von der SPD ist dennoch nicht zufrieden. "Wir haben ein Jugendschutzgesetz, das stehen geblieben ist im Zeitalter von CD-Rom und Videokassette", sagt sie. Dieses Jugendschutzgesetz müsse weiterentwickelt werden zu einem "modernen Jugendmedienschutzgesetz", sagt Giffey. Sie will auch die Anbieter von Social Media-Plattformen stärker in die Pflicht nehmen, etwa durch niedrigschwellige Meldesysteme oder klare Alterskennzeichnungen. Noch in diesem Jahr will sie einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen.

    Dass Unter-14-Jährige künftig vom Verfassungsschutz beobachtet werden dürfen sollen, wie Bundesinnenminister Horst Seehofer das plant, kritisiert Giffey scharf. "Kinder dürfen nicht zu Tätern stigmatisiert werden", sagt sie. Ziel müsse vielmehr sein, das Kind aus der Situation herauszuholen und jene zu verfolgen, die an einer Radikalisierung des Kindes beteiligt seien. In Ausnahmefällen, so Giffey, könnten auch schon jetzt Unter-14-Jährige beobachtet werden.