Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Wie KI unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verändert | BR24

© BR / Sissi Pitzer

Neurowissenschaftler Osh Agabi bei seinem Vortrag in der Dresdner Frauenkirche

11
Per Mail sharen
Teilen

    Wie KI unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verändert

    Deutschland ist bei Künstlicher Intelligenz (KI) nicht gut aufgestellt, so die Kanzlerin. Wenn KI hilft, das Klima zu retten, ist sie willkommen, sagt Grünen-Chef Habeck. Die Wissenschaft ist schon weiter.

    11
    Per Mail sharen
    Teilen

    Kann KI die Menschheit retten? Werden Menschen und Maschinen zu einer neuen Spezies verschmelzen? Übernehmen Algorithmen zunehmend Entscheidungen, die unser Leben bestimmen? Die Fragen könnten nicht größer und grundsätzlicher sein, deren sich die Veranstaltung "Morals and Machines" angenommen hat, organisiert von ADA, einem journalistischen Print-Online-Produkt der Handelsblatt-Gruppe. Tradition und Zukunft trafen sich am Mittwoch unter der lichten Kuppel der Dresdner Frauenkirche.

    Wer gestaltet KI, wer ist verantwortlich? Bundeskanzlerin Angela Merkel, als Naturwissenschaftlerin dem Thema gegenüber aufgeschlossen, gestand ein: "Bei selbstlernender KI sind wir in Deutschland blank". Der Staat stelle mit seiner KI-Strategie zwar Milliarden bereit, um in diese Zukunftstechnologie zu investieren, aber: "Die größere Schwierigkeit ist: Wo ordnen wir diese Gelder zu, wofür setzen wir sie sinnvoll ein?" Sie lobte ausdrücklich die geplante Schaffung von hundert zusätzlichen KI-Professuren an deutschen Universitäten.

    Merkel fordert europäische Daten-Ethik-Regeln

    Bei manchen Technologien seien andere Länder weiter, das könne man nutzen. "Reinklotzen" solle Deutschland, so die Kanzlerin, im Maschinenbau, im Gesundheitswesen und beim Umweltschutz. Dabei müsse sich die Wirtschaft stärker engagieren, die Politik könne nur die Rahmenbedingungen schaffen. Merkel kritisierte den Mittelstand, der sich nicht genügend mit Digitalisierung und KI beschäftige, Daten nicht als Rohstoff begreife.

    Was den ethischen Umgang mit Daten, Algorithmen, Robotern betrifft, setzt Merkel auf einen eigenen europäischen Weg: "Wir müssen uns nicht mit Blick auf China oder die USA definieren, sondern aus uns selbst heraus: Was ist uns wichtig? Und das ist nicht die maximale Profitoptimierung ohne sozialen Ausgleich oder das staatliche Zugriffsrecht auf alles und jeden". Ziel müsse eine europäische Regulierung sein, ähnlich der DSGVO. "Der Mensch muss die Oberhoheit behalten über das, was Maschinen tun. Wie das in der Praxis abgesichert werden kann, ist noch nicht zu Ende durchdacht", so Merkel.

    Habeck: Wir brauchen Transparenz von Algorithmen

    Grünen-Chef Robert Habeck teilt die nachdenkliche Haltung der Kanzlerin. Seine Kernforderung: Transparenz und Offenlegung von Algorithmen. Jeder Nutzer solle nachvollziehen können, warum ihm etwas auf einer Plattform wie Google oder einem Flugportal angezeigt werde. Man müsse aber auch überlegen, wo man KI nicht zulassen wolle: "Ich denke, dass alle Bereiche, in denen Grundwerte tangiert werden, nicht von Maschinen verantwortet werden dürfen". Dazu gehörten Entscheidungen von Richtern, Ärzten, Polizisten sowie über Krieg und Frieden oder das Liquidieren von Menschen durch vollautomatische Waffensysteme. "All das darf eine Gesellschaft nicht zulassen", so Habeck.

    Dabei sieht der Grünen-Politker sich und seine Partei keineswegs als technologiefeindlich an: "Wenn KI hilft, das Klima zu retten, ist sie willkommen". Als Beispiele führte er eine tiergerechte Landwirtschaft an, bei der auch die deutsche Gülle-Überproduktion geregelt werden müsse. Oder eine zukunftsträchtige Mobilitätssteuerung, bei der nicht mehr das Auto und die Auto-gerechte Stadt im Mittelpunkt stünden. Auch die Wende in der Energiewirtschaft und der damit einhergehende Umbau der Industrie sei nur mit Hilfe einer Steuerung durch intelligente Algorithmen möglich.

    Wissenschaftlerinnen: Daten sind nicht neutral

    "Daten sind Macht", mit dieser These lenkte Danah Boyd, Wissenschaftlerin bei Microsoft Research und Gründerin des "Data &Society" Instituts, den Blick auf die sozialen Auswirkungen von Big Data. Es komme immer auf den Kontext an: Die Weitergabe medizinischer Daten könnten helfen, die Krebsforschung zu verbessern, aber auch von Versicherungen oder Arbeitgebern missbraucht werden. Es müsse immer um den ethischen Umgang mit Daten gehen, mahnte die Forscherin an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft.

    Ähnlich argumentierte Meredith Whittaker, Mitbegründerin der "AI Now"-Instituts an der New York University. "All data is biased", alle Daten sind verzerrt, warnte sie. Vorurteile und Verzerrungen würden in KI-Anwendungen einfließen, ob bei der Google-Suche oder bei der KI-gestützten Auswahl von Bewerbern und Bewerberinnen um einen Job. Besonders kritisch ist das aktuell bei den Systemen zur Gesichtserkennung, weshalb die Stadt San Francisco ihren Einsatz verboten hat. Man müsse mit den Daten arbeiten, sie anpassen, transparent machen, denn "Daten sind nie neutral", so die KI-Expertin.

    Biologie und Technologie verschmelzen

    Wird KI den Menschen eines Tages überflügeln, die Weltherrschaft übernehmen? Solche Szenarien wurden früher in Science-Fiction-Literatur dargestellt und werden heute ernsthaft diskutiert. "Das menschliche Gehirn ist die mächtigste Computertechnologie, die jemals geschaffen wurde", sagte der nigerianische Neurowissenschaftler Osh Agabi. Man könne es nicht nachbauen, aber verbessern. Er arbeitet mit seinem Startup Koniku im Silicon Valley an der Verschmelzung von Silikonchips mit lebenden Neuronen aus Mäusezellen. Damit will er beispielsweise Computern beibringen zu riechen und so Sprengstoff an Flughäfen oder Krebszellen zu entdecken. Synthetische Biologie und Technologie zu kombinieren – eine Anwendung von KI, die von unserem Alltag weiter entfernt ist als die Empfehlungsalgorithmen für Flüge oder die Anmeldung am Smartphone per Fingerprint. Doch solche Entwicklungen weisen in die Zukunft unserer Gesellschaft – manche erst in 50 oder 100 Jahren.