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Wie die Ungarn zur EU stehen: Eine Landwirtin erzählt | BR24

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Die Ungarin Annamária Kalla ist vor mehr als 40 Jahren aus Ungarn geflüchtet. Heute ist sie zurück. Ihr Blick auf die EU ist exemplarisch für viele ihrer Landsleute: So viel EU wie nötig, aber so wenig wie möglich.

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Wie die Ungarn zur EU stehen: Eine Landwirtin erzählt

Die Ungarin Annamária Kalla ist vor mehr als 40 Jahren aus ihrer Heimat geflüchtet. Heute ist sie zurück. Ihr Blick auf die EU ist exemplarisch für viele ihrer Landsleute: So viel EU wie nötig, aber so wenig wie möglich.

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Im August 1973 hat es schließlich geklappt: Zusammen mit ihrem Mann János hat Annamária Kalla ihre Heimat verlassen. Die hart erkämpfte Erlaubnis, Ungarn wenigstens ein einziges Mal für einen kurzen Urlaub verlassen zu dürfen, haben sie genutzt und sind geflohen. Mit dem Pass in der Hand, über den Eisernen Vorhang, auf in die Freiheit – und bloß nie wieder zurück.

Flucht in Schweiz: Anerkannt und gut integriert

Das war der eigentliche Plan. Aber in der Schweiz, wo die Kallas als politische Flüchtlinge anerkannt wurden, stieß die Ungarin irgendwann an neue, ganz persönliche Grenzen. Annamária arbeitete viele Jahre als Treuhänderin und hat gut verdient. Aber jeden Tag am Schreibtisch sitzen, jeden Tag Zahlen und Buchstaben wälzen, wie sie sagt, das wurde ihr irgendwann zu viel.

Im Jahr 2000 ging es dann doch wieder zurück nach Hause, nach Ungarn. Rückblickend sagt Kalla:

"Meine Kollegen wollten den Arzt holen, um mich in die Irrenanstalt abzuführen. Wir haben es trotzdem gewagt und ich habe es nie bereut." Annamária Kalla

Landwirtin dank EU-Hilfen

Heute ist Annamária Kalla 66 Jahre alt und wohnt im kleinen Ort Sümgeprága im Westen Ungarns. Sie hat schulterlange blonde Haare, eine kleine Goldkette in der Form eines Herzens hängt um ihren Hals. Die Ärmel ihres graubraunen Strickpullovers leicht hochgezogen, steht sie mitten in ihrer eigenen kleinen Käserei und verpackt zusammen mit ihrer Schwiegertochter den fertigen Käse. Frau Kalla ist jetzt nämlich Landwirtin. Alles selbst aufgebaut – auch mit EU-Geldern.

Dass sie heute in einem Ungarn mit offenen Grenzen wohnen darf, bedeutet ihr alles. Ohne Visum nach Mailand reisen – für Kalla ist das ein Privileg: "Ich genieße die Vielfalt von Europa, die verschiedenen Völker, die Landschaften, andere Bauten, ganz andere Gewohnheiten und das finde ich schön", sagt sie.

Lieber nicht zu viel EU

Aber das Ganze solle dann, bitte, auch in Zukunft so bleiben. Europäische Union? Gut, aber ja nicht zu viel. Enge Grenzen habe sie schon genug gehabt in ihrem Leben. Deswegen will Annamária Kalla, dass "nie ein vereinigtes Europa entsteht, dass die Nationalstaaten immer stehenbleiben".

Die EU solle sich nicht "bei jedem Volk einmischen", sagt die Ungarin. Vor allem nicht in der Migrationspolitik.

"Wenn die Ungarn keine Migranten haben wollen, dann wollen sie keine, dann muss man es ihnen nicht aufzwingen. Wenn die Spanier sie einlassen, dann ist das Spaniens Sache. Die Ungarn wollen keine." Annamária Kalla

Mit dieser Einstellung ist Kalla ein gutes Beispiel für die Haltung vieler Ungarn zur EU. Für viele ist Brüssel das neue Moskau.

Ungarin: Flüchtlinge zurückschicken

Man solle sie ja nicht falsch verstehen, sagt Annamária Kalla. Schließlich sei sie selbst mal geflohen und wisse, wie es ist, die Heimat zurückzulassen. Während sie aber in wenigen Monaten Schweizerdeutsch gelernt habe, würden sich viele der Migranten heute nicht integrieren wollen.

Und so hat ihr Wunsch für die Zukunft Europas viel mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun:

"Ich wünsche, dass die Leute zurückgehen in ihr Heimatland. Ich bin dafür, dass man ihnen helfen soll, aber nicht hier, sondern dort. Europa soll so bleiben, wie es vor hundert oder fünfzig Jahren war." Annamária Kalla