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Wegen Syrien: Zwei Nato-Partner in der Beziehungskrise | BR24

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US-Vizepräsident Pence und Außenminister Pompeo sind nach Ankara gereist, um Präsident Erdogan zu einer Waffenruhe zu bewegen.

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Wegen Syrien: Zwei Nato-Partner in der Beziehungskrise

Jahrzehntelang waren die Türkei und die USA enge Partner. Doch seit einigen Jahren kriselt es. Die heftigen Reaktionen in Washington auf die türkische Invasion im Norden Syriens sind das jüngste Beispiel einer gegenseitigen Entfremdung.

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Es gibt kaum jemanden in Washington, der sich über Jahrzehnte so intensiv mit dem türkisch-amerikanischen Verhältnis befasst hat wie Bulent Aliriza. Der Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) war früher Diplomat und Dozent an verschiedenen Universitäten.

Auf die Frage, ob das türkisch-amerikanische Verhältnis je zuvor so schlecht wie heute war, antwortet er: Alles schon mal da gewesen! 1974 habe der US-Kongress wegen des Zypern-Krieges sogar ein Waffenembargo gegen die Türkei beschlossen, das mehr als zwei Jahre hielt. Eines sei heute jedoch schlimmer als je zuvor:

"Der Mangel rationaler politischer Entscheidungen im Weißen Haus. Es gibt keinerlei Abstimmung mehr mit den Ministerien. Der US-Präsident telefoniert einfach mit dem türkischen Präsidenten und trifft eine Entscheidung mit schrecklichen Konsequenzen." Bulent Alirza, Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik  

Erdoğan ärgert sich über Sanktionsdrohungen

Trump sei sich vermutlich über die Folgen eines US-Abzugs aus Syrien nicht im Klaren gewesen, vermutet der Türkei-Experte, weshalb er Erdoğan grünes Licht gegeben habe. Umso mehr ärgere sich Erdoğan nun über die heftigen Proteste und Sanktionsdrohungen im US-Kongress. Und das trotz der guten Chemie zwischen ihm und Trump, betont Bulent Aliriza:

"Das ist immer noch ein Liebesfest zwischen den beiden. Es ist wie mit Russland. Russland hat keine Freunde in Washington, aber einen im Weißen Haus. Die Türkei hat nur wenige Freunde in Washington, aber Erdoğan hat einen Freund im Weißen Haus." Bulent Alirza, Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik  

Die gegenseitigen Sympathien beider Präsidenten könnten jedoch nicht über die unterschiedlichen Interessen beider Länder hinwegtäuschen. Im Kalten Krieg diente die Türkei den USA noch als wichtiges Bollwerk gegen sowjetischen Einfluss.

Als die Obama-Regierung den Sturz der Muslimbrüder nicht verhinderte

Doch spätestens seit Erdoğan Präsident ist, verfolgt die Türkei eigenwilligere Ziele. Deutliche Verschlechterungen im bilateralen Verhältnis gab es in den Jahren 2013 und 2016: 2013 war Erdoğan verärgert, dass die Obama-Regierung den Sturz der Muslimbrüder in Ägypten nicht verhinderte. Und dass Obama nicht aktiv in den Krieg gegen Syriens Diktator Assad eingriff.

2016 folgte dann der gescheiterte Putschversuch in der Türkei. Bis heute ist Erdoğan überzeugt, dass die in den USA aktive Gülen-Bewegung hinter dem Putsch steckte. Umgekehrt ärgerte die US-Regierung die Inhaftierung eines US-Pastors in der Türkei und Erdoğans Kauf russischer Abwehrraketen vom Typ S 400.

"Alles zusammen hat zu einer Distanzierung der beiden Nato-Verbündeten geführt. Außerdem zeigen Umfragen, dass eine große Mehrheit der Türken die USA nicht als Verbündeten sieht, sondern als Feind." Bulent Alirza, Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik  

Wie Erdoğan punkten will

Erdoğan kann innenpolitisch punkten, wenn er sich den USA widersetzt, ist Bulent Aliriza überzeugt. Auch deshalb beurteilt der Türkei-Experte die Erfolgsaussichten des Vermittlungsversuchs von Vizepräsident Pence in der Türkei skeptisch. Eine amerikanische Vermittler-Rolle zwischen Türken und Kurden werde Erdoğan ohnehin nicht akzeptieren. Ein baldiger Stopp der türkischen Invasion oder gar ein Rückzug sei ebenfalls unrealistisch:

"Das ist zu wenig und kommt zu spät. Trump hätte früher über die Folgen seiner Entscheidung nachdenken sollen, bevor er Pence in diese aussichtslose Mission schickt." Bulent Alirza, Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik  

Die bisherigen Sanktionen der Trump-Regierung hält der Türkei-Experte bei der Denkfabrik CSIS für bloßen Etikettenschwindel Trumps, um den Kongress von schärferen Sanktionen abzuhalten. Ein echtes Umdenken der Türkei könne der Kongress nur erreichen, wenn er die Finanz- und Wirtschaftshilfen für die Türkei streiche und Sanktionen gegen Erdogan persönlich verhänge. Manche US-Senatoren fordern gar den Ausschluss der Türkei aus der Nato.

Kommt es zu einer neuen Allianz zwischen Ankara und Moskau?

Droht in den nächsten Jahren also ein dauerhafter Bruch im Verhältnis zwischen der Türkei und den USA? Kommt es gar zu einer neuen Allianz zwischen Ankara und Moskau? Auf gar keinen Fall, meint Bulent Aliriza:

"Die Türkei kann sich nicht vom Westen lösen. Schon, weil sie die finanzielle Unterstützung und Investitionen aus dem Westen braucht. Das kann Russland niemals leisten." Bulent Alirza, Direktor des Türkei-Zentrums in der Washingtoner Denkfabrik  

Mittel- und langfristig sieht der Türkei-Experte deshalb gute Chancen für eine Wiederannäherung beider Länder. Doch wie in einer langen Ehe, in der sich viele Konflikte aufgestaut haben, sei eine offene und ehrliche Aussprache beider Seiten nötig. Nur so lasse sich die eingerostete Beziehung wiederbeleben.

© BR/Martin Ganslmeier

Jahrzehntelang waren die Türkei und die USA enge Partner. Doch seit einigen Jahren kriselt es. Die heftigen Reaktionen in Washington auf die türkische Invasion im Norden Syriens sind das jüngste Beispiel einer gegenseitigen Entfremdung.