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Hitzewelle in Indien: Eine Frau trägt Trinkwasser, das von einem Lkw gebracht wurde

Bildrechte: pa / Pacific Press | Kabir Jhangiani
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Wie Indien unter dem Klimawandel leidet – und dagegen kämpft

1,4 Milliarden Menschen leben in Indien. Sie wollen dieselbe wirtschaftliche Entwicklung wie der Westen. Aber das Land ist schon jetzt auf Platz drei der weltweiten Emissionen von Klimagasen. Zugleich zeigt sich hier der Klimawandel besonders stark.

Von
Bettina WeizBettina Weiz
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Der beginnende Klimawandel ist in Indien in diesem Jahr besonders stark zu spüren. Eine enorme Hitze macht den Menschen, Tieren und Pflanzen zu schaffen. Vögel fallen dehydriert vom Himmel. Mangos vertrocknen an den Bäumen. Die Sorge geht um, dass die Ernte heuer deutlich schlechter ausfällt als sonst: Die Hitzewelle hat Indien fest im Griff.

Sukhdeep Sidhu aus dem indischen Bundesstaat Punjab, der die Kornkammer Indiens ist, klagt über 47 Grad im Schatten. Das sei für Mitte Juni zwar nicht ungewöhnlich, sagt er, aber dieses Jahr habe die Hitze schon Monate früher begonnen als sonst, und sie halte viel länger an. Das bringe enorme Probleme auch für die Landwirtschaft.

Indien besonders vom Klimawandel bedroht

Tatsächlich hat es in Indien seit 1901 keinen so heißen März und in Pakistan keinen so heißen April gegeben wie dieses Jahr. Klimaforscher etwa am Indian Institute of Technology in Mumbai oder dem meteorologischen Dienst Großbritanniens halten die frühe und langanhaltende Hitzewelle nicht für ein einmaliges Ereignis, sondern für einen Vorboten des Klimawandels. Indien muss sich auf solche Hitzewellen deutlich öfter gefasst machen als früher, fürchten die Meteorologen.

Indien gehört zu den fünf Ländern der Welt, die der Klimawandel besonders verletzen kann, sagt der Umweltaktivist Chandra Bhushan. Da die Hälfte der Bevölkerung von der Land- und Forstwirtschaft lebe, träfe sie die Erderwärmung besonders.

Deutsche haben fünfmal höheren CO₂-Verbrauch als Inder

Dabei pflegen viele Inder einen klimafreundlichen Lebensstil. Darauf weisen Forscher wie der Meteorologe Mojib Latif von der Hamburger Akademie der Wissenschaften hin. Pro Kopf entstehe in Indien nur rund ein Fünftel so viel klimaschädliches Kohlendioxid wie in Deutschland.

Der indische Regierungschef Narendra Modi betont die Vorreiterrolle seines eigenen Landes. Nach seinen Worten ist Indien die einzige große Volkswirtschaft der Welt, die das Pariser Klimaabkommen sowohl den Buchstaben als auch dem Geist nach umsetze.

Indien fordert eine Billion US-Dollar wegen Klimawandel

Auf dem Klima-Gipfel in Glasgow im letzten November hat Indiens Regierungschef Narendra Modi eine Rede gehalten, über lange Passagen mit erhobenem Zeigefinger. Er machte sich zum Sprecher der weniger entwickelten Länder, erhob Klimapolitik zu einer Frage der Gerechtigkeit und verlangte viel Geld.

Um die Folgen des Klimawandels abzufedern, erwarte Indien von den entwickelten Ländern umgehend eine Billion US-Dollar. Es wäre nur gerecht, wenn auf die Staaten, die ihren Finanzierungs-Versprechen nicht nachkommen, Druck ausgeübt wird.

Indien will bis 2070 klimaneutral sein

Ziel sei, dass Indien bis 2070 klimaneutral wird. Im Jahr 2030 soll die Hälfte der indischen Energie aus erneuerbaren Quellen stammen. Der Umweltaktivist Chandra Bhushan hält das für möglich – auch wenn bisher nach Angaben der Internationalen Energieagentur drei Viertel des indischen Stroms aus Öl, Gas und vor allem Kohle hergestellt werden.

Es sei ein sehr vernünftiger Ansatz, meint Bhushan, schon weil alle Modellrechnungen zeigten, dass erneuerbare Energien mit Speichermöglichkeit in den nächsten drei bis fünf Jahren genauso preiswert sein werden wie Kohle. Tagsüber seien die Erneuerbaren jetzt schon die billigste Energiequelle.

Widerstand gegen Erneuerbare im Westen

Der technische Fortschritt bei den Erneuerbaren sei groß, und in Indien gebe es wenig politischen Widerstand, meint Chandra Bhushan. Ganz im Gegensatz zum Westen: Hier hätten fossile Energien starke Lobbys, die das Wachstum des grünen Sektors behindern.

In Indien dagegen haben die Fossil-Konzerne der Familien Ambani und Adani ambitionierte Ziele bei den Erneuerbaren. Mukesh Ambani etwa will seine Firma bis 2035 energieneutral machen. Ganz ähnlich ist es mit Adani: Einerseits ist er einer der größten Kohleproduzenten der Welt, andererseits Indiens größter Solar-Hersteller.

Indien ist drittgrößter Emittent von Klimagasen

An der Südspitze Indiens entsteht zurzeit ein neues Kohlekraftwerk – und nur wenige Kilometer entfernt befindet sich einer der größten Windparks der Welt. Aber mit der Stromproduktion wächst auch Indiens Hunger nach Energie. Und selbst wenn der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen pro Kopf niedrig ist: Mit fast 1,4 Milliarden Menschen ist das Land dennoch der drittgrößte Klimagas-Emittent der Welt.tri

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Indien eine Trilliarde US-Dollar für den Kampf gegen den Klimawandel fordert. Korrekt ist aber eine Billion.

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