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Wechselmodell bei Scheidungskindern - bald die Regel? | BR24

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Über 120.000 Kinder und Jugendliche erleben jedes Jahr die Scheidung ihrer Eltern. Die große Mehrzahl lebt danach vorrangig bei nur einem Elternteil, meist bei der Mutter. Doch ist das noch zeitgemäß? Die FDP fordert nun das "Wechselmodell".

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Wechselmodell bei Scheidungskindern - bald die Regel?

Über 120.000 Kinder und Jugendliche erleben jedes Jahr die Scheidung ihrer Eltern. Die große Mehrzahl lebt danach vorrangig bei nur einem Elternteil, meist bei der Mutter. Doch ist das noch zeitgemäß? Die FDP fordert nun das "Wechselmodell".

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Auch getrennte Eltern wünschen sich guten Kontakt zu ihren Kindern und eine faire Aufteilung der Betreuung und Kosten. Das gelingt meistens. Allerdings landen etwa zehn Prozent aller Scheidungen vor einem Familiengericht. Dort wird dann meistens entschieden, dass die Kinder vorwiegend bei einem Elternteil leben sollen, meist bei der Mutter.

Die FDP hält das für überholt. Gleich viel Zeit bei Mama und Papa sollte die Regel sein, findet Bayerns FPD-Chef Daniel Föst:

"Es geht nicht darum, dass wir jedem vorschreiben, was er machen soll. Aber es geht darum, dass wir ein Leitbild einführen: Schaut doch erstmal, ob das Wechselmodell für Euch nicht gut wäre."

Gleichberechtigte Kinderbetreuung – eher Wunschdenken als Realität?

Richtig ist: Vor allem Väter wollen heute mehr als früher ihre Kinder gleichberechtigt betreuen. Der Psychologe Heinz Kindler vom Jugendinstitut München war als Sachverständiger in einer Bundestags-Anhörung geladen. Er warnt davor, Wunschdenken mit der Realität zu verwechseln:

"Das Wechselmodell wird ganz überwiegend dann praktiziert, wenn es bereits vorher ein sehr intensives Engagement beider Elternteile in der Kinderbetreuung gab." Heinz Kindler, Psychologe

Fördert das Wechselmodell die Gleichberechtigung?

Die FDP argumentiert auch, dass das Wechselmodell den Frauen beim beruflichen Neustart helfe. Als Alleinerziehende tappten sie eher in die Teilzeitfalle. Doch Wechselmodell heißt auch: Es wird kein Unterhalt gezahlt. Frauen, die wegen der Kindererziehung beruflich kürzer getreten sind, müssen dann aus dem Stand einen Vollzeitjob finden. Nur so können sie eine ausreichend große Wohnung und alle Ausgaben für die Kinder bezahlen. Aus Sicht der linken Bundestagsabgeordnete Katrin Werner taugt es deshalb nicht, die Situation der Frauen zu verbessern:

"Ich glaube, Gleichberechtigung oder Gleichstellung diskutiert man auf anderen Ebenen, an anderen Stellen, aber nicht im Zusammenhang mit dem Wechselmodell." Kathrin Werner, MdB (Die Linke)

Bundesfamilienministerin lehnt Wechselmodell ab

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) lehnt das von der FDP geforderte Gesetz zur Einführung des Wechselmodells ab. Jede Familie gestalte ihr Zusammenleben so, wie es für sie passe, sagte Giffeys Sprecherin Ulla Fiebig der "Augsburger Allgemeinen" am Samstag. "Deshalb verbietet sich aus unserer Sicht für den Fall einer Trennung der Eltern eine einheitliche gesetzliche Regelung, wie das Leben danach gestaltet wird." Es könne immer nur im Einzelfall entschieden werden.

Um herauszufinden, wie der Umgang mit den Eltern so gestaltet werden kann, dass er dem Wohl des Kindes am besten entspricht, hat das Familienministerium die Studie "Kindeswohl und Umgangsrecht" in Auftrag gegeben. Die Veröffentlichung soll den Angaben zufolge "voraussichtlich im Laufe des Frühjahrs erfolgen".

Ist das Wechselmodell besser für die Kinder?

Bleibt die Frage nach dem Kindeswohl: Die wenigen Studien, die es dazu gibt, legen nahe, dass Kinder, die bei beiden Eltern leben, stabiler sind. Doch das liegt womöglich daran, dass Eltern, die sich für das Wechselmodell entscheiden, eher wenig miteinander streiten.

"Eine andere Frage ist aber, ob wir das den Leuten vorschreiben sollten, zum Leitbild machen sollten. Das geben die Daten nicht her." Heinz Kindler, Psychologe am Deutschen Jugendinstitut in München

Wie es einem Kind nach der Trennung seiner Eltern geht, hängt vor allem davon ab, ob es viele oder wenige Konflikte gibt. Konsens gibt es im Bundestag darüber, Familien, die das Wechselmodell leben, zu unterstützen. Mit Reformen im Steuer- oder Unterhalts-Recht. Aber das Wechselmodell als Leitbild? Dafür gibt es weder bei den  Bundestagsabgeordneten, noch auf Ebene der Experten derzeit eine Mehrheit.

Wie steht Bayern zum Wechselmodell?

Bayerns Familienministerin Kerstin Schreyer (CSU), sieht im Wechselmodell lediglich einen Baustein, aber es sei nicht der Weisheit letzter Schluss. Vielmehr wirbt Schreyer dafür, die Zusammenarbeit der Jugendämter mit den Familiengerichten zu stärken. Im Falle einer Scheidung sollen so Eltern und Richter dabei unterstützt werden, die beste Lösung für die betroffenen Kinder zu finden.