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Wie Rechtsextreme in deutschen Gedenkstätten provozieren | BR24

© picture-alliance/dpa

Torgebäude der KZ-Gedenkstätte Buchenwald (Archivbild).

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Wie Rechtsextreme in deutschen Gedenkstätten provozieren

Mitglieder einer AfD-Gruppe vom Bodensee behaupten in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, es habe dort keine Massenmorde gegeben. Andere Rechtspopulisten rechnen den Widerstand gegen Hitler ihrer eigenen Tradition zu.

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Die deutsche Erinnerungskultur ist unter Druck geraten. Und die Verantwortlichen der Gedenkstätten wollen einen Spagat hinbekommen.

In der KZ-Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen versuchte Björn Höcke, Chef der völkischen Strömung "Flügel" innerhalb der AfD und Vorsitzender der Landtagsfraktion, schon 2015 den Holocaust-Gedenktag "umzuwidmen".

Höcke wollte Holocaust-Gedenktag "umwidmen"

Er wollte dort lieber der Toten eines sowjetischen Speziallagers gedenken. Das wurde ihm nicht gestattet. Aber ein allgemeines Hausverbot hat Höcke seitdem nicht. Dem stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Rikola-Gunnar Lüttgenau, ist nämlich wichtig, dass das Bildungsangebot seiner Einrichtung für alle Besucher gilt. Aber der Historiker betont, dass man Anfragen sehr genau prüfe, damit "wir nicht hier medial vernutzt werden."

Gedenkstätten wollen keine Märtyrer schaffen

Lüttgenau und andere Verantwortliche von Gedenkstätten müssen derzeit einen Spagat hinbekommen: Verweigern sie rechtspopulistischen oder rechtsextremen Besuchern den Zutritt, können die sich als Märtyrer darstellen. Provozieren diese aber in den Ausstellungen, sorgt das für Aufmerksamkeit in Chatrooms und diskreditiert die Arbeit der Gedenkstätten. Johannes Tuchel leitet die Gedenkstätte "Deutscher Widerstand" in Berlin. Auch dorthin kommen, seit die AfD im Bundestag vertreten ist, regelmäßig Besuchergruppen der Partei aus den Wahlkreisen.

"Wir diskutieren, solange wir diskutieren können"

Tuchel führt diese gern selbst durch jene Ausstellungen, die an diejenigen erinnern, die gegen die Nazi-Diktatur von 1933 bis 1945 Widerstand leisteten. Er will dabei klarstellen, dass der Widerstandsbegriff, wie ihn die AfD regelmäßig benutzt, nicht anwendbar ist auf das demokratische System der Bundesrepublik. Tuchels Credo lautet: "Wir diskutieren, solange wir diskutieren können. Im Moment, wo Straftatbestände erfüllt sind, also es zu rechtsextremistischen Äußerungen oder Volksverhetzung kommen würde, müssten wir eine Veranstaltung abbrechen." Das war in der Gedenkstätte "Deutscher Widerstand" bislang noch nicht der Fall.

Redet die AfD nach der Landtagswahl bei Gedenkstätten mit?

Rikola-Gunnar Lüttgenau sorgt sich allerdings, dass sich nach der bevorstehenden Landtagswahl in Thüringen die Situation der Gedenkstätte Buchenwald verschlechtern könnte. Denn im Stiftungsrat sitzen neben regionalen Bürgermeistern und Landräten auch Landespolitiker.

"Es ist nicht auszuschließen, dass bei einem großen Wahlerfolg der AfD entsprechende Staatssekretäre, Minister, die Gelder verteilen, letzten Endes bei einer durch den Bund und das Land finanzierten Stiftung versuchen dort mitzureden." Rikola-Gunnar Lüttgenau

In Sachsenhausen wurde eine Führung abgebrochen

Auch in Brandenburg, wo sich die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen befindet, finden bald Landtagswahlen statt.

Im vergangenen Sommer waren es AfD-Anhänger, die auf Einladung der Co-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Alice Weidel, die Gedenkstätte besuchten. Sie stellten die Gaskammern in Frage und verharmlosten NS-Verbrechen. Die Führung wurde damals abgebrochen.

© BR

Was tun, wenn Rechtsextreme die deutsche Erinnerungskultur angreifen? Die Leiter von Gedenkstätten versuchen einen Spagat zwischen Diskutieren und Vorsicht, hat Ronny Arnold recherchiert.