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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Ariel Schalit

Premier Netanjahu spricht von einem "Impf-Weltrekord": In Israel wird besonders schnell gegen das Coronavirus geimpft. Bis März sollen 60 Prozent der Bevölkerung das Vakzin erhalten haben. Wie schafft das Land das?

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Warum Israel so viel schneller impfen kann

Premier Netanjahu spricht von einem "Impf-Weltrekord": In Israel wird besonders schnell gegen das Coronavirus geimpft. Bis März sollen 60 Prozent der Bevölkerung das Vakzin erhalten haben. Wie schafft das Land das?

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Von
  • Benjamin Hammer

Vor etwa zehn Tagen stieg im Ichilov-Krankenhaus in Tel Aviv eine Party. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tanzten mit Kittel und Mund-Nasen-Bedeckung, weil die ersten Impfungen gegen das Corona-Virus verabreicht wurden.

Israel hat besonders früh mit den Impfungen begonnen. Und besonders schnell. Fast 500.000 Israelis wurden bis Anfang der Woche geimpft. Das entspricht beinahe fünf Prozent der Bevölkerung. Israels Premier Benjamin Netanjahu verspricht, dass schon bald 150.000 Menschen pro Tag geimpft werden sollen. Ein deutlich höherer Wert, als es die Pläne in Deutschland vorsehen. Obwohl in Israel neun Mal weniger Menschen leben als in Deutschland.

"Unser Ziel bei den Impfungen kommt einem Weltrekord gleich", sagt Benjamin Netanjahu. “In einem Monat werden wir alle Bürger über 60 und medizinisches Personal impfen. Wenn wir das geschafft haben, können wir nach weiteren 30 Tagen das Virus hinter uns lassen, die Wirtschaft öffnen und Dinge tun, die kein anderes Land tun kann."

Der dritte Lockdown soll der letzte sein

Dass in Israel noch im September pro Kopf so viele Corona-Infektionen nachgewiesen wurden, wie in keinem anderen Land, erwähnte Netanjahu freilich nicht. Aber auch Kritikerinnen und Kritiker von Netanjahus bisheriger Corona-Politik bestreiten nicht, dass Israel aktuell besonders schnell impft. Wenn die Risikogruppen geschützt sind, so das Kalkül, wird deutlich mehr Normalität in den Alltag einkehren.

Der dritte Lockdown, der am Sonntag begann, soll Israels letzter werden. Warum aber ist Israel so schnell? Arnon Afek, Arzt und Professor am Sheba-Krankenhaus bei Tel Aviv verweist darauf, dass Israel ein kleines Land ist. Das erleichtert die Verteilung des Impfstoffes. Außerdem spielen die vier staatlichen Krankenkassen eine wichtige Rolle.

"Die Krankenkassen kümmern sich in Israel direkt um die Behandlung. Sie beschäftigen eine große Zahl von Ärztinnen und Pflegern. Premier Netanjahu spricht von 150.000 Impfungen pro Tag. Ich glaube, das wird eine schwere Aufgabe. Aber ich denke, dass wir das schaffen." Arnon Afek, Arzt und Professor am Sheba-Krankenhaus

Bis März 60 Prozent der Bevölkerung geimpft?

Israel will bis März 60 Prozent der Bevölkerung impfen. In Deutschland soll dieser Wert erst im Spätsommer erreicht werden. Weil es in Israel im internationalen Vergleich viele junge und wenige alte Menschen gibt, können sich hier bereits alle Israelis ab 60 impfen lassen. In Deutschland ist das noch nicht der Fall.

Der vielleicht entscheidende Faktor für Israels Schnelligkeit ist der Impfstoff. Aktuell ist vor allem das Produkt von Biontech und Pfizer einsetzbar. Von diesem Impfstoff wird Israel laut Medienberichten bis Ende Januar 4-5,6 Millionen Dosen bekommen. Deutschland kommt nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums im gleichen Zeitraum nur auf drei bis vier Millionen. Im Klartext: Im kleinen Israel ist in den kommenden Wochen mehr Impfstoff von Pfizer/Biontech verfügbar, als in Deutschland.

Israel bestellte Impfstoff entschlossener

Als im Herbst die ersten Berichte über die hohe Wirksamkeit des Impfstoffes kamen, bestellte Israel bei Pfizer entschlossener, als es die Europäische Union tat. So rief Premier Netanjahu persönlich beim Vorstandsvorsitzenden von Pfizer an. Der israelische Journalist Nadav Eyal hält es für möglich, dass auch Geld eine Rolle spielte.

"Die EU zahlt für eine Impfdosis etwa 18 US-Dollar. Israel zahlt laut Medienberichten 30 US-Dollar. Für Pfizer hat das eine große Bedeutung. Dass ein Land mehr zahlt, um mehr zu bekommen." Nadav Eyal, Journalist

Israel könnte eines der ersten Länder der Welt sein, in denen deutlich wird, wie sich das Leben durch Impfungen wieder normalisiert.

"Israel ist grundsätzlich ein gutes Experimentierfeld für Impfungen. Weil die Bevölkerung vergleichsweise jung ist, braucht man hier nur wenig Zeit, um alle Menschen in Risikogruppen zu impfen." Nadav Eyal, Journalist

Die Verantwortlichen wollen keine Zeit verlieren. Der neueste Plan: Impfstationen, die rund um die Uhr geöffnet haben. An sieben Tagen pro Woche.

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