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Wie Dachauer KZ-Häftlinge versuchten, Würde zu bewahren | BR24

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In zwei Teilen wird in "KL Dachau" in filmisch noch nie da gewesener Detailtiefe die Bestandszeit des Lagers nacherzählt. "Im Lager" erzählt aus der Perspektive von sechs KZ-Häftlingen über Leid, Mut, Rivalitäten und Solidarität im Lageralltag.

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Wie Dachauer KZ-Häftlinge versuchten, Würde zu bewahren

Am 29. April 1945 erleben die Gefangenen des KZ Dachau ihre Befreiung. Die SS hatte 12 Jahre systematisch versucht, sie zu entmenschlichen - mit perfiden Erfindungen wie den Lagerbordellen. Doch viele behaupteten sich, teils mit kreativen Mitteln.

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>>>Unsere zweiteilige Dokumentation "KL Dachau": Am Mittwoch, 29. April, 22.00 und 22.45 Uhr, BR Fernsehen.

>>>Mehr zur "Erfindung" des Konzentrationslagers Dachau, das als Blaupause für alle deutschen KZ diente, lesen Sie in diesem Beitrag. Alles zum Kriegsende auf BR24 finden Sie hier.

Deutschland im Jahr 1942. Die SS beginnt, in ihren Konzentrationslagern Bordelle zu errichten. Zunächst in Österreich, später auch in Deutschland. Sie sind Teil eines perfiden "Prämiensystems", das sich SS-Chef Heinrich Himmler ausgedacht hat, um die Arbeitsmoral der größtenteils männlichen Gefangenen zu stärken.

Die KZ-Häftlinge gelten nämlich längst als systemrelevant für die deutsche Kriegsproduktion. Nicht als Menschen freilich, sondern als billigste Arbeitskräfte, die man bis zum Tod ausbeuten wollte. Himmler selbst beschreibt die KZ-Gefangenen als "Arbeitssklaven", die "ohne Rücksicht auf irgendeinen Verlust" sein neues Deutschland aufbauen sollen.

Aber funktionierte das "Lagerbordell" so, wie die Nazis sich das wünschten? Der Historiker Robert Sommer hat zu dieser Thematik geforscht und kommt zu dem Ergebnis: Nein. Nur ein sehr kleiner Teil der Lagerbevölkerung habe Himmlers Angebot in Anspruch genommen. Es sei eine Institution gewesen "für die Privilegierten, also für weniger als ein Prozent der Lagerbevölkerung". Das Gros der Inhaftierten sah das Lagerbordell nur von außen. Deren bemerkenswerte Reaktion auf diesen fragwürdigen Arbeitsanreiz beschreibt der polnische Jesuit und KZ-Häftling Adam Kozłowiecki:

"Auf der Straße stand eine große Menge von vorwiegend jungen Polen und Russen, die alle aus dem Bordell herauskommenden Häftlinge mit grellen Pfiffen begrüßten. So sah die spontane Reaktion der 'Straße' im Lager aus!" Adam Kozłowiecki, KZ-Häftling in Dachau

Organisierter Widerstand war im KZ kaum möglich - subtile Akte der Solidarität schon

Bordellbesucher, die ausgebuht werden – als subtiler Akt des Aufbegehrens gegen das System. Ein System, in dem die KZ-Häftlinge teilweise jahrelang gefangen gehalten wurden, ohne Perspektive auf Entlassung und täglich der Willkür der brutalen SS-Wachen ausgeliefert. An organisierten Widerstand oder Flucht war kaum denken – zu scharf war die Bewachung, die Gefangenen entkräftet durch Hunger und Krankheit.

Der Historiker Wolfgang Benz urteilt: "Wer im Konzentrationslager saß, hatte wenig Möglichkeit, die Nationalsozialisten an der Ausübung und Ausbreitung ihrer Macht zu hindern." Was dagegen möglich gewesen sei – wenngleich unter Lebensgefahr – waren kleine Akte der Selbstbehauptung und der Solidarität. KZ-Überlebende erzählen Geschichten von erfolgreichen Versuchen im Lageralltag, sich und den Mitgefangenen die Identität und Menschlichkeit zu bewahren.

