Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Warum bekommen soziale Berufe so wenig Wertschätzung? | BR24

© dpa-Bildfunk/Oliver Berg

Soziale Berufe und ihre Wertschätzung

Per Mail sharen

    Warum bekommen soziale Berufe so wenig Wertschätzung?

    Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Erzieherinnen, Altenpfleger: Sie haben eines gemeinsam - im Ranking der wertgeschätzten Berufe tauchen sie ziemlich am Ende auf. Die Anerkennung rangiert erschreckend weit unten. Warum? Praxisbeispiele aus München.

    Per Mail sharen

    Schon junge Berufseinsteiger merken: Die Arbeit, die sie täglich leisten, passt nicht zur Anerkennung, die sie bekommen. Dass in der Pflegebranche rund 80 Prozent Frauen arbeiten, sei dabei kein Zufall, so Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa von der LMU München. "Das sind Berufe, die tatsächlich auch historisch entstanden sind, gewissermaßen als Verlängerung der Hausfrau - weswegen sie auch eher schlechter bezahlt werden, weil das Verständnis ist: Naja, das machen Frauen als Zuverdienst, da zahlt man ihnen eher eine Art Aufwandsentschädigung als einen Lohn. Wohingegen die Berufe, die als männlich codiert sind, historisch wirklich auch so entstanden sind - als diejenigen, die auch eine ganze Familie ernähren können sollen."

    Zwei Euro weniger pro Stunde in sozialen Berufen

    Immer noch verdienen Menschen in sozialen Berufen bis zu zwei Euro weniger pro Stunde als der Durchschnittsarbeitnehmer in Deutschland. Euphorie beim Blick auf das Konto klingt anders, wenn man sich umhört: "Man kann davon leben, ich sag mal, man kommt über die Runden." Eine andere Pflegerin sagt: "An und für sich muss man bedenken, dass wir eine sehr große Verantwortung für kranke Menschen tragen. Dass die Belastung für Rücken und Knie sehr hoch ist. Dass auch der Schichtdienst mit Nachtarbeit sehr auf den Körper geht."

    Hohe Belastung - wenig Ertrag

    Fällt jemand aus, verdichtet sich die Belastung bei den Kollegen und Kolleginnen - ein Teufelskreis der in der Praxis oft so abläuft, sagt Doris Schneider Geschäftsführerin der Caritas Altenheime in München: "Dass ein Anruf aus der Einrichtung kommt: 'Kannst du nicht doch einspringen?' Das ist wirklich ein leidiges Thema, wo natürlich auf der anderen Seite die Führungskräfte in den Einrichtungen die Not haben, die Schichten sind knapp geplant, das heißt: Ein Ausfall eines Mitarbeiters muss kompensiert werden."

    Warum nicht gewerkschaftlich organisiert?

    Wenig Gehalt, wenig Ansehen, Unterbesetzung, Stress - eigentlich ein optimales Einsatzfeld für Gewerkschaften. Marliese Biederbeck vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe geht aber davon aus, dass deutschlandweit nur höchstens zehn Prozent der Pflegenden in einer Gewerkschaft organisiert sind.

    Wer Schicht arbeitet und oft am Limit arbeitet, geht seltener für die eigenen Rechte auf die Straße. Grenzen setze aber auch die Arbeitgeberlandschaft, sagt sie: "Ein großer Teil der Einrichtungen ist kirchlich organisiert, hier haben die Gewerkschaften schon mal keine Möglichkeiten, Verhandlungen zu führen, und das andere sind eben die, die privatwirtschaftlich organisiert sind, und das sind ja ganz oft ganz kleine Einrichtungen. Hier haben es die Gewerkschaften schwerer als in der Automobilbranche, wo sie auf einen Schlag 5.000 Mitarbeiter haben."

    Was die Gewerkschafterin ärgert ist, dass die Politik zwar immer betont, wie wichtig Pflegeberufe seien, sich das in der Sozialpolitik aber nicht widerspiegele, so Biederbeck: "Das ist das, was die Politik nach außen vermittelt: Pflegen kann jeder. Wir haben das damals erlebt bei der Schlecker-Krise, die Schlecker-Frauen sollten doch alle einen Pflegeberuf lernen. Und das ist natürlich nichts, was für die Attraktivität eines Pflegeberufs förderlich ist.“

    Caritas will klarere Regeln

    Auch Doris Schneider, Geschäftsführerin der Caritas-Altenheime in München, wünscht sich klarere Regeln, dass die Politik endlich das Thema Pflege endlich grundlegend angeht: "Selbst manchmal als Betreiber tut man sich schwer, alle Facetten zu überblicken. Weil so viele mit am Tisch sitzen und so viele Gesetzgebungen auch reingreifen in das Thema. Es ist keins schlüssiges Gesamtkonzept mehr, sondern es ist über die Jahre immer wieder ein Baustein dazu gekommen."