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Obwohl der neue US-Präsident als gläubiger und überzeugter Katholik gilt, könnten ihm mit den Kirchen in den USA noch Auseinandersetzungen drohen. Wie so oft in den USA, entzünden sich die Schwierigkeiten an der Haltung zur Abtreibung.

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Was Amerikas Kirchen vom Katholiken Joe Biden erwarten

Obwohl der neue US-Präsident als gläubiger und überzeugter Katholik gilt, könnten ihm mit den Kirchen in den USA bald Auseinandersetzungen drohen. Wie so oft in den USA entzünden sich die Schwierigkeiten an der Haltung zur Abtreibung.

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Von
  • Sebastian Hesse

Die zurückliegende Präsidentschaftswahl in den USA war alles andere als gewöhnlich. Sie war eine Schicksalswahl bei der es – so die Kandidaten – auch um die Seele Amerikas ging. Unterstützt wurde Donald Trump dabei in seinem Kulturkampf von der religiösen Rechten in den USA, vor allem von den Evangelikalen. Doch es gewann Joe Biden, der sich nun den Erwartungen der Kirchen des Landes stellen muss.

Priester-Freund bei der Amtseinführung Bidens dabei

Wenige Minuten nachdem Biden am 20. Januar seinen Amtseid geleistet hatte, schallte eine mächtige Stimme von der Empore am Kapitol: Die von Reverend Silvester Beaman. Der Geistliche ist ein alter Freund Bidens und war mit dem neuen Präsidenten aus ihrem gemeinsamen Heimatort Wilmington, Delaware, angereist. "Glaube ist ein Geschenk", erklärte der praktizierende Katholik Biden immer wieder. Und so verwunderte es nicht, dass er ausdrücklich Beaman gebeten hatte, bei der Amtseinführung auf den Stufen des Kapitols zu predigen.

Abtreibung als religiöses Reizthema

Doch kaum war der neue US-Präsident - nach John F. Kennedy erst der zweite Katholik in diesem Amt - ins Weiße Haus eingezogen, da waren schon kritische Worte aus den Reihen der Katholischen Bischofskonferenz in den USA zu hören: Zu begrüßen seien Bidens Haltung zu Flüchtlingen und Migration, zur Todesstrafe, zum Rassismus und zum Klimawandel. Nicht aber seine Einstellung zur heiklen Abtreibungsfrage.

Hier hat Biden immer eine undogmatische Haltung eingenommen. Seine Frau Jill und er würden, für sich persönlich, die katholische Doktrin akzeptieren und Schwangerschaftsabbrüche ablehnen, so Biden, aber er würde diese Doktrin niemals Andersdenkenden aufzwingen.

Evangelikale Kirchengemeinden auf Distanz zu Biden

Diese undogmatische Haltung befremdet nicht nur in Bidens eigener Kirche: Sie bestätigt Amerikas Evangelikale in ihrer Biden-Skepsis. Die religiöse Rechte in den USA hatte Donald Trump nicht zuletzt deshalb so verehrt, weil der sich immer wieder an die Seite kompromissloser Abtreibungsgegner gestellt hatte.

Die religiöse Linke dagegen - etwa Mariann Budde, die Bischöfin an Washingtons National Cathedral - setzt jetzt voll auf den liberalen Katholiken Biden: "Joe Biden ist nicht perfekt", meint Budde. "Aber er trifft den richtigen Ton um die Nation wieder zu sich selbst zurück zu bringen, zu heilen. Manche wünschen ihn sich aggressiver, aber ich bin sehr beeindruckt davon, wie er über den Dingen steht. Und diejenigen zurückzuholen versucht, die sich von den Lügen der letzten Regierung haben einlullen lassen."

Damit meint die Bischöfin vor allem Trumps evangelikale Wählerbasis. Die entzückt durchaus Bidens praktizierter Glaube. Der Demokrat ist eindeutig ein regelmäßigerer Kirchgänger als Trump es je war, aber sie sehen ihn als eine Art Strohmann.

Religiöser Kulturkampf in den USA

Trumps Wahlkampf-Behauptung, hinter Biden stecke der radikale, atheistische, linke Flügel der Partei als eigentlicher Drahtzieher, sitzt nachhaltig. So sieht es auch Matthew Wilson, Politikprofessor an der Southern Methodist University in Dallas: "Evangelikale haben nicht unbedingt grundsätzlich Angst vor Joe Biden. Sie sind eher misstrauisch gegenüber einem bestimmten Flügel der demokratischen Partei, der Biden allzu stark beeinflussen könnte."

Bei einigen Evangelikalen hat sich die Tonlage jedoch schon hörbar verändert. Pastor Robert Jeffress etwa, der in Dallas die 'First Baptist' Megachurch leitet. Ein glühender Trump-Verehrer, der in Jerusalem an der Seite seines Idols das Auftaktgebet sprechen durfte, als die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt wurde. Dieser Robert Jeffress forderte seine Gemeinde jetzt auf, so für Biden zu beten, wie sie zuvor für Trump gebetet hatte: Denn wenn Biden erfolgreich sei, dann seien alle Amerikaner erfolgreich.

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