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Wer steckt hinter "Fridays gegen Altersarmut"? | BR24

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Rund 200 Mahnwachen in ganz Deutschland, alleine 20 in Bayern, und eine Facebook-Gruppe mit über 300.000 Mitgliedern – "Fridays gegen Altersarmut" ist ein Phänomen. Doch Initiativen und Verbände warnen: Extrem Rechte hätten die Gruppe unterwandert.

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Wer steckt hinter "Fridays gegen Altersarmut"?

Rund 200 Mahnwachen in ganz Deutschland, alleine 20 in Bayern, und eine Facebook-Gruppe mit über 300.000 Mitgliedern – "Fridays gegen Altersarmut" ist ein Phänomen. Doch Initiativen und Verbände warnen: Extrem Rechte hätten die Gruppe unterwandert.

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Gleich auf den ersten Blick sei ihr etwas komisch vorgekommen, sagt Monika Strasser, 64 Jahre alt, aus Ingolstadt, und zeigt dabei auf ihr Smartphone. Im vergangenen Jahr sei sie von einer Freundin in Facebook zu der Gruppe "Fridays gegen Altersarmut" eingeladen worden. Zuerst sei ihr das Logo aufgefallen. Vergleichbar zu "Fridays for Future", aber in der Gruppe wäre ausschließlich negativ über die Umweltbewegung gesprochen worden. Sie hätte schnell ein ungutes Gefühl bekommen, nämlich dass "Fridays gegen Altersarmut" Gruppen und Menschen gegeneinander ausspielt.

Auf Facebook: "Wirklich extreme Positionen"

Strasser klickt sich also durch die Facebook-Gruppe und trifft, wie sie sagt, "auf wirklich extreme Positionen", die in der Gruppe verbreitet würden. Darunter Bilder mit Aussagen wie "Wir kriegen keine Rente, weil das ganze Geld für Flüchtlinge verbraucht wird." Das sei falsch, so Strasser, und mit solchen Sprüchen wolle sie nichts zu tun haben. Strasser ist bei den "Omas gegen Rechts" in Ingolstadt aktiv, eine Initiative für zivilgesellschaftlichen Protest. Sie hatten bereits Mitte Januar vor "Fridays gegen Altersarmut" gewarnt und dazu aufgerufen "die Admins und die Absender*innen [...] dieser Altersarmut-Gruppen sehr genau unter die Lupe zu nehmen".

Mahnwachen in rund 20 bayerischen Städten

Die Facebook-Gruppe "Fridays gegen Altersarmut" hat aktuell über 300.000 Mitglieder. Gestartet ist die Gruppe im Spätsommer 2019. Seitdem wächst sie und rief ab dem Jahreswechsel zu Mahnwachen am 24. Januar auf. Bundesweit sollen nach eigenen Angaben knapp 200 Kundgebungen stattfinden, davon rund 20 in Bayern. In Großstädten wie München und Nürnberg haben sich Menschen angekündigt, aber auch in kleineren Gemeinden wie Waldkraiburg oder Zirndorf. Nach Recherchen von BR24 gehen die Behörden von mehreren hundert Teilnehmern im gesamten Freistaat aus. Die größte Mahnwache soll am Münchner Marienplatz stattfinden.

💡 Was bedeutet Altersarmut?

Nach offizieller Definition sind die Menschen von Altersarmut gefährdet, die über 65 Jahre alt sind und monatlich weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. In Bayern sind das aktuell rund 17 Prozent aller Menschen im Rentenalter. In totalen Zahlen entspricht das rund 450.000 Personen. Experten gehen davon aus, dass sich trotz Grundrente die Zahl in Bayern auf rund 650.000 Personen im Jahr 2030 erhöhen wird.

Gründer sieht sich "im Kampf gegen Altersarmut"

Gründer und Kopf von "Fridays gegen Altersarmut" ist der 55-jährige Heinrich "Heinz" Madsen. Er unterhält mehrere Facebookprofile* und taucht seit Jahrzehnten immer wieder in den Medien auf. Im Jahr 2005 hatte er mehrere Behörden verklagt, weil er Ein-Euro-Jobs verrichtet hatte, die er für widerrechtlich hielt. Mit der Klage unterlag Madsen damals vor dem Bundesarbeitsgericht. Seitdem ist er, wie er sagt, gegen "soziale Ungleichheit". Aktuell sieht er sich im "Kampf gegen Altersarmut".

Ein Interview wollte der Initiator der Gruppe dem BR nicht geben, er beantwortete jedoch einige Fragen schriftlich. Angesprochen auf die konkreten Forderungen und Verbesserungen schreibt Madsen: Man habe einen Forderungskatalog ausgearbeitet. Dieser umfasse zwölf Punkte zur Verbesserung der aktuellen Lage. Experten halten sie für wenig aussagekräftig. Inhaltlich drehen sich die Forderungen vor allem um die Zurücknahme der Agenda 2010. Direkte Vorschläge zur Verbesserung oder ein organisiertes Engagement für von Altersarmut betroffenen Menschen legt Madsen nicht vor. Dagegen betont Madsen wiederholt die Überparteilichkeit seiner Bewegung.

Problem: Aufrufe zur Mahnwache vor allem von rechts

Problematisch bewerten Kritiker vor allem, wer zu den jeweiligen Mahnwachen aufruft. Nach BR24-Recherchen sind darunter die rechtsextreme Kleinst-Partei "Die Rechte", eine NPD-Ortsgruppe in Nordbayern, das rechtsradikale Portal "Journalistenwatch", diverse "Gelbwesten"-Organisationen sowie AfD-Verbände und der AfD-Bundessprecher und Europaabgeordnete Jörg Meuthen.

