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Tilmann Kleinjung, Leiter der Redaktion Religion & Orientierung

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    Kommentar: Warum Missbrauchsaufarbeitung in der Kirche scheitert

    Der verstorbene Kardinal Meisner hatte Akten über Missbrauchstäter "Brüder im Nebel" getauft. Nur ein Detail aus dem heute veröffentlichten Missbrauchsgutachten. Aber es zeigt, wie die Kirche an der Aufarbeitung scheitert, meint Tilmann Kleinjung.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Der frühere Erzbischof von Köln Kardinal Joachim Meisner hatte seine Aktensammlung über Missbrauchstäter "Brüder im Nebel" getauft. Nur ein Detail aus der 800-Seiten-Untersuchung, die die Kölner Kanzlei Gercke zum Missbrauchsgeschehen im Erzbistum Köln vorgelegt hat.

    "Brüder im Nebel"? - Verbrecher!

    Ein Detail, an dem deutlich wird, wie Verantwortliche in der Kirche mit dem Missbrauch in den eigenen Reihen umgegangen sind. Die Täter wurden "Brüder im Nebel" genannt, nicht Verbrecher. Es wurde Vieles unternommen, um die Taten zu bagatellisieren, zu vertuschen, zu vernebeln.

    Als 2010 der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zum ersten Mal für Schlagzeilen sorgte, versicherte eben jener Kardinal Meisner treuherzig "nichts geahnt" zu haben. Nichts geahnt? Seit heute wissen wir: Der 2017 verstorbene Kirchenmann hat in 24 Fällen seine Pflichten als Vorgesetzter verletzt. Er kann nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Andere schon: Meisners Nachfolger Kardinal Rainer Maria Woelki hat unmittelbar nach der Präsentation der Studie zwei hochrangige Mitarbeiter von ihren Ämtern freigestellt.

    Hamburger Erzbischof Heße kann nicht im Amt bleiben

    Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, ehemaliger Personalchef und Generalvikar in Köln, kann nach dem verheerenden Ergebnis der Untersuchung nicht im Amt bleiben. Sein Rücktrittsangebot an den Papst ist die logische Konsequenz aus einem Gutachten, das ihn mit dem Satz zitiert: "Man sollte aus den vorhandenen Dingen keine große Sache machen, da sich bisher von außen keine offiziellen Beschwerden ergeben haben und die Anhaltspunkte viel zu gering sind."

    Und Woelki selbst? Er hat sich keiner Pflichtverletzung schuldig gemacht, stellen die Anwälte fest.

    Missbrauchs-Gutachten: rechtlich einwandfrei, aber nicht unabhängig

    Und hier beginnen die Probleme: Woelki ist Auftraggeber der Studie, die ihn nun entlastet. "Ich habe sozusagen meine eigene Anklageschrift in Auftrag gegeben", sagte Woelki vor einem Jahr. Die Untersuchung mag gründlich und rechtlich einwandfrei sein, das Prädikat "unabhängig" verdient sie nicht.

    Noch schwerer wiegt, dass Woelki die erste von ihm beauftragte Studie einer Münchner Kanzlei zurückgehalten hat und mit seiner desaströsen Kommunikationsstrategie sein Bistum, die ganze katholische Kirche in Deutschland in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt hat.

    Verlierer sind einmal mehr die Opfer

    Rekordaustrittszahlen in Köln und der Konkurrenzkampf zweier Anwaltssozietäten, das ist eine Gemengelage, bei der die Aufarbeitung eines schweren Verbrechens immer mehr zur Nebensache wird. Verloren haben wieder einmal die Betroffenen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch. Viele fühlten sich durch die Vorgehensweise Woelkis instrumentalisiert, wieder missbraucht.

    Auf diese Weise muss Aufarbeitung scheitern: Kanzleien untersuchen im Auftrag eines Bistums alte Personalakten, die ihnen eben dieses Bistum zur Verfügung gestellt hat. Auf das Problem der Quellenlage haben die Anwälte in Köln heute mehrfach hingewiesen: Sie können nur das abbilden, was in den Akten steht.

    Was wurde noch alles verschwiegen?

    Es gibt Jahre, in denen kein einziger Verdachtsfall gemeldet wurde. Und noch im Jahr 2010 findet sich der Satz: "Es wird von uns aus kein Protokoll hierüber gefertigt, da dieses beschlagnahmefähig wäre." Und der Zusatz: "Prälat Dr. Heße ist mit dem Prozedere einverstanden." Hinter solchen Zeilen tut sich ein Abgrund auf: Was wurde noch alles verschwiegen, nicht aufgeschrieben, nicht abgeheftet?

    Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals darf sich Kirche nicht mehr auf ihr eigenes Archiv verlassen. Sie muss die Perspektive der Betroffenen einnehmen und deren Fragen stellen: Wer hat mir nicht geglaubt? Wer hat mich wieder weggeschickt? Wer hat sich mehr um die Nebelmänner gekümmert als um deren Opfer?

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