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Haustiere, besonders Hunde, sind gerade in der Coronapandemie überaus gefragt. Doch wer sich einen Welpen ins Haus holt, auf den wartet eine Menge Arbeit und das ist wohl nicht allen bewusst...

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Welpen-Boom während Corona: süßer Hund – unterschätzte Arbeit

Vor vier Wochen ist Hundewelpe Flo zu Familie Wegscheider umgezogen. Der stellt das Leben der Familie gehörig auf den Kopf. Sie alle wussten genau, was auf sie zukommt. Doch viele tun das nicht – die Tierheime befürchten deshalb eine Abgabewelle.

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Von
  • Julia Ruhs

Es geht nicht mehr – einfach zu viel Arbeit, so ein Hundewelpe. Zu dieser Einsicht muss die Vorbesitzer-Familie von Welpe Flo wohl gelangt sein. Sie hatten sich Flo noch im vergangenen Jahr angeschafft. Genau dann, als viele Menschen auf dieselbe Idee kamen – und das mehr aus einem Corona-Impuls heraus statt als wohl durchdachte Entscheidung. So landete Hundewelpe Flo schließlich bei Familie Wegscheider.

Hundekauf lange geplant, trotzdem anfangs überfordert

Die Familie aus Immenstadt im Allgäu hatte schon seit langem geplant, sich einen Hund zuzulegen. Sie hatten sich deshalb bereits von einem Hundetrainer beraten lassen. Als Flo dann kurzfristig bei ihnen einzog, war es anfangs trotzdem nicht einfach: "Die ersten zwei Wochen haben wir auch gesagt: Wir sind überfordert, wir schaffen das auch nicht, obwohl wir zu viert sind", sagt Neu-Hundebesitzerin Angelika Wegscheider.

Welpe macht Arbeit, braucht viel Aufmerksamkeit

Mit der Zeit wurde es besser. Allerdings ist ihr Leben jetzt anders als vorher, erzählt sie. Vieles richte sich nun nach dem Hund. Denn es fällt nun mal viel Arbeit an: füttern, vier Mal am Tag Gassi gehen, mit Flo trainieren, der muss schließlich erzogen werden. Und Saubermachen, denn ganz stubenrein ist der Welpe noch nicht. Auch der Wohnzimmerteppich musste deshalb vorübergehend weichen.

Eine Herausforderung, neben Homeoffice der Eltern und Homeschooling der beiden Kinder. Und kriegt Welpe Flo mal nicht die Aufmerksamkeit, die er gerne hätte, ist die Wandtapete schnell angekaut.

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Sohn Jonas mit Hund Flo

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Tochter Alina mit dem Hundwelpen

Hundetrainer warnt vor Corona-Impulskäufen

Dass so ein Hund schnell zu viel werden kann, weiß Hundetrainer Wolfgang Siebel aus seiner Berufserfahrung. Er sorgt sich im Moment vor allem um eines: Was passiert mit den Hunden, deren Besitzer nach Corona wieder ganz normal zur Arbeit müssen? Dann sind die meisten mindestens acht Stunden unterwegs. "So ein Hund ist kein Kuscheltier, das ich, wenn ich es mal nicht brauche, in den Schrank stellen kann. Und das dann wartet, bis ich aus der Arbeit wiederkomme", kritisiert er.

Zeit, Geld, Urlaubs- und Zukunftspläne durchdenken

Sein Appell: sich vor dem Hundekauf gut überlegen, wie viel Zeit man für das Tier hat - und wie viel Geld, denn die Anschaffungskosten sind nur der Anfang. Hinzu kommen Kosten für den Tierarzt, für Impfungen, für die Hundeschule und das Futter. Mindestens 150-180 Euro sollten im Monat zur Verfügung stehen, die nicht weh tun, rät er.

Da ein Hund zwischen zehn und 15 Jahre lebt, sind auch die eigenen Lebenspläne eng mit dem Tier verknüpft. Selbst Urlaubreisen sind nicht mehr so unkompliziert möglich. Siebel befürchtet deshalb, dass nach den Corona-Beschränkungen viele Hunde in den Tierheimen landen.

Tierheime befürchten Tier-Abgabewelle im Herbst

Ähnliche Bedenken äußern auch die Tierheime München und Augsburg. Sabina Gassner, Geschäftsführerin des Tierschutzvereins Augsburg rechnet im Lauf der Sommerferien, spätestens jedoch im Herbst, mit einer Abgabewelle. Bisher gebe es die aber noch nicht.

Tier-Kauf im Internet wird beliebter – mit fragwürdigen Folgen

Eine ungewöhnlich hohe Nachfrage blieb beim Tierheim Augsburg während der Pandemie ebenfalls aus. Gassner zufolge liegt das auch daran, dass die Leute keine Lust auf den Aufwand haben, den so ein Tierheim-Hund mit sich bringt.

Denn jeder, der interessiert an einem Hund ist, wird genau abgeklopft – ob das Tier dort auch wirklich gut aufgehoben ist. Im Internet ginge das deutlich schneller. Dabei würden die Menschen aber vergessen, dass sie damit den illegalen Welpenhandel mit befeuern.

Tierheime: "Tier wird angeschafft wie ein Konsumartikel"

"Immer mehr Leuten ist egal, woher die Tiere kommen", meint auch die Sprecherin des Tierheims München. Es sei ihnen nicht so wichtig, ob die Tiere vollständig geimpft sind oder überhaupt alt genug, um aus dem Ausland nach Deutschland transportiert zu werden. "So ein Tier wird angeschafft wie ein Konsumartikel", bemängelt auch Tierschützerin Gassner.

Welpenkauf gerade während der Pandemie bedenklich

Hundetrainer Wolfgang Siebel sieht den Trend zum Hund während Corona auch noch aus einem anderen Grund kritisch. Denn ein Welpe sollte in seinen ersten Wochen – der Prägephase – alles erleben, was später für ihn zum Leben dazugehört: Autofahren, Tierarzttermine, Besuche in Restaurants und Cafés, Menschenansammlungen, den Kontakt zu Artgenossen. Tut er das nicht, können diese Situationen später bei ihm Angst auslösen. Doch viele dieser Punkte sind während der Pandemie nicht möglich.

Trainer: Geduld haben beim Hundekauf

Sein Ratschlag: Sich Zeit lassen bei der Entscheidung für ein Tier. Am besten die Pandemie abwarten. Dann geht es den Besitzern am Ende vielleicht wie Familie Wegscheider: Die würden ihren Welpen nicht mehr hergeben.

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Welpen-Boom während Corona

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