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Wie die Artenvielfalt noch erhalten werden könnte | BR24

© Maria Reichenauer/dpa

Acker mit Kornblumen in Mecklenburg-Vorpommern.

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    Wie die Artenvielfalt noch erhalten werden könnte

    Jede achte Tier- und Pflanzenart auf der Erde ist vom Aussterben bedroht - so das alarmierende Ergebnis des Weltbiodiversitätsrats. Hauptauslöser ist die intensive Landwirtschaft. An der TU München haben Wissenschaftler über Lösungen diskutiert.

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    Es sieht ein bisschen aus wie eine professionelle Wetterstation: Eine Stange, daran verschiedene Kästen und Gerätschaften. Damit will Wolfgang Vautz vom Leibniz-Institut für analytische Wissenschaften in Dortmund bald Biodiversität messen.

    Tierstimmen werden erkannt, Fotofallen lösen aus, aber das wichtigste: Ein Modul, das den Geruch von Pflanzen erkennt und dann Daten liefert, welche Blumen, Gräser und Bäume in der Nähe wachsen. Der Vorteil: Die Artenvielfalt oder -armut wird nicht nur zu einem Zeitpunkt bestimmt, sondern dauerhaft und automatisch. So wie man das von Wetterstationen kennt.

    Geruchserkennung soll Daten zur Umgebung liefern

    "Die Wetterstationen liefern nun schon seit 150 Jahren kontinuierliche und valide Daten und das ist die Grundlage für die Diskussion für den Klimawandel und das gibt es eben für Biodiversität nicht und wir versuchen das mit dieser Wetterstation für Biodiversität eben zu liefern und können dann in ein paar Jahren ähnliche Daten liefern, kontinuierlich, flächendeckend und automatisiert.“ Wolfgang Vautz, Leibniz-Institut

    Die Erkennung läuft über die sogenannte Ionenmobilitätsspektroskopie. Jede Pflanze hat ihren eigenen Geruch. Wird das Messgerät damit zuvor gefüttert, erkennt es die Pflanzen dann draußen im Einsatz wieder. Bei der Geruchserkennung geht es laut Vautz aber nicht darum zu sagen, wie viele Orchideen einer Art auf einer Wiese exakt stehen, sondern darum, den Zustand der Umgebung zu erfassen:

    "Ich sehe dann die langfristigen Trends. Also ob bestimmte Pflanzenarten verschwinden, ob bestimmte Insektenarten verschwinden oder, ob auch neue hinzukommen, es gibt ja auch invasive Arten und dann hätte ich langfristig eine Datenbasis, um zu sagen, was sich wo ändert, ob das bedrohlich, bedenklich ist, oder ob alles in Ordnung ist." Wolfgang Vautz, Leibniz-Institut

    "Agarmaßnahmen für Umwelt wirken nicht sehr gut"

    Wolfgang Vautz hofft, dass er bald die Fördergelder bekommt, um deutschlandweit ein Messnetz aufzubauen. Wer die Artenvielfalt in unserer Landschaft mit intensiv genutzten Äckern und Wiesen erhalten will, der muss wissen, was er schützt und wo Hilfsmaßnahmen Sinn machen. Denn gut gemeint ist nicht immer gleich gut gelungen. Zu diesem Schluss kommt Elisabeth Gsottbauer von der Universität Innsbruck.

    Vielerorts bekommen Landwirte öffentliche Gelder, wenn sie ihre Felder freiwillig weniger intensiv bewirtschaften oder Hecken und Schutzzonen für Vögel anlegen. Die Ökonomin untersucht, wie diese Agrarumweltmaßnahmen wirken. Ihr Fazit: "Grundsätzlich funktionieren sie nicht sehr gut, aber wir haben auch sehr wenig Evidenz, ob sie überhaupt funktionieren."

    Landwirte brauchen mehr Zielorientierung

    Viele Landwirte würden für eine Maßnahme bezahlt, aber es wird nicht überprüft, ob sich denn bestimmte Pflanzen oder Insekten wieder ansiedeln. Helfen könnte das Prinzip der Zielorientierung. Dabei wird nur festgelegt, welche Arten gewünscht sind, aber nicht, wie der Landwirt das Ziel erreichen muss. In England würde eine große Naturschutzorganisation diesen Ansatz zusammen mit den Bauern praktizieren – bei der Ansiedlung von typischen Vögeln in Ackerregionen:

    "Die sind sehr daran interessiert, die Anzahl an farmland birds zu steigern und dann geht es einfach darum, diese zu zählen. Und bestimmte Maßnahmen zu treffen auf diesen Flächen, damit diese farmland birds angezogen werden. Und der Indikator wäre dann, wie viele dieser Vogelarten gibt es dann nach Einführung dieser Maßnahme und im Vergleich zu einer Fläche, wo diese Maßnahme nicht eingesetzt wurde. Und dann hätte man einen sehr guten Vergleich, ob diese Zielorientierung funktioniert hat oder nicht.“ Elisabeth Gsottbauer, Universität Innsbruck

    "Umdenken in der Gesellschaft ist notwendig"

    Weil ein einzelner Landwirt oft nur wenig ausrichten kann, könnten sogenannte Agglomerations-Zahlungen helfen. Das heißt, überzeugt der Bauer auch seine Nachbarn bei der gleichen Naturschutzmaßnahme mitzumachen, gibt es für alle einen finanziellen Extra-Bonus – so eine Idee aus der Forschung. Damit könnte zum Beispiel in einem ganzen Tal ein eng verzahntes Muster an Hecken und wenig genutzten Wiesen entstehen. Die Wirkung ist dann größer, als wenn die Flächen irgendwo einzeln und verstreut lägen.

    Klar ist, die Landwirte sind beim Thema Biodiversität enorm wichtig. Äcker und Wiesen machen schließlich rund die Hälfte der Fläche Deutschlands aus. Tina Heger von der TU München hofft, dass die Bauern Unterstützung aus der Bevölkerung bekommen. Sie setzt auf ein Umdenken in der Gesellschaft und glaubt, dass sich viel erreichen lässt.

    "Wenn man es schafft, dass diese Naturverbundenheit wirklich als ein Wert gesehen wird und, dass man es schafft, zuzulassen, dass es beim Glücklichwerden auch um was anderes als Geld geht, dass man merkt wie viel es einem gibt, wenn man im Wald spazieren geht, solche Dinge sind den Menschen ja eigentlich im Prinzip bewusst, nur es wird dann ganz oft in so eine esoterische Ecke gesteckt, wenn man das dann als Argument bringt." Tina Heger TU München

    Weltbiodiversitätsrats: Artenschutz braucht viele lokale Maßnahmen

    Angesichts steigender Verkaufszahlen von SUVs und Kreuzfahrten lässt sich das tatsächlich erstmal schwer glauben. Am Ende macht der Bericht des Weltbiodiversitätsrats aber auch Hoffnung: Wenn jeder Initiativen vor seiner eigenen Haustür unterstützt und viele lokale Maßnahmen angestoßen würden, dann wäre gegen den Artenschwund schon viel getan.