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Wie Deutsch-Polinnen für mehr Sichtbarkeit kämpfen | BR24

© Fotografin: Malgorzata Brzeska

Mit dem Programm PolMotion engagiert sich der Verein agitPolska für mehr Teilhabe und Sichtbarkeit von polnischen Frauen in Deutschland.

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    Wie Deutsch-Polinnen für mehr Sichtbarkeit kämpfen

    Etwa zwei Millionen Polinnen und Polen leben in Deutschland. Trotzdem bleiben sie in der öffentlichen Diskussion nahezu unsichtbar. Dabei legen gerade polnische Frauen oft einen erstaunlichen Aufstieg hin.

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    Ein drückend heißer Tag Ende Juli: Im bayerischen Landtag wird umgebaut, die Abgeordneten sind noch in der Sommerpause - außer Verena Osgyan. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen hat sich Zeit genommen für ein Interview. Osgyan hat selbst keine polnischen Wurzeln. Dennoch engagiert sie sich seit Jahren für den deutsch-polnischen Austausch. Als Mentorin im PolMotion-Programm des Vereins AgitPolska hilft sie polnischen Frauen, beruflich weiterzukommen und politisch mehr Gehör zu finden:

    "Was bei den Partnerinnen im Mentoring-Programm spannend war: Wie schnell sie es geschafft haben, im Deutschen so verhandlungssicher zu sein, dass sie ganze Karrieren hinlegen konnten." Verena Osgyan, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in Bayern

    Osgyan trifft sich regelmäßig mit ihrer Mentee, einer erfolgreichen Unternehmerin, die bisher nicht selbst politisch aktiv war. Osgyan sagt, sie fühle sich bei den Gesprächen oft gar nicht als Mentorin – eher als Freundin. Man tauscht sich auf Augenhöhe aus.

    "Ich glaube, dass die polnischen Frauen prinzipiell alle sehr offen und neugierig, oft auch hochgebildet sind. (...) Das sind alles durchweg sehr starke Persönlichkeiten." Verena Osgyan

    Viele Polinnen haben mit Vorurteilen zu kämpfen - trotz ihrer Erfolge

    Warum also braucht es überhaupt ein Mentoring-Projekt für Frauen, die beruflich schon so viel erreicht haben? Weil polnische Frauen – trotz ihrer beruflichen Erfolge – in Deutschland noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen haben, sagt Anna Czechowska, Projektleiterin bei der Agentur Agit Polska in Berlin. Viele Deutsche etwa nähmen Polinnen immer noch nur als Putzfrauen oder Pflegekräfte wahr. Und: In der Politik seien die Polinnen quasi nicht vertreten, so Czechowska:

    "Es kann nicht wahr sein, dass wir in Berlin die zweitgrößte Community sind (...) und da wo die Entscheidungen getroffen werden, sind wir nicht da." Anna Czechowska, Agentur Agit Polska

    Czechowska sagt, sie habe sich lange eine Art Start-Rampe für polnische Frauen gewünscht: Ein Projekt, in dem ältere, erfolgreiche Frauen die jüngeren an die Hand nehmen: beruflich, in der Politik, in den Medien. Als sie nichts Derartiges fand, gründete sie das Projekt schließlich selbst.

    Seit Anfang 2018 gibt es deshalb PolMotion. In ganz Deutschland fanden seither Empowerment-Workshops, Vorträge, Konferenzen und Mentoring-Partnerschaften für polnische Frauen statt. In München ist unter anderem ein Kurzfilm über die Arbeit polnischer Frauen entstanden. Er soll zeigen, wie viel Polinnen bereits jetzt zur Stadtgesellschaft beitragen – und fragt, wieso sie oft so unsichtbar bleiben.

    Ein Forscher beschreibt die Geschichte der Polen in Deutschland als "Geschichte der Unsichtbaren"

    Es ist ein Thema, das auch Peter Loew, den neuen Direktor des Deutschen Polen-Instituts, schon lange umtreibt. Er erklärt, die Geschichte hätte lange auf die polnischen Einwanderer herabgeblickt:

    "Das waren die Habenichtse aus dem Osten, aus einem angeblich 'kulturfernen Gefilde', die nichts hatten, die einem nichts vermitteln konnten, der untere Rand der Gesellschaft. Die Zuwanderer spürten diese Überheblichkeit und versuchten, nicht auch zu dieser Gruppe gerechnet werden zu müssen." Peter Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts

    All das habe sich jedoch in den letzten 20 Jahren geändert, sagt Loew. Abwertende Redewendungen wie die von der "polnischen Wirtschaft" oder Witze über Autos klauende Polen mögen in den 1990er-Jahren noch gang und gäbe gewesen sein. Sie seien heute sehr viel seltener zu hören. Das habe auch politische Gründe, sagt der Historiker:

    "Zuletzt mit dem Beitritt zur EU ist Polen gleichberechtigtes Mitglied der europäischen Völkerfamilie geworden. Polnische Kultur, Literatur, Musik – all das gilt in bestimmten Kreisen Deutschlands heute als besonders angesagt." Peter Loew

    Deutsche wissen nicht viel über Polen

    Es ist eine Entwicklung, die Agnieszka Kowaluk nur bestätigen kann. Die Schriftstellerin und Übersetzerin lebt in München und beschäftigt sich schon lange mit der Beziehung von Deutschen und Polen. Und das Interesse an ihrer Arbeit nimmt zu. Häufig werde sie gebeten, den Deutschen zu erklären, was sie von den Polen unterscheide. Und meist fällt ihr dann nicht viel ein.

    "Es ist sehr reizend, jemand den Auftrag zu geben: Schreib über die Unterschiede zwischen Deutschen und Polen. In Wirklichkeit sind es gar nicht so viele wie wir meinen." Agnieszka Kowaluk, Schriftstellerin und Übersetzerin

    Vielleicht ist das auch der Grund, warum Kowaluk mit den Migrations-Erzählungen anderer Deutsch-Polen und -Polinnen nicht so viel anfangen kann. Unsichtbarkeit, Vorurteile, das "um-keinen-Preis-auffallen-dürfen" – all das sind nicht ihre Erfahrungen. Wenn es ein Problem gäbe, dann wohl eher, dass die Deutschen auch heute, 30 Jahre nach der Wende, noch immer nicht besonders viel wissen über Polen.

    Polen-Bild der Deutschen ist klischeebehaftet

    Dennoch: So ganz ziehen die Klischees auch an Agnieszka Kowaluk nicht vorbei. Ihre Tochter wurde in der Schule schon gefragt, ob die Mutter Putzfrau sei – immerhin sei die ja Polin. Und sie selbst hat sich in den 90er-Jahren häufig über die plumpen Polen-Witze von Harald Schmidt geärgert.

    "Ich hatte viele deutsche Freunde und die fanden nichts dabei. Im Nachhinein nehme ich ihnen das übel, weil sie hätten sagen müssen: Was für ein Blödsinn." Agnieszka Kowaluk

    Die Zeiten der Polen-Witze sind vorbei. Aber ist deshalb alles gut? Anna Czechowska gibt den Medien auch heute noch eine Mitschuld daran, dass das Bild der Deutschen von den Polen so holzschnittartig ist. Oft würden Polen nur dann zum Thema, wenn etwas schiefläuft.

    "Gute Beispiele haben eigentlich sehr wenig Chance, in der Öffentlichkeit Platz zu finden." Anna Czeckowska

    Czechowska wird sich deshalb weiter dafür einsetzen, dass die guten Beispiele mehr gesehen und gehört werden. Das Projekt PolMotion ist vorerst abgeschlossen. Doch nächstes Jahr soll es weitergehen.