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Warum Flüchtlinge ohne Ausweispapiere kommen | BR24

© Friso Gentsch/dpa

Syrische Pässe in einer Hand

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    Warum Flüchtlinge ohne Ausweispapiere kommen

    Innenminister de Maizière will Handydaten von Flüchtlingen auswerten lassen, um Identitäten zu klären. Viele Geflüchtete würden unterwegs ihre Papiere wegwerfen, um die Bleibeperspektive zu verbessern. Belegen lässt sich das nicht. Von Janina Lückoff

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    Amidou ist ein junger Mann aus Mali. Er kam ohne Ausweispapiere nach Deutschland - mittlerweile hat er eine Arbeitserlaubnis und macht eine Ausbildung in Schwaben. Leicht war es für ihn nicht:

    "Ich bin aus Mali geflohen. Das Problem da ist der Krieg. Ich hatte keine Zeit, ein Visum zu beantragen, wie das ein normaler Reisender macht, ich bin überstürzt aus Mali raus, weil die Situation etwas heikel war, deshalb bin ich ohne Papiere, ohne Pass gekommen." Amidou, Flüchtling aus Mali

    Amidou ist einer von vielen Geflüchteten, die ohne Ausweispapiere nach Deutschland kommen. Wie viele genau es sind, weiß niemand: Keine Behörde führt darüber Statistik. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schätzt, dass 60 Prozent der Asylbewerber ohne Papiere einreisen - laut Bundespolizei sind es sogar 80 Prozent. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärt das so:

    "Es fällt uns natürlich auf, dass viele Antragsteller, die aus Staaten kommen, wo vermutlich eine Bleibeperspektive die Folge ist, Pässe dabei haben. Und umgekehrt viele derjenigen, die aus Staaten kommen, wo es vermutlich keine Bleibeperspektive gibt, keine Pässe dabei haben. Wohl aber ihr Handy. Obwohl die Menschen zum Teil im selben Boot waren, obwohl sie denselben Gefährdungen ausgesetzt waren. Das spricht dafür, dass manche ihren Aufenthalt dadurch verlängern wollen, dass sie die Feststellung ihrer Identität und die Feststellung des Landes, aus dem sie kommen, erschweren." Bundesinnenminister Thomas de Maizière

    Das tun sie, so impliziert es de Maizière, indem sie ihre Papiere unterwegs wegwerfen. Belegen lässt sich das nicht.

    Viele Gründe, wenig Beweise

    Laut BAMF zeigen die Erfahrungen aus den Anhörungen, dass die Gründe, warum Geflüchtete ohne Papiere kommen, vielfältig sind. Genannt wird beispielsweise, dass die Betreffenden schon im Herkunftsland keine Papiere hatten.

    Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung bestätigt: Nur ganz wenige Prozent der Asylsuchenden würden ihre Papiere verstecken oder wegwerfen. Vielmehr gebe es in zahlreichen Ländern - anders als in Deutschland - keine Pflicht, jederzeit einen Ausweis bei sich zu tragen.

    "Die meisten Gesellschaften und Staaten in der Welt haben keine Ausweispflicht. Das heißt, viele Leute bringen ihren Alltag ohne Ausweis zu. Und wenn dann die Situation der Flucht eintritt, die ja oft nicht geplant ist, dann haben sie eben keinen Ausweis bei sich." Wolfgang Kaschuba, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung

    Sabine Hess, Professorin für Kulturanthropologie an der Uni Göttingen, erzählt, wie beschwerlich es in Krisenstaaten sein kann, überhaupt Papiere zu bekommen:

    "Wenn wir uns solche Krisenstaaten anschauen wie Kongo, Somalia, Sudan oder auch Syrien, wo die ganze Infrastruktur über Jahrzehnte des Krieges zusammengebrochen ist, dann muss man sich vorstellen, was eine Familie machen soll, die in einer ländlichen Region lebt und zunehmend unter Druck gerät und dann, gerade unter Bürgerkriegszuständen, soll sie in die Hauptstadt fahren und soll sich einen Ausweis und Geburtsurkunden machen lassen. All diese Vorstellungen haben nicht mit den realen Vorstellungen von Fluchtgeschehen zu tun." Sabine Hess, Professorin für Kulturanthropologie

    Abidou, der Flüchtling aus Mali, bestätigt das: "Wer aus einem Land flieht, in dem Krieg herrscht, der hat keine Zeit, seinen Koffer zu packen, mit all seinen Sachen."

    Kein Ausweis ist besser als ein gefälschter

    Ein weiterer Grund für das Fehlen von Papieren ist laut BAMF und Bundespolizei, dass Schleuser die Papiere einbehalten. Die versorgen Flüchtlinge zunächst mit meist gefälschten Ausweisen - welche laut Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat für die Flüchtlinge aber auch eine Gefahr darstellen können:

    "Wenn sie sich mit diesen Papieren hier blicken lassen würden, würden sie auch noch der Dokumentenfälschung und so weiter angeklagt. Also schmeißen sie diese Papiere weg, beziehungsweise manchmal behalten die Schlepper diese Papiere auch ein, nehmen die wieder mit und benutzen sie für den nächsten Transport." Stephan Dünnwald, Bayerischer Flüchtlingsrat

    Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, verweist auf die Genfer Flüchtlingskonvention, laut der die Situation, dass Flüchtlinge falsche Papiere benutzen müssen, "flüchtlingstypisch" sei. Das wiederum sei nicht neu, so Mesovic:

    "Das ist ein Thema auch schon des 20. Jahrhunderts gewesen. Auch die Verfolgten des Nazi-Regimes haben in der Regel sowohl Schleusungswege gebraucht um rauszukommen, als auch sich falsche Pässe, falsche Dokumente, Lebensläufe besorgen müssen." Bernd Mesovic, Pro Asyl

    Offene Fragen

    Und so räumt auch Günter Krings, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium auf Anfrage der Linken schriftlich ein: Es werde nicht abschließend aufgeklärt, warum Asylbewerber mit gefälschten Papieren kämen; in Betracht komme auch die "Ermöglichung der Ausreise aus dem Herkunftsland aufgrund einer Verfolgung."

    Das BAMF nennt schließlich noch einen Grund, warum jemand ohne Papiere kommt: der "Verlust von Dokumenten in Folge von Diebstahl, Verlieren, Liegenlassen."

    Taji, der mit seiner Familie und mit Papieren aus Syrien geflohen ist, kann das nachvollziehen:

    "Du reist von Deinem Heimatland hierher, illegal, über das Meer, mit Zügen, über die Berge … Das ist wirklich gefährlich, vielleicht verlierst Du Dein Leben. Da ist es nicht wichtig, ob Du Deinen Pass verlierst." Taji, Flüchtling aus Syrien