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Trauernde in Thousand Oaks
© REUTERS/ MIKE BLAKE

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Rüdiger Hennl
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Trauernde in Thousand Oaks

Ganz in Schwarz gekleidet erschien Ian David Long am späten Mittwochabend gegen 23:20 Uhr im "Borderline Bar & Grill" in der Stadt Thousand Oaks etwa 60 Kilometer nordwestlich von Los Angeles. Er kannte die Bar von mehreren Besuchen, sie liegt nur wenige Kilometer vom Haus seiner Eltern in Newbury Park entfernt, wo Long bis zuletzt lebte.

Wer sterben würde, war klar

Long muss genau gewusst haben, wen er am Schauplatz seines Amoklaufs antreffen würde: College-Studenten, für die in der Bar am Abend der Tat eine Veranstaltung stattfand. Mehreren Besuchern der Bar soll Long in die Augen gesehen haben, während er seine Opfer erschoss. Das tat er offenbar wie mechanisch, "er hat einfach weiter geschossen", berichtete ein Augenzeuge.

Martialisches Auftreten gehört dazu

Der Amok-Schütze von Thousand Oaks hat somit auf den ersten Blick manches gemeinsam mit anderen Amok-Schützen der jüngeren US-Kriminalgeschichte: das Auftreten in martialischer Kluft, das fast roboterhaft anmutende Vorgehen, die Auswahl einer bestimmten Opfer-Gruppe, gegen die sich möglicherweise Aggressionen des Täters richten. Und: Wie einige andere Täter auch war Long ein Ex-Soldat. Er diente bis 2013 mehrere Jahre in der Marineinfanterie - als Maschinengewehrschütze - und war ab Herbst 2010 für sieben Monate in Afghanistan stationiert.

Hilfsangebote wurden ausgeschlagen

Möglicherweise habe Long unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung gelitten, vermutet denn auch Sheriff Geoff Dean vom Bezirk Ventura County. Ein Nachbar sagte US-Medien, dass Longs Mutter ihren Sohn dazu aufgefordert habe, Hilfe für Veteranen zu suchen, doch der habe dies immer abgelehnt. 

"Wütend und irrational"

In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass Long nach dem Militärdienst nicht mit seinem Leben zurande kam. Sheriff Geoff Dean sprach von geringfügigen Vorfällen, die Long immer wieder in Berührung mit der Polizei brachten, etwa im Straßenverkehr. Zuletzt seien Beamte im April wegen eines häuslichen Vorfalls zu Longs Elternhaus gerufen worden. Dort habe man den 28-Jährigen "wütend und irrational agierend" vorgefunden. Ein Team für psychologische Krisenfälle sei hinzugezogen worden, das aber entschieden habe, dass der Ex-Marine nicht in Gewahrsam genommen werden müsse.

Ein Paar, das hinter dem Haus wohnt, sagte in einem Interview, Long sei oft laut gewesen und seiner Mutter gegenüber aggressiv in Streitigkeiten aufgetreten. Vor eineinhalb Jahren hätten sie während einer Auseinandersetzung so etwas wie einen Schuss gehört, aber nicht die Polizei gerufen. In den vergangenen zwölf Monaten seien die Streitereien dann immer schlimmer geworden.

"Er war nicht verrückt"

Es gibt allerdings auch ganz andere Schilderungen über Long: "Er war immer fröhlich", berichtete ein Freund, "wir gingen immer zusammen Snowboarden. Er war ein guter Kerl." Dass Long jemals zum Amokläufer würde, sei für ihn undenkbar gewesen. Auch ein anderer Bekannter schildert Long positiv: "Er war nicht verrückt, er war nicht gewalttätig, er war ein netter Junge, der seinem Land diente."

Auch gegen die These von der Posttraumatischen Belastungsstörung regt sich Widerspruch: Thomas Burke, ein Pastor, der in Afghanistan im selben Regiment wie Long diente, erklärte, eine solche Störung habe keine Mord-Gedanken zur Folge. "Wir trainieren eine Generation darauf, so gewalttätig wie nur möglich zu sein, dann sollen sie nach Hause zurück kommen und OK sein. Das ist keine Geisteskrankheit. Das ist das, was wir einer Generation antun - und wir haben keine Antwort auf ihre Bedürfnisse."

Schüsse auf die "Community"

Auch war Long anders als viele andere Amokläufer offenbar kein Einzelgänger. Er unternahm viel mit Freunden und war für einige Jahre verheiratet, bis zu seiner Scheidung 2013. Ein Freund Longs sagte dem US-Sender CNN, die Gäste der Bar, also Longs Opfer, seien eine "Community", eine"Gemeinschaft", gewesen - und Long sei "Teil dieser Gemeinschaft" gewesen. Long war demnach im Unterschied zu vielen anderen Amokläufern also kein Außenseiter, der auf eine ihm "fremde" Gruppierung losging, gegen die er aus der Distanz eine Abneigung entwickelt hatte.

Irgendwie seltsam war er immer

Probleme hatte Long wohl damit, seinem Leben eine Richtung zu geben. Eine Ausbildung am College brach er ab - vielleicht ein Auslöser für eine Abneigung gegen erfolgreiche College-Studenten. Sich von seinem Elternhaus zu lösen, sich eine eigene Existenz zu schaffen, war Long nicht möglich. Und er besaß wohl doch ein etwas heftiges Temperament, das er oft nicht im Griff hatte.

Eine Nachbarin sagte, sie habe Long immer seltsam und respektlos gefunden, auch bevor er zum Militär gegangen sei. Oft habe sie gehört, wie er geschrien und geflucht habe. Richard Berge, ein weiterer Nachbar der Longs, berichtete, Longs Mutter habe sich schon immer Sorgen darüber gemacht, was ihr Sohn eines Tages anstellen könnte - und als am Donnerstag wieder die Polizei vor dem Haus auftauchte, habe er gleich gewusst, "was los ist".

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Rüdiger Hennl

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Nachrichten vom 08.11.2018 - 11:00 Uhr