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"Ihr seid nicht Sophie Scholl", seht auf dem Schild der Teilnehmerin einer Gegendemo in Düsseldorf.

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    Wie die Querdenker Sophie Scholl instrumentalisieren

    Auf Corona-Demos fallen häufig Vergleiche mit Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime auf. Besonders Sophie Scholl, Mitglied der Weißen Rose, wird von Querdenkern für deren Zwecke vereinnahmt. Warum? Eine Recherche des #Faktenfuchs.

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    Von
    • Jana Heigl
    • Patrizia Kramliczek

    Sophie Scholl hat Widerstand gegen ein Regime geleistet, das Menschen in Konzentrationslager steckte und vernichtete. Ein Regime, das den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat, bei dem mehr als 70 Millionen Menschen getötet wurden. Eine Diktatur, die Widerständler hinrichten ließ.

    Sophie Scholl wurde enthauptet, weil sie in der Widerstandsgruppe Weiße Rose für Freiheit und Achtung der Menschenwürde mit ihrem christlichen Glauben und friedlichen Mitteln kämpfte. Nach insgesamt sechs Flugblättern, in denen die Weiße Rose den Nationalsozialismus anprangerte, wird Sophie Scholl zusammen mit ihrem Bruder am 18. Februar 1943 von der Gestapo verhaftet. Vier Tage später wird sie verurteilt und hingerichtet.

    Am Sonntag, den 9. Mai 2021, jährt sich ihr Geburtstag zum 100. Mal.

    Im November 2020 unter historisch anderen Rahmenbedingungen – Deutschland ist eine Demokratie und jeder darf ungestraft die Regierung kritisieren – stellt sich eine junge Frau bei einer Querdenken-Demo in Hannover auf die Bühne und sagt: Sie fühle sich wie Sophie Scholl. Die 22-jährige Jana aus Kassel vergleicht sich mit Sophie Scholl, weil sie sich im "Widerstand" gegen die Corona-Beschränkungen befinde.

    Die Episode von Jana aus Kassel ist ein spektakuläres Beispiel, aber nur ein Teil der Querdenker-Erzählung von Diktatur, Ermächtigungsgesetz und Nazi-Vergleichen. Der #Faktenfuchs hat recherchiert, warum das nicht stimmt und welche Zwecke die Agitatoren damit verfolgen.

    Warum ausgerechnet Sophie Scholl?

    Wieso werden ausgerechnet Sophie Scholl und die Weiße Rose in dieser Art und Weise instrumentalisiert? Für Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, geht es dabei vor allem um eine moralische Legitimation, sagte sie im Gespräch mit dem Bayerischen Bündnis für Toleranz. Die Weiße-Rose-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, an den Widerstand der Weißen Rose gegen den Nationalsozialismus zu erinnern.

    Auch weniger gut informierte Menschen wüssten, dass es sich bei dem Widerstand der Weißen Rose um einen sogenannten Aufstand des Gewissens gehandelt habe, so Kronawitter. Die Weiße Rose stehe für Widerstand, der nicht an eine politische Gruppierung oder die Kirche gekoppelt war. Das wirke zusammen mit der Identifikation mit den jungen, sympathischen Studenten - und insbesondere Sophie Scholl.

    Welches Ziel verfolgen Querdenker damit?

    "Man will sagen, ich lehne diese Corona-Restriktion ab, aber ich sehe mich im Widerstand und ich sehe mich in einer Tradition mit der Weißen Rose - das ist ja so dieser Anspruch, der sich damit verbindet", sagt Kronawitter.

    Hinzu kommt laut Johannes Tuchel, dem Leiter der Gedenkstätte Widerstand, die Behauptung der Parallelität der NS-Diktatur mit der Demokratie der Bundesrepublik. Er führt in diesem Kontext den Begriff "Corona-Diktatur" an, der von der Querdenken-Bewegung im vergangenen Jahr geprägt und seitdem etabliert wurde. Gegen diese angebliche Diktatur gebe man vor, im Widerstand zu sein. "Die Querdenker versuchen so ganz bewusst, die eigene Position zu legitimieren und die staatliche Position zu delegitimieren", sagte Tuchel dem #Faktenfuchs.

    Der Historiker Jens-Christian Wagner sieht gerade darin das eigentlich Gefährliche an Querdenkern. "Sie leisten dem Geschichtsrevisionismus mit geschmacklosen und ahistorischen NS-Gleichsetzungen Vorschub und delegitimieren zugleich unsere Demokratie, deren Schutz der Grundrechte eine explizite Lehre aus dem Nationalsozialismus ist", sagte er BR24. Querdenker müssten sich damit nicht nur eine mangelnde Abgrenzung von Rechts vorwerfen lassen, sondern auch, dass sie Rechten aktiv in die Hände spielen.

    Das Problem beim Vergleich mit Sophie Scholl und der Weißen Rose

    Problematisch bei der Vereinnahmung von Sophie Scholl durch die Querdenker sei, dass sie als Figur aus der Zeit genommen und entkontextualisiert werde. "Man muss mit dieser Vereinnahmung aufpassen", so Tuchel. "Sophie Scholl ist in ihrer Zeit zu sehen, sie lässt sich nicht vereinnahmen." Dahinter stecke zudem die Gleichsetzung von Widerspruch in einem demokratischen Rechtsstaat mit dem Widerstand gegen eine totalitäre Diktatur.

