BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR24
Bildrechte: BR24

Schon während der ersten Covid-19-Welle im Frühjahr hatten Forscher vor einer zweiten Welle im Herbst gewarnt. Obwohl die Lage im Sommer unter Kontrolle war, wurde die Vorhersage im Oktober und November mit Wucht Realität. Was waren die Gründe dafür?

12
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Warum ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen so stark gestiegen?

Schon während der ersten Covid-19-Welle im Frühjahr hatten Forscher vor einer zweiten Welle im Herbst gewarnt. Obwohl die Lage im Sommer unter Kontrolle war, wurde die Vorhersage im Oktober und November mit Wucht Realität. Was waren die Gründe dafür?

12
Per Mail sharen
Von
  • Johanna Rupprecht

1. Unser Sozialverhalten

Social Distancing ist gegen unsere Natur und fällt uns deshalb sehr schwer. Wir Menschen sind eine "ultrasoziale Spezies", sagt der Sozialpsychologe Gerald Echterhoff. Wir brauchen den face-to-face-Kontakt und das Zusammensein mit anderen Menschen, um Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen reduziert nämlich unsere Unsicherheit. Oder positiv ausgedrückt: Es gibt uns Sicherheit. Die vielen kleinen Entscheidungen, die wir im Alltag dauernd fällen müssen, können wir durch Vertrauen erst bewältigen, erklärt Echterhoff.

"Ohne Vertrauen wären wir verloren. Und Vertrauen hat mit Berührung zu tun, mit Mimik, mit Körpersprache." Prof. Dr. Gerald Echterhoff, Sozialpsychologe

Kontakt war und ist für uns Menschen überlebenswichtig. Das spüren wir im Umgang mit Menschen, die wir kennen und mögen. Wir spüren es aber auch, wenn wir Menschen nur sympathisch finden oder wenn wir jemanden für kompetent und vertrauenswürdig halten. Solchen Menschen gegenüber wollen wir herzlich und offen sein. Das fühlt sich richtig an. Ihnen auszuweichen oder sie zurückzuweisen, sie um Abstand oder das Tragen einer Maske zu bitten, fällt uns schwer.

Im Sommer entspannte sich die Infektionslage. Und auch wir entspannten uns, obwohl wir nachdrücklich vor der bevorstehenden zweiten Welle gewarnt wurden. Wir waren "pandemiemüde". "Pandemiemüdigkeit" bedeutet nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation: Das Risiko sich anzustecken fühlt sich geringer an, wir suchen weniger Informationen über die Pandemie und wir achten auch weniger auf unseren Schutz.

Besonders ausgeprägt war die Pandemiemüdigkeit in Deutschland zwischen Mitte August und Mitte September. Die Bereitschaft, auf Feste zu verzichten, sank zwischen Anfang Juni und Mitte September langsam von 79 auf 59 Prozent. Je privater der Kreis, desto unvorsichtiger die Gäste. Die Beachtung der AHA-Regeln (Abstand-Händewaschen-Alltagsmaske) ließ nach.

"Auch wenn die AHA-Regel bekannt ist und das selbstberichtete Schutzverhalten sehr hoch ist, werden davon besonders bei Treffen mit Personen, denen man sich eng verbunden fühlt, Ausnahmen gemacht." COVID-19 Snapshot Monitoring

Deshalb antwortet das Robert Koch-Institut auf die Frage, warum die Infektionszahlen im Herbst so stark angestiegen sind:

"Offenkundig sind die AHA-Regeln nicht hinreichend beachtet worden." Robert Koch-Institut

2. Die kalte Jahreszeit Herbst

"Die Viren reagieren sehr empfindlich gegenüber UV-Strahlung", erklärt die Virologin Ulrike Protzer, "und die gibt es mit den kürzer werdenden Tagen ja immer weniger". Weniger Sonne und weniger Wärme haben auch zur Folge, dass wir uns mehr in Innenräumen aufhalten. Die Luftfeuchtigkeit wird geringer – drinnen wie draußen. "Dadurch breiten sich Aerosole deutlich einfacher aus", betont die Virologin. In geschlossenen Räumen reicht es nicht, Abstand zu halten und Masken zu tragen. Die Aerosole einer infizierten Person breiten sich innerhalb weniger Stunden im ganzen Raum aus, wenn nicht gelüftet wird oder eine effiziente Klimaanlage läuft. Je kürzer der Aufenthalt und je besser die Lüftung, desto geringer die Ansteckungsgefahr.

Das ist der Grund, warum größere Veranstaltungen und Zusammenkünfte in Bars und Restaurants in der Vergangenheit immer wieder fatale Folgen hatten.

Kälte und Heizungsluft beeinträchtigen übrigens auch die Qualität unserer Nasenschleimhaut. Sie ist ein wichtiger "Pförtner", der Viren das Eindringen in den Körper möglich macht, die Viren dort aber auch bekämpft.

3. Die Corona-Superspreader

"Extreme bestimmen die Pandemie", erklärt der Physiker Matthias F. Schneider, der sich intensiv mit der Dynamik der Ansteckung beschäftigt hat. Was meint er damit?

Der größte Teil der mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen steckt niemanden an. Das bestätigt auf BR24-Nachfrage die Virologin Ulrike Protzer. Und das erläutert auch Christian Drosten in der NDR-Podcast-Folge "Der Überlastschalter".

Die übrigen Infizierten geben das Virus zwar weiter, das bringt das Infektionsgeschehen aber noch nicht außer Kontrolle. Gefährlich wird die Lage, weil sehr wenige Infizierte als Superspreader wirken. Diese Ausreißer sind das eigentliche Problem der Pandemie.

"1 % der Infizierten ist für 64 % der Neuinfektionen verantwortlich und 0,1 %, also 1 von 1.000, ist für über 50 % verantwortlich. Sehr wenige Ereignisse treiben also das Geschehen." Prof. Dr. Matthias F. Schneider, Physiker

Die Virologin Ulrike Protzer erklärt BR24 auf Nachfrage, was alles zusammenkommen muss, damit ein Infizierter zum Superspreader wird:

  • "Eine hohe Viruslast in den oberen Atemwegen (typischerweise kurz vor oder beim Einsetzen der Symptome, d.h. 2 bis 5 Tage nach der Infektion).
  • Die Produktion von größeren Mengen von Aerosolen, z.B. beim Singen, lauten Sprechen oder heftigen Atmen (bei sportlicher Betätigung o.ä.).
  • Eine Häufung von Aerosolen in Bereichen, in denen kaum Luftaustausch stattfindet, d.h. vor allem in geschlossenen Innenräumen.
  • Die Anwesenheit vieler Menschen längere Zeit in diesem Bereich."

Dass man solche Superspreader im Vorfeld nicht erkennen und isolieren kann, macht die Corona-Pandemie so schwer kontrollierbar.

"Jeder Infizierte kann zum Superspreader werden. Wir können das nicht vorhersehen. Deshalb besteht der einzige Weg, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren, darin, die Zahl der Keime in der ganzen Gesellschaft niedrig zu halten. Je weniger Grundinfizierte, desto weniger Superspreader." Prof. Dr. Matthias F. Schneider, Physiker
© BR24
Bildrechte: BR24

Corona-Neuinfektionen in Deutschland

"Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!