Angesprochen auf die rechte Mobilisierung antwortet Initiator Madsen:

"Dass andere unsere Mahnwachen posten, macht uns noch lange nicht zu Rechten." Heinrich Madsen, Initiator von 'Fridays gegen Altersarmut'

Man werde während der Mahnwachen durch die Polizei "Störenfriede, die sich rechts- oder linksextremistisch äußern, entfernen lassen".

Problematische Inhalte auch bei bayerischen Mahnwachen

Die meisten Anmelderinnen und Anmelder von Mahnwachen in Bayern geben sich auf Facebook unauffällig. Einer kandidiert bei der Kommunalwahl im März und ist in der Partei "Die Linke" organisiert. Andere engagieren sich im Tierschutz. Häufig haben Anmelder ihre Likes für AfD-Seiten hinterlassen. Das ist ein Grund, weshalb sich der CSU-Landtagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende im Sozialausschuss, Thomas Huber, schon im Herbst von der Gruppe distanzierte.

Huber sagt, er sei "als Sozialpolitiker und als Mensch selbstverständlich gegen Altersarmut". Und weiter: "Wer ist das auch nicht?" Huber hält es aber für ausgeschlossen, dass die Aktionen am Freitag "tatsächlich etwas gegen Altersarmut bewirken können".

Verbände und Gewerkschaft warnen

Die Gewerkschaft Verdi informiert in einem internen Schreiben vor den Mahnwachen. In einer Mail an die Mitarbeiter, die dem BR vorliegt, heißt es: "Seid weiterhin laut und aktiv gegen Altersarmut, aber lasst die Finger von ‘Fridays gegen Altersarmut’". Die Gewerkschaft sieht "reinen Populismus" bei den Initiatoren, die "keine konkreten Ziele oder Forderungen, keine Artikel oder Analysen zur Altersarmut und deren Ursachen" vorlegten. Dadurch werde keine Lösung angeboten, sondern "Feindbilder" geschaffen.

VdK: "'Fridays gegen Altersarmut' segelt unter falscher Flagge"

Ähnlich äußert sich auch der Sozialverband VdK, der selbst im März eine deutschlandweite Kundgebung gegen Altersarmut in München plant. "Fridays gegen Altersarmut" segle unter falscher Flagge, wie die bayerische VdK-Vorsitzende Ulrike Mascher betont. Ein Hinweis, der "durchaus als Warnung verstanden werden" soll, so Mascher.

Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband in Bayern äußert sich dem BR gegenüber. Es gebe "immer mehr Hinweise darauf, dass Akteure der extremen Rechten die Gruppe unterwandert haben und das Thema instrumentalisieren wollen", so Margit Berndl, Vorstand des Paritätischen in Bayern. Man habe die eigenen Mitglieder entsprechend informiert.

Altersarmut: rund 300 Euro im Monat als Rente

Zurück bei Monika Strasser, der Ingolstädterin, die sich gegen Rechts engagiert. Strasser selbst wird von Altersarmut betroffen sein, sagt sie. Sie rechnet mit rund 325 Euro gesetzlicher Rente, wenn sie im kommenden Jahr in den Ruhestand geht. Der Grund: Strasser hat vier Kinder großgezogen und ausschließlich in der Gastronomie gearbeitet und hatte dort Minijobs.

Ähnlich wird es auch ihrer Bekannten Birgit Knöchel ergeben. Sie arbeite zwar als kaufmännische Angestellte, werde jedoch ebenfalls unter 1.000 Euro im Monat an Rente erhalten. Entsprechend offen war sie, als sie in die Facebook-Gruppe "Fridays gegen Altersarmut" eingeladen wurde: "Das ist eigentlich ein ganz tolles Thema, das man aufgreifen müsste."

Ehemaliges Mitglied: "Gruppe sehr rechts orientiert"

Deshalb hat sich Knöchel, 60 Jahre, aus Eichstätt, in der Gruppe engagiert, war Moderatorin, hat Kommentare bearbeitet, die Gruppe verwaltet und angeboten, Mahnwachen zu organisieren. Schnell jedoch habe sie bemerkt, dass "das alles in eine politische Richtung" gehe. Trotz der angeblichen Überparteilichkeit habe sich bei Knöchel der Eindruck verstärkt, "dass diese Gruppe sehr rechts orientiert ist" und Kritik nicht geduldet werde.

Drohung und Einschüchterung

Knöchel engagierte sich auch in anderen Gruppen, die gegen Altersarmut aktiv sind. Das, so die 60-Jährige, habe dazu geführt, dass sie von Madsen bedroht und eingeschüchtert wurde. Sie habe sich von "Fridays gegen Altersarmut" abgewandt und organisiere jetzt eine unabhängige Mahnwache in Eichstätt, denn ihr gehe es um die Sache: aufmerksam machen auf das Problem Altersarmut.

*Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle wurde der Text geändert. Ursprünglich stand hier: "Er... ist langzeitarbeitslos." Madsen hat inzwischen der Redaktion mitgeteilt, dass er seit Jahren kein Hartz IV mehr beziehe. Deshalb wurde der Text entsprechend geändert. Auch im Video wurde entsprechende Passage geändert.

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