    Sophie Scholl stehe für die Bereitschaft, dramatische persönliche Konsequenzen für das Aufbegehren gegen den Allmachtsanspruch der Nationalsozialisten zu erdulden, ergänzt Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Regierung, in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage des #Faktenfuchs.

    Speziell die Instrumentalisierung von Sophie Scholl durch Jana aus Kassel verurteile er als "dramatische Selbstverherrlichung eigener Taten" sowie als Verharmlosung der NS-Diktatur und des Holocausts durch Querdenker, so Spaenle.

    Es gebe einen fundamentalen Unterschied, der nie verwischt werden dürfe, betont auch Hildegard Kronawitter: "Widerstand in einer Diktatur bedeutet, man äußert sich unter höchster Lebensgefahr." Das sei etwas ganz anderes, als in einer Demokratie zu leben, die grundsätzlich Meinungsfreiheit ermögliche.

    Sophie Scholl schon vor den Querdenkern instrumentalisiert

    Die Instrumentalisierung der Weißen Rose und insbesondere von Sophie Scholl ist nicht neu. Kronawitter von der Weiße-Rose-Stiftung beobachtet diese Entwicklung seit etwa zehn Jahren. Anfangs hätten Pegida und die AfD Sophie Scholl für eigene Zwecke missbraucht. Bekanntestes Beispiel ist ein Wahlplakat, das der AfD-Kreisverband Nürnberg-Süd/Schwabach auf Facebook geteilt hatte: "Sophie Scholl würde AfD wählen" steht darauf.

    Die Partei erntete dafür einige Kritik. Ein Pressesprecher der AfD rechtfertigte das Wahlplakat damit, auch die Geschwister Scholl hätten sich mutig dem Zeitgeist widersetzt, so wie heute die AfD.

    Vorfälle wie das Wahlplakat der AfD stünden nach Einschätzung von Kronawitter relativ isoliert. Was sie bei den Querdenkern beobachte, sei eine bundesweite Verbreitung der Vereinnahmung der Weißen Rose und speziell Sophie Scholls, wie Kronawitter in einem Interview mit dem Bayerischen Bündnis für Toleranz sagte.

    Neue Dimension der Instrumentalisierung

    Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sagte dem #Faktenfuchs, neu sei die Heftigkeit, mit der die Instrumentalisierung betrieben werde.

    Ein Beispiel dafür seien die weißen Rosen, die vor mehreren Gerichten in Thüringen niedergelegt wurden. Damit wollten Unterstützer einem Weimarer Familienrichter, der Anfang April mit einem umstrittenen Beschluss die Maskenpflicht an zwei Schulen ausgesetzt hatte, den Rücken stärken. In Weimar waren die Rosen Medienberichten zufolge mit Zetteln versehen, auf denen "Lang lebe Sophie Scholl" gestanden habe. Gegen den Richter läuft ein Verfahren wegen des Verdachts auf Rechtsbeugung.

    Hinzu kommt ein angebliches Zitat von Sophie Scholl, das auf Demo-Schildern der Querdenken-Bewegung häufig zu sehen ist. "Der größte Schaden entsteht durch die schweigende Mehrheit, die sich fügt und alles mitmacht", soll Scholl gesagt haben. Laut dem Philosophen Gerald Krieghofer, der einen Blog zur Zitatforschung betreibt, sei der Begriff "schweigende Mehrheit" erst durch eine Rede Richard Nixons bekannt geworden. Vor dem Jahr 1945 sei der Begriff im deutschen Sprachraum unbekannt gewesen, schreibt Krieghofer in seinem Blog. Die Faktenchecker der Nachrichtenagentur AFP kommen zu einer ähnlichen Einschätzung.

    Es gibt genügend weitere Beispiele: Auf einer Querdenken-Demo in Forchtenberg, dem Geburtsort von Sophie Scholl, sprach Scholls Neffe Julian Aicher. In Murnau wurden Flugblätter gegen die Maskenpflicht in Geschäften verteilt, die Zitate aus den historischen Flugblättern der Weißen Rose enthielten. Und: Nach einer längeren Demo-Pause suchte sich die Querdenken-Bewegung ausgerechnet den Holocaust-Gedenktag aus, um wieder zu demonstrieren.

    Fazit

    Die Querdenker sind nicht die ersten, die Sophie Scholl für ihre Zwecke instrumentalisieren. Innerhalb der Querdenken-Bewegung hat die Vereinnahmung von Scholl aber eine andere Qualität bekommen, argumentiert Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung.

    Die 22-jährige Jana aus Kassel, die sich auf einer Querdenken-Demo ebenso wie Sophie Scholl im Widerstand wähnte, ist nur eines von mehreren Beispielen. Sie alle dienen der eigenen "moralischen Legitimation" der Querdenker - und gleichzeitig der Delegitimation des Staates.

    Grundlegend sei dabei laut Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand die Verwechslung von Widerspruch in einer Demokratie und Widerstand in einem totalitären Regime.

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