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Warum Juden am Neujahrsfest Rosch ha-Schana in ein Horn blasen | BR24

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Kultusbeamter Eric Lehmann bläst 2007 das Schofar (Widderhorn) zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Ha Schana ("Kopf des Jahres").

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    Warum Juden am Neujahrsfest Rosch ha-Schana in ein Horn blasen

    An diesem Freitagabend beginnt nach jüdischem Kalender das Jahr 5781. Statt Sektkorken und Feuerwerkskörpern hört man zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana den Schofar - ein Widderhorn. Ein spezielles Exemplar zeigt die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

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    Von
    • Elisabeth Möst

    Er klingt wie eine Art Posaune, der Schofar, gefertigt aus dem Horn eines Widders. Dieses traditionsreiche Ur-Instrument ist bereits in der Torah, der Heiligen Schrift der Juden, beschrieben. Dieses Horn wird noch heute an bestimmten Feiertagen in Synagogen geblasen. So auch an Rosh Hashana, am Neujahrsfest.

    💡 Das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana

    Rosch ha-Schana bedeutet "Haupt des Jahres" bzw. "Anfang des Jahres". Der jüdische und der gregorianische Kalender verlaufen versetzt, das jüdische Jahr beginnt drei bis vier Monate vorher. Rosch ha-Schana findet immer 162 Tage nach dem ersten Tag des Pessach-Festes statt. Da Pessach ein bewegliches Fest ist, hat folglich auch Neujahr kein festes Datum. Es kann zwischen 5. September und 5. Oktober stattfinden. Anstatt Feuerwerkskörpern oder Sektkorken ist an Rosch ha-Schana allerdings der Schofar, ein aus Widderhorn hergestelltes posaunenartiges Instrument zu hören. Die für den Morgengottesdienst festgelegten Tonfolgen dienen als eine Art Weckruf für innere Einkehr. Denn das Neujahrsfest gehört zu den ernsten Feiertagen.

    Eine Online-Ausstellung der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem erzählt nun die Geschichte eines ganz besonderen Instruments: von einem Schofar, der im jüdischen Jahr 5704, nach gregorianischem Kalender 1943, unter Lebensgefahr angefertigt wurde, und zwar in einem Zwangsarbeiterlager in Polen, das hat Sarah Eismann von der Gedenkstätte Yad Vashem recherchiert. Für die jüdischen Zwangsarbeiter waren ihre Feiertage ein wichtiger Halt. Und so wollte Rabbiner Yitzhak Finkler aus Radoszyce das Gebot erfüllen, auch im Zwangsarbeiterlager am Neujahrstag Rosch ha-Schana den Klang des Schofars zu hören. Er bat den Mitgefangenen Moshe Winterter, ein solches Instrument anzufertigen - heimlich in der Metallwerkstatt. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Sarah Eismann. "Denn die Herstellung von Objekten, die nicht mit dem Rüstungsbetrieb in Verbindung standen, waren strengstens verboten. Allein der Transport von Gegenständen aus der Werkstatt in die Wohnbaracken, darauf stand die Todesstrafe."

    Herstellung unter widrigsten Umständen

    Auch war es eigentlich unmöglich, im Lager ein Horn zu finden. Der Rabbi musste einen polnischen Wachmann mehrfach bestechen. Der brachte schließlich ein Horn ins Lager. Überliefert ist, dass Moshe Winterter den Schofar zu Neujahr fertigstellen und dem Rabbi übergeben konnte. Viele Insassen versammelten sich im Lager und konnten trotz Gefangenschaft das Neujahrsfest feiern.

    Moshe Winterter überlebte die Shoa und wanderte nach Israel aus. Er fand heraus, dass der Schofar, den er im Zwangsarbeiterlager Tschenstochau zurücklassen musste, in die USA gebracht worden war. In den 1970er-Jahren wandte er sich an Yad Vashem und bat, ihm zu helfen, den Schofar nach Israel zu überführen. 1977 vermachte er das Instrument der Gedenkstädte Yad Vashem.

    Schofar - ein Instrument, das den Glauben symbolisiert

    Für Sarah Eismann ist der Schofar deshalb auch viel mehr als ein Musikinstrument. In einer Welt, in der alle menschlichen Werte über Bord geworfen worden seien, habe man versucht, die eigenen Traditionen und Werte aufrechtzuerhalten. "Das heißt, der Schofar ist viel mehr als ein jüdisches traditionelles Instrument in diesem Fall. Es symbolisiert im Grunde den menschlichen Willen und den Glauben der Opfer."

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