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Klimawandel und Corona: Wer braucht noch Kreuzfahrtschiffe? | BR24

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Deutsche Werften, die mit dem Bau von Kreuzfahrtschiften gute Geschäfte gemacht haben, stecken in der Corona-Krise, viele Arbeitsplätze sind in Gefahr. Doch wie sinnvoll sind Staatshilfen für schwimmende Luxushotels, die besonders viel CO2 ausstoßen?

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Klimawandel und Corona: Wer braucht noch Kreuzfahrtschiffe?

Für deutsche Werften war der Bau von Kreuzfahrtschiffen ein Boom-Geschäft. Dann kam die Corona-Krise, jetzt droht Arbeitslosigkeit. Weil schwimmende Luxushotels besonders viel CO2 ausstoßen, stellt sich die Frage: Sind Staatshilfen gerechtfertigt?

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Bei Papenburg in Niedersachsen ragt am Ufer der Ems eine riesige Halle in die Höhe, die zur Meyer Werft gehört. Dort drinnen werden schwimmende Luxushotels mit wohlklingenden Namen wie Aida, Costa Smeralda oder Iona gebaut. Manche dieser Kreuzfahrtschiffe, die auf allen Meeren unterwegs waren, sind bis zu 20 Decks hoch und sie nehmen 10.000 Passagiere mit. Noch bis Anfang des Jahres boomte das Geschäft. Die Costa Smeralda etwa kostete eine Milliarde Euro.

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Eine Milliarde Euro für ein Kreuzfahrtschiff

Das Schiff made in Papenburg fuhr bis vor kurzem unter italienischer Flagge, es ist 340 Meter lang und mehr als 40 Meter breit. Es wurde v auf der Ems 40 Kilometer lang bis zur Nordsee geschleppt. Meta Janssen-Kucz, grüne Politikerin und Vizepräsidenten des niedersächsischen Landtages, hat einige dieser Überführungen beobachtet und immer bedauert wie viel Umweltschäden sie anrichten. Denn der Fluss musste seit den 90-er Jahren für die immer größer werdenden Schiffe auch immer tiefer ausgebaggert werden.

"Das Hauptproblem ist, dass die Ems wenig Sauerstoff hat, dass die Fische kaum noch Luft zum Atmen haben." Meta Janssen-Kucz, grüne Politikerin und Vizepräsidenten des niedersächsischen Landtages

150 Tonnen Schweröl pro Tag

Langfristig tragischer aber sind die Klimaschäden. Die meisten Kreuzfahrtschiffe fahren noch immer mit Schweröl, was an Land verboten ist. Im Schnitt verbraucht ein solches Schiff 150 Tonnen am Tag. Rund 400 Ozeanriesen schipperten vor Corona über die Weltmeere und stießen enorme Mengen an schädlichen Schwefel-, Stickoxid- und Ruß-Emissionen aus. Ein Dilemma, denn die Branche ist im Norden einer der wichtigen Arbeitgeber. Rund 100.000 Menschen sind bei den deutschen Werften und den Zulieferern beschäftigt. Ein Besuch in der Meyer Werft, der Lürssen Werft in Berne oder der MV Werft an der Ostsee, wo ebenfalls riesige Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, war aus Gründen der Infektionsgefahr nicht möglich. Nach einem Covid Fall war ein Großteil des Managements und des Betriebsrates der Meyer Werft in Quarantäne.

Rettungsboote für die Kreuzfahrtschiffe

In der Fassmer Werft in Berne an der Weser fliegen nach wie vor Funken: es wird geschweißt und geschliffen. 60 Mitarbeiter bauen hier Forschungsschiffe, Vermessungsschiffe und Serviceschiffe.

Diese Werft ist eine der wenigen, die ihre Schiffe mit nachhaltigen Antrieben wie Flüssiggas konzipiert, deshalb ordert auch Greenpeace bei Fassmer. Aber auch hier macht man sich große Sorgen. Denn auf der Fassmer Werft werden die vielen Rettungsboote gebaut, die Kreuzfahrtschiffe brauchen, und ob die jetzt noch ausgeliefert werden können, ist unsicher. Logisch, dass Harald Fassmer, einer der beiden Geschäftsführenden Gesellschafter, sich wünscht, "dass der Bund jetzt mit öffentlichen Aufträgen versucht, die Werftindustrie zu unterstützen."

Eine solche Krise hat die Branche noch nie erlebt

Internationale Reeder halten sich derzeit vollkommen zurück, es gibt keine neuen Aufträge. Das ganze Ausmaß der Krise wird also noch in Jahren zu spüren sein. Denn die Vorlaufzeiten im Schiffbau sind lang, zwischen Vertrag und Auslieferung liegen bei Kreuzfahrtschiffen bis zu vier Jahren. Eine solche Krise hat die Branche noch nie erlebt. Unternehmer wie Gewerkschaften setzen deshalb auf staatliche Hilfen. Aber müsste man diese Hilfen in Millionenhöhe nicht an die Bedingung knüpfen, klimafreundliche Schiffe zu produzieren. Bei solchen Fragen gerät der Bezirksleiter der OG-Metall Küste in Hamburg, Daniel Friedrich, in eine Zwickmühle:

"Jetzt davon zu träumen, wir unterstützen nur das grüne Schiff, aber gleichzeitig brechen uns die Strukturen weg, dann haben wir nichts mehr." Daniel Friedrich, Bezirksleiter der OG-Metall Küste in Hamburg

Die rot-schwarze Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern gab inzwischen grünes Licht für eine der Unterstützung der MV Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund. Zunächst fließen 175 Millionen Euro, bis mehr Geld aus dem Corona-Rettungsschirm kommt. Der Bund prüft derzeit Hilfen für die angeschlagene Meyer Werft. Dort will man sparen, Personal abbauen und nur noch zwei statt drei Kreuzfahrtschiffe pro Jahr bauen. Die rot-grüne niedersächsische Landesregierung will verstärkt umweltfreundliche Technologien im Schiffsbau fördern.

Anschub für einen Green Deal?

Grüne und Linke fordern zusätzlich, dass die Meyer Werft ihren Rechtssitz aus Luxemburg nach Deutschland verlegt. Die grüne Abgeordnete und Vizepräsidentin des Landtages Meta Janssen-Kucz hofft, dass die Corona Krise den Anschub für einen Green Deal gibt:

"Die Politik muss da sehr klare Vorgaben machen. Es kann nicht angehen, dass diese Kreuzfahrtschiffe aber auch Containerschiffe als solche Dreckschleudern unterwegs sind." Meta Janssen-Kucz, grüne Abgeordnete und Vizepräsidentin des niedersächsischen Landtages

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