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Was blieb von den Zeitungen der DDR? | BR24

© BR/Günter Herkel

Tageszeitungen und Zeitschriften in der DDR unterstanden der Abteilung Agitation und Propaganda der Stasi. Inhalte wurden überwacht, oppositionelle Stimmen kamen faktisch nicht zu Wort. Wie wirkte sich der Mauerfall auf die Ost-Zeitungen aus?

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Was blieb von den Zeitungen der DDR?

Tageszeitungen und Zeitschriften in der DDR unterstanden der Abteilung Agitation und Propaganda der Stasi. Inhalte wurden überwacht, oppositionelle Stimmen kamen faktisch nicht zu Wort. Wie wirkte sich der Mauerfall auf die Ost-Zeitungen aus?

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Für die Printmedien der DDR schlug schon am 1. April 1990 die Stunde der Wahrheit. Damals wurden Zeitungen und Zeitschriften recht abrupt in die raue Welt der freien Marktwirtschaft entlassen. Der Wegfall staatlicher Subventionen löste sofort eine rasante Pressekonzentrationswelle aus.

Zeitungen überleben Konkurrenzkampf nicht

Als erstes traf es ausgerechnet die Neugründungen, die in der kurzen Phase zwischen Mauerfall und Vereinigung für eine bislang ungekannte Vielfalt gesorgt hatten. Horst Röper, Leiter des Dortmunder Medienforschungsinstituts Formatt, erläutert: "Damals gab es am Markt Dutzende von kleinen, jungen Zeitungen, die versucht haben, in kleinen Verbreitungsgebieten eine neue Existenz zu finden. Die hat man nicht geschützt. Man hat sie noch viel weniger gefördert, sondern man hat sie dem Konkurrenzkampf (…) ausgesetzt, und den haben sie nicht überlebt."

Spätestens nach der überstürzten Währungsunion Mitte 1990 war für die meisten unabhängigen Zeitungen Schluss. Immerhin bis Sommer 1992 hielt "Die Andere" durch, eine überregionale Wochenzeitung für Politik und Kultur, Sprachrohr der DDR-Bürgerrechtsbewegung um Bärbel Bohley und Jens Reich.

SED-Zeitungen verschwanden

Schlecht erging es auch den ehemaligen Sprachrohren der SED, der Blockparteien und der Massenorganisationen. Blätter wie das "Bauern-Echo" oder die gewerkschaftliche "Tribüne" verschwanden sang- und klanglos. Nur das einstige SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" und die "Junge Welt", Ex-Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend, existieren mit geringer Auflage bis heute.

Treuhandanstalt trifft wegweisende Entscheidung

Besonders folgenreich für die heutige Struktur des Pressemarktes in den neuen Ländern war eine Entscheidung der Treuhandanstalt, erklärt Christoph Links, Ende 1989 Gründer eines der ersten privaten Buchverlages in der DDR: "Das, was viele in der demokratischen Revolution im Herbst '89 erhofft hatten, dass eine neue demokratische Vielfalt auch in den Medienmarkt kommt, hat sich dann nicht bewahrheitet, sondern die Monopolzeitungen der SED in den einzelnen Bezirken der DDR sind unter den großen westdeutschen Verlagen politisch aufgeteilt worden."

Unter der Regie von Springer, Madsack und Co.

Die auflagenstarken SED-Bezirkszeitungen verfügten bis 1989 über ein fast vollständiges Monopol orts- und kreisbezogener Berichterstattung.

Schon wenige Jahre nach dem gesellschaftlichen Umbruch war dieser Zustand wiederhergestellt, nun allerdings unter der Regie von Springer, Madsack und Co., so Horst Röper vom Formatt-Institut: "Unter der alten ostdeutschen Regie sind nur wenige Verlage verkauft worden. Und manches, was westdeutsche Verlage schon an Initiativen ergriffen hatten, um in Ostdeutschland Zeitungen zu übernehmen, ist dann auch von der Treuhandanstalt verhindert worden - zunächst. Aber dann sind sie in einem Versteigerungsverfahren am Markt angeboten worden. Und erneut sind ausschließlich die deutschen Großverlage zum Zuge gekommen."

Bundesregierung trifft Teilschuld

Wie es dazu kam? Die Treuhand zum Sündenbock zu machen, sei ungerecht, findet die Kommunikationswissenschaftlerin Mandy Tröger, deren Studie über die damaligen Vorgänge unter dem Titel "Pressefrühling und Profit" in Kürze als Buch erscheint.

Eine zentrale Rolle habe gerade die Bundesregierung gespielt, sagt Tröger: "In dem Sinne, dass das Bundesinnenministerium im Februar 1990 den Verlagen grünes Licht zur Markterschließung gegeben hat. Da war das Ziel des Bundesinnenministeriums ein Informationsfluss für die Wahlen am 18. März 1990. Das Ministerium hat aber gleichzeitig gesagt, dass nichts, was im Osten aufgebaut wird, Strukturen im Westen gefährden dürfte. Das waren die zwei Ziele, und das haben sie beides erreicht."

Andere Lösungen wären möglich gewesen

Obgleich abzusehen war, wohin diese Politik des "Laissez faire" führen würde, ließen Bundesregierung und Kartellämter die westdeutschen Großverlage gewähren. Gab es Alternativen zu dieser Politik? Sehr wohl, findet Konzentrationsforscher Horst Röper: "Die Treuhandanstalt hätte damals dafür sorgen müssen, dass die großen SED-Bezirkszeitungen nicht als Ganzes veräußert werden, sondern in Teilen. Das nördliche Verbreitungsgebiet wird abgetrennt vom südlichen, und man verkauft dann stückweise an unterschiedliche Besitzer – so wäre vielleicht ein bisschen mehr an Vielfalt auch dauerhaft zu erzielen gewesen."

Heute hat in den Verbreitungsgebieten der ehemaligen SED-Bezirkszeitungen jeweils ein westdeutscher Großverlag das Sagen. Rückblickend kommt Verleger Christoph Links zu dem Schluss: "Insofern waren die politischen Rahmenbedingungen so, dass sich eine wirklich eigenständige, demokratische neue Medienlandschaft aus dem Osten heraus selbst gar nicht aufbauen konnte."