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Wie die Wirtschaft nach dem Corona-Exit wieder hochfahren kann | BR24

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Bayern hat einen 60-Milliarden-Euro-Rettungsschirm gespannt, um die Folgen der Corona-Krise für die Wirtschaft abzufedern. Finanzminister Füracker muss den Etat nun kräftig aufpumpen. Eine Herausforderung, die aber ohne Alternative sei, so Füracker.

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Wie die Wirtschaft nach dem Corona-Exit wieder hochfahren kann

Mindestens bis zum 20. April bleiben die mit der Corona-Pandemie verbundenen Beschränkungen bestehen. Selbst wenn es danach ein Zurück zur Normalität gäbe: Viele Unternehmen dürften Wochen brauchen, um wieder auf Vor-Krisen-Niveau zu kommen.  

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Die jüngste Warnung von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist eindeutig und klar: Voreilige Exit-Debatten dürfe es nicht geben, sagt der CSU-Politiker. Die deutsche Wirtschaft sieht das etwas anders. Besonders deutlich: Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW).

Er fordert, schon nach Ostern müsse die Bundesregierung die Corona-geplagte Wirtschaft wieder hochfahren. "Andernfalls drohen uns massive Wohlstandsverluste und ein volkswirtschaftlicher Schaden, der über Jahrzehnte nicht kompensierbar sein wird", so Ohoven.

Produktion ist "erheblich gestört"

Auch der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) fordert auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks, Wiedereinstiegsszenarien müssten jetzt diskutiert und vorbereitet werden. "Die vernetzte Produktion darf nicht noch mehr gestört werden – sie ist bereits in Teilen erheblich gestört, so der Verband.

Das liege unter anderem daran, dass der Nachschub von Zuliefererprodukten aus dem Ausland ausgeblieben sei. Bei den ZVEI-Mitgliedsunternehmen sind nach Verbandsangaben 90 Prozent der deutschen Elektroindustrie-Belegschaft beschäftigt.

Handwerk: Betriebe wollen vor allem Krise überleben

Ähnlich beurteilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) diese Frage, auch wenn er betont, dass es bei den Betrieben momentan vorrangig darum gehe, "überhaupt bis zum Ende dieser Krise zu überleben". 

Der BR hatte am Mittwoch an verschiedene große Industrieverbände Anfragen geschickt, wie sie die aktuellen Beeinträchtigungen für ihre Mitgliedsunternehmen einschätzen und wie schnell diese nach einer Normalisierung der Lage den Betrieb wieder auf Vorkrisen-Niveau hochfahren könnten. Die Aussagen unterscheiden sich erheblich voneinander.

"Nicht in diesem Jahr wieder auf Vorkrisen-Niveau"

Ähnlich wie der Verband der Chemischen Industrie ("Dafür ist die Informationslage nicht belastbar.") tut sich zum Beispiel die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) schwer mit einer Prognose: Die "langfristige Entwicklung ist derzeit nicht abschätzbar". Allerdings ist sich Hautgeschäftsführer Bertram Brossardt sicher: "Es wird einige Zeit dauern, bis die Lieferketten wieder funktionieren. Wir gehen nicht davon aus, dass in diesem Jahr das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht werden kann."

Maschinenbau sieht Chancen für hohe "Wieder-Anlaufgeschwindigkeit"

Der Maschinenbau klingt da etwas optimistischer. Der Branchenverband VDMA sieht die Chance auf eine hohe "Wieder-Anlaufgeschwindigkeit", schließlich hätten jetzt viele Unternehmen "auf Lager produziert, um zum Beispiel die Autoindustrie rasch wieder beliefern zu können".

Audi: Voller Produktionsanlauf nicht abzusehen

Aber selbst wenn die Zulieferer die Autoindustrie wieder beliefern können – auch hier werden die Unternehmen einen Vorlauf brauchen: "Wenn der Zeitpunkt für das Wiederhochfahren gekommen ist, wird dies sukzessive passieren und eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Wann die Produktion wieder vollumfänglich läuft, ist noch nicht abzusehen", teilt Audi dem BR mit.

Und die Präsidentin des Automobil-Verbandes VDA, Hildegard Müller ergänzt: "Wir müssen jetzt sehr diszipliniert diese Phase durchstehen und uns bereits auf den Hochlauf vorbereiten." Allerdings brauche es Zeit, eine gesamte Industrie wieder anzufahren. "Die Hochlaufkurve wird am Anfang langsam ansteigen, bevor sie sich dynamischer entwickelt", so Müller weiter.

Kein einheitliches Bild in der IT-Branche

Uneinheitlich ist das Bild in der IT-Branche. "Es wird große Unterschiede geben, je nachdem ob zum Beispiel ein Unternehmen Geräte herstellt und auf Lieferungen über aktuell unterbrochene Logistikketten angewiesen ist oder aber Software entwickelt", sagt BITKOM-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Aber selbst die Firmen, die von der Corona-Krise weniger betroffen sind, weil sie viele Arbeiten vom Homeoffice aus erledigen können, stellen sich früher oder später die Frage: "Wann geht es für ihre Kunden weiter?" Schon jetzt gebe es bei jedem dritten IT- und Telekommunikationsunternehmen einen Nachfragerückgang, so der BITKOM.

Zwang zu Produktionsänderung wie in den USA?

Skeptisch blicken die Verbände auf ein politisches Mittel, zu dem US-Präsident Donald Trump gerade gegriffen hat. Mit Hilfe eines aus der Zeit des Korea-Krieges stammenden Gesetzes will er zum Beispiel den US-Autobauer General Motors zum Bau von medizinischen Geräten zwingen.

Ein solches Vorgehen sollte "kein Vorbild für Europa oder die Bundesregierung sein, Zwang ist selten eine gute Maßnahme", so der VDMA. Die Zusammenarbeit zwischen Industrie und der Regierung mit Blick auf die Beseitigung von Engpässen bei medizinischem Material sei "bereits gut angelaufen", betont der Maschinenbau-Verband. VDA-Präsidentin Müller hält Freiwilligkeit ebenfalls "ausdrücklich" für besser als "politischen Zwang", der VDA sei in Sachen Medizintechnik mit "den Unternehmen und der Politik in engem Austausch. Alle Möglichkeiten zur kurzfristigen Unterstützung der Produktion entsprechender Komponenten und Produkte werden geprüft".

Nach Einschätzung des ZVEI sei die beste Art, mit der Corona-Krise fertig zu werden, "die Produktion – unter Maßgabe des Gesundheitsschutzes für die Belegschaften – bestmöglich aufrechtzuerhalten". Viele Mitgliedsunternehmen des Chemie-Verbandes VCI hätten bereits Teile der Produktion umgestellt, um zum Beispiel Komponenten für die Herstellung von Desinfektionsmitteln zur Verfügung zu stellen.

Altmaier rechnet mit tiefen Einschnitten

Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet wegen der Corona-Krise zunächst mit einer schweren Rezession in Deutschland. Peter Altmaier geht davon aus, dass es wirtschaftlich erst ab dem zweiten Halbjahr wieder aufwärts könnte. "Die Einschnitte werden in den nächsten drei Monaten etwas tiefer und etwas weitgehender sein, als noch vor Wochen vorausgesagt", so der CDU-Politiker.

"Ich glaube aber auch, dass die Chance besteht, dass die Weltwirtschaft und damit auch die europäische und die deutsche Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder Tritt fassen können." Noch ist der Politik eine Exit-Diskussion also zu sensibel. Niemand will falsche Hoffnungen verbreiten.

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