So berichtet etwa der jüdische KZ-Gefangene Hugo Burkhard vom listigen "Funktionshäftling" Sepp Schindler, der seine arbeitenden Mitgefangenen im Namen der SS bewachen musste und dabei besonders laut und streng vorging. Zumindest tat er so:

"Am drolligsten war er, wenn er in Anwesenheit des SS-Aufsehers uns in seiner unverfälschten Nürnberger Mundart zusammenputzte (…). Der SS-Mann hatte natürlich seine wahre Freude an unserem Sepp. Sobald der SS-Mann verschwunden war, lachten wir über die gut inszenierten Schikanen." – Hugo Burkhard, KZ-Häftling in Dachau, in 'Tanz mal Jude'

Eines der wichtigsten Dinge, die Gefangene im KZ lernen mussten, war laut Historiker Nikolaus Wachsmann, dass "Regeln, die sie von der Freiheit kannten, oft im Lager nicht mehr galten". Gleichzeitig seien Dinge, die sie in der Freiheit vielleicht noch abgelehnt hätten, nun lebensentscheidend geworden, "wie etwa Stehlen oder der SS und Autoritäten gegenüber zu lügen."

KZ-Häftlinge entwickelten ironisches Liedgut

Der Trick dabei war freilich, nicht erwischt zu werden. Ironie und Sarkasmus wurden dabei mitunter Mittel zum Zweck. 1938 etwa trafen der jüdische Schriftsteller Jura Soyfer und der Komponist Herbert Zipper im KZ Dachau aufeinander. Sie erschufen ein Lied, das den zynischen Spruch "Arbeit macht frei" aufgreift, der von der SS als diffamierende Bemerkung am Eingangstor des Lagers angebracht war. Laut gesungen werden durfte das Lied im Lager nicht. Der Refrain:

"Stacheldraht, mit Tod geladen, ist um unsre Welt gespannt. Drauf ein Himmel ohne Gnaden sendet Frost und Sonnenbrand. Sei ein Mann Kamerad, bleib ein Mensch Kamerad. Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad. Denn Arbeit, Arbeit macht frei!" - Aus dem "Dachau-Lied" von Jura Soyfer und Herbert Zipper, 1938

Jura Soyfer starb wenig später im KZ-Buchenwald. Sein "Dachau-Lied" lebte jedoch weiter und existiert heute in vielen unterschiedlichen Interpretationen. Die KZ-Häftlinge hätten damit versucht, "auf eine sehr feine, ironische Art und Weise" gegen ihren Lageralltag anzusingen, erklärt der Historiker Dirk Riedel. "Sie übernahmen dabei einerseits die Formulierung der SS für das Lied, appellierten aber andererseits an ihre Mitgefangenen, menschlich zu bleiben, sich gegenseitig zu unterstützen und sich nicht unterdrücken zu lassen vom SS-Terrorregime."

Die Lagerbordelle als Ort der Menschlichkeit?

Ziemlich genau 75 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten treffen sich in der Gedenkstätte des österreichischen KZ Mauthausen die Schülerinnen Anna Rauchecker und Helene Hintersteininger. Die 16-Jährigen möchten als Laienreporterinnen für die BR-Hörpfade einen Radiobeitrag über Lagerbordelle produzieren.

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"Hörpfade": Tabuthema Lagerbordell

>>>Alles zu unserem Audioprojekt "Hörpfade binational" finden Sie hier.

Dazu nehmen sie auch den folgenden Dialog auf: "Was waren das überhaupt für Männer, die in so ein Bordell gehen?" fragt die eine. "Das waren halt Häftlinge, die sich einfach mal wieder normal fühlen wollten, vielleicht sogar Liebe spüren", mutmaßt die andere. Die Mädchen fragen sich: Hat es an diesen Orten vielleicht sogar auch Beziehungen gegeben? Die Antwort geben sie sich selbst: "Ich glaube schon. Zumindest hätte ich es den Häftlingen gewünscht. Dann hätten sie sich wieder ein bisschen menschlicher fühlen können."

Die Lagerbordelle als Ort der Menschlichkeit? Das wäre dann genau das Gegenteil dessen gewesen, was Himmler mit ihrem Bau beabsichtigte.

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