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Welt an der Grenze: Was in der Entwicklungshilfe schief läuft | BR24

© BR24 / Fabian Mader

Jugendzentrum bei Nairobi

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    Welt an der Grenze: Was in der Entwicklungshilfe schief läuft

    Afrika erlebt derzeit eine Bevölkerungsexplosion. Die Folge: Viele junge Afrikaner sehen in ihrem Land keine Zukunft und flüchten vor Armut und Perspektivlosigkeit. Kritiker sehen auch die europäische Entwicklungshilfe als eine der Ursachen.

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    Die Kenianerin Maggy bekam ihr erstes Kind mit 16. Sie flog von der Schule und kämpft sich seitdem mit Gelegenheitsjobs durch. Heute will sie Jugendliche in ihrem Viertel in Nairobi davon überzeugen, weniger Kinder zu bekommen und vor allem später damit anzufangen.

    "Ich möchte die anderen hier im Viertel überzeugen, zu verhüten – damit sie nicht denselben Fehler machen, den ich gemacht habe." Maggy

    Maggy engagiert sich in einem Jugendzentrum in Nairobi, unterstützt von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Gemeinsam mit zwei Freundinnen startet sie auf eine Tour durch das Viertel. Sie nimmt einen Holzdildo, eine große Packung Kondome und Infos zu anderen Verhütungsmitteln mit.

    Kirchenverband will Bevölkerungswachstum bremsen

    Derlei Projekte gebe es noch viel zu selten, sagt Bright Muwador vom Verband evangelischer Kirchen in Afrika (AACC). Der Kontinent habe Milliarden an Entwicklungshilfsgeldern bekommen, aber "kein Geldbetrag kann die Armut beseitigen, wenn wir nicht endlich die Bevölkerungsexplosion bremsen".

    Tatsächlich wird sich die Bevölkerungszahl in Afrika bis 2050 verdoppeln. Einige Länder wie Niger, werden sich sogar verdreifachen. Eine Chance, diese vielen Menschen zu ernähren oder in Jobs zu bringen, gibt es kaum.

    Daher startet nun sogar der evangelische Kirchenverband eine Kampagne, damit Menschen weniger Kinder bekommen. Das Motto: "Seid fruchtbar und mehret euch" – gelte für Teile Afrikas nicht mehr uneingeschränkt. Verantwortungsvolle Menschen dürften eben nicht mehr Kinder bekommen, als es die Ressourcen ermöglichen.

    Für Muwador hat Europa sogar "die Pflicht, das Bevölkerungswachstum in Afrika" zu bekämpfen. Denn: wenn Menschen in Afrika keine Perspektive auf eine Zukunft sähen, würden sie sich eben über das Mittelmeer durch kämpfen.

    Zentral sind: Bildung und Wirtschaftswachstum

    Aufklärung ist dabei nur ein Weg, um die Geburtenraten zu senken. Noch wichtiger sind Bildung und Wirtschaftswachstum. Studien zeigen: Frauen bekommen im Schnitt zwei Kinder weniger, wenn sie eine weiterführende Schule besucht haben. Ausgerechnet Bildung habe in der Entwicklungspolitik aber lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt, sagt der Berliner Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz.

    Die Entwicklungshilfe habe sich zu lange auf die Bekämpfung von Hunger und Krankheiten fokussiert, mit eigentlich großem Erfolg. Viel mehr Menschen in Afrika erreichen heute ein höheres Alter. Diese Erfolge werfen nun aber neue Fragen auf, sagt Reiner Klingholz. Die humanitären Hilfen habe man ja aus guten Gründen getan, "um zu verhindern, dass die Menschen sterben. Aber man muss nicht nur verhindern, dass sie sterben, sondern sie auch befähigen, dass sie sich um ihre eigene Zukunft kümmern." Man könne das den "Fluch der guten Tat" nennen.

    Weniger als 1 Prozent der exportorientierten deutschen Unternehmen investieren in Afrika

    Das Entwicklungshilfeministerium verweist im ARD-Politmagazin "report München" auf zahlreiche Projekte, die Bildung in Afrika fördern sollen. Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit soll enger werden. Der Erfolg ist bisher aber überschaubar. Nach wie vor investieren weniger als ein Prozent der exportorientierten deutschen Unternehmen in Afrika.

    Und die Geburtenraten gehen langsamer zurück, als das bei anderen Entwicklungsländern der Fall war – etwa in Asien. Um das endlich zu ändern, will Kenianerin Maggy Jugendliche in ihrem Viertel in Nairobi dazu bringen, sich mehr Gedanken über die Größe ihre Familie zu machen – und vor allem an Verhütung zu denken.

    Am Rande der Straße stehen Jungs herum, sie beäugen sie kritisch. Maggy geht auf sie zu, zieht ein Kondom über den Holzdildo. Sie erntet Gelächter. Aber dann kann sie einen der Jüngsten doch überzeugen, er nimmt gleich eine ganze Packung mit. Am Ende des Tages hat sie alle Kondome verteilt – und über andere Verhütungsmethoden informiert. Sie hoffe, dass die Jugendlichen "die Verhütungsmethoden auch nutzen und ihre Familien planen".