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300 Euro zum Leben: Was kann die Grundrente ändern? | BR24

© BR/Julia Müller

Grundrente

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    300 Euro zum Leben: Was kann die Grundrente ändern?

    In Bayern sind mehr als zwei Drittel aller Rentnerinnen armutsgefährdet. Im Mai möchte Bundesarbeitsminister Heil einen Gesetzesentwurf für eine Grundrente vorlegen. Was man bisher über die Pläne weiß, hat schon zu vielen Diskussionen geführt.

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    Der Blick aus Maria Mayers 40-Quadratmeter-Apartment fällt direkt auf das Trainingsgelände des FC Bayern an der Säbener Straße. Sie freue sich über den schönen Ausblick, sagt die 78-jährige Rentnerin. Aber: Hier prallen die Gegensätze der Gesellschaft eben auch deutlich aufeinander. Dort die millionenschweren Fußballprofis, wenige Meter entfernt die Rentnerin, der nach Abzug der Fixkosten wie Miete und Versicherung um die 300 Euro zum Leben bleiben.

    32 Jahre in die Rentenkasse gezahlt

    Maria Mayer kramt in ihren Akten. Rentenbescheide, Versicherungen – alles hat sie sorgfältig abgeheftet. Sie hat in ihren 78 Jahren einiges erlebt: Lehre zur Einzelhandelskauffrau mit 14, dann Steuergehilfin. Heirat, Kind, Scheidung. Wechsel in die Gastronomie. Pleite mit dem Münchner Lokal "Marienkäfer", Auswanderung nach Spanien. Dann zurück nach München, Wirtin im für seine Livemusik bekannten Cafe Giesing, bis 2000 als Unterpächterin.

    Sie war oft selbstständig, hat aber auch in der Zeit oft eingezahlt. Insgesamt hat sie 32 Jahre in die Rentenkasse gezahlt. Drei Jahre zu wenig für das neue Grundrenten-Modell. "Ich habe nicht gefaulenzt, sondern gearbeitet. Ich finde die Grenze nicht richtig. Und ich finde auch, dass man ruhig etwas nachforschen sollte, ob derjenige denn einigermaßen bedürftig ist."

    💡 Was ist die Grundrente?

    Eine Rente für alle Geringverdiener, die mindestens 35 Beitragsjahre erreicht haben und trotzdem eine Rente unter dem regionalen Grundsicherungsbedarf bekommen. In der Diskussion steht die Grundrente, weil sie im Koalitionsvertrag steht und es noch im Sommer einen Gesetzesentwurf geben soll. (Erklärt von Johannes Lenz, BR24-Wirtschaft)

    "Ich schneide mir meine Haare selbst"

    Da sie die letzten zehn Jahre ihres Berufslebens nicht durchgehend in die gesetzliche Krankenversicherung eingezahlt hat, muss Maria Mayer höhere Krankenkassenbeiträge selbstständig zahlen. Von ihrer Rente gehen dafür nochmal gut 100 Euro weg, knapp 350 Euro kostet die Sozialwohnung, dazu kommen Versicherungen oder weitere ständige Kosten. Unterm Strich bleiben ihr, die von ihrem 14. bis zu ihrem 60. Lebensjahr fast durchgehend gearbeitet hat, von Rente und Grundsicherung dann noch um die 300 Euro übrig:

    "Sie haben genug zum Leben, aber das heißt Wohnen, Essen und Trinken. Trinken im Maß, was zum Essen gehört. Nicht die anderen Getränke. Mehr ist da nicht. Ich schneide mir meine Haare selbst. Weggehen geht nicht, sagen wir Kino. Das ist nicht so fürchterlich wichtig, aber wenn Sie mal drei Monate mit diesem Geld gelebt haben, wissen sie, wo es hinten und vorne fehlt." Maria Mayer

    Grundrente: nur nach 35 Jahren Einzahlung

    Warum sie nicht mehr vorgesorgt hat? Als Wirtin blieb oft nichts übrig. Zuerst wurden die Mitarbeiter bezahlt. Gastronomin sei sie aus Leidenschaft gewesen, sagt die 78-jährige, sie würde immer noch nichts anders machen. Auch wenn sie dadurch keinen Anspruch auf die "Respekt-Rente" – wie die Grundrente auch genannt wird - hat, weil drei Jahre Versicherungszeit fehlen. Die Münchner Ethnologin Irene Götz hat in ihrem Buch "Kein Ruhestand" mehr als 50 Frauen in Altersarmut porträtiert. Für sie ist Maria Mayer ein typisches Beispiel:

    "Das ist ein großes Problem. Frauen profitieren sicherlich von der Grundrente, aber auch nur die, die 35 Jahre eingezahlt haben. Und das ist bei Frauen tendenziell seltener der Fall als bei Männern." Irene Götz. Ethnologin

    Drei bis vier Millionen sollen von Grundrente profitieren

    Forscherinnen wie Irene Götz oder Gewerkschaften wie der DGB loben das Grundrenten-Modell trotzdem als ersten Schritt nach vorne. Geschätzt drei bis vier Millionen Menschen würden davon profitieren, auch Frauen. Eine Friseurin, die lange eingezahlt hat, aber nur wenig verdient hat, würde mit der Grundrente zusätzliche Entgeltpunkte bekommen, was ihre Rente erhöht. Maximal sind mehr als 400 Euro mehr möglich als zuvor, oft wird es um 100 oder 200 Euro mehr gehen, die für viele Betroffene aber einen großen Unterschied ausmachen.

    Irene Götz sieht die Grundrente als eine Art Reparaturmaßnahme der Auswirkungen von Hartz IV. "Man versucht jetzt, das Alterseinkommen auf so eine Art Mindesttarif anzuheben. Das ist besser als nichts, reicht aber natürlich nicht. Mittelfristig muss sich Arbeit mehr lohnen. Die Stundenlöhne müssen angehoben werden, Minijobs versicherungspflichtig werden."

    Sollen Selbstständige und Beamten auch einzahlen?

    Die Münchner Ethnologin Irene Götz fordert außerdem, dass auch Selbstständige oder Beamte in die Rentenkasse einzahlen sollen. Rentnerin Maria Mayer hat aus ihrer Not währenddessen eine Tugend gemacht. Sie engagiert sich bei der Seniorenhilfe der Organisation Lichtblick, ermutigt beispielsweise andere Rentner, staatliche Hilfe zu beantragen – 74 Prozent aller, die Anspruch auf die Grundsicherung hätten, beantragen diese oft aus Scham aktuell nicht.

    Durch Lichtblick oder die Münchner Tafel kommt Maria Mayer unter Leute und bekommt regelmäßig Mahlzeiten – gerade am Ende des Monats ist das wichtig. "Bei mir heißt es immer Stubenarrest, weil meine Einteilungen nicht hinhauen. Da brauche ich dann doch zehn Euro mehr oder ich kaufe mir mal Blumen, stellen sie sich das mal vor! Dann passt das wieder nicht. Deswegen habe ich immer Stubenarrest die letzten Tage im Monat."