BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Wahl des US-Präsidenten: Das umstrittene System der Wahlleute | BR24

© ARD

Bush und Trump wurden beide Präsident - obwohl Gore im Jahr 2000 und Clinton 2016 mehr Wähler hatten. Der Grund dafür: das "Electoral College", das System der Wahlleute. Doch auch die Demokraten haben Interesse daran, dieses System nicht zu ändern.

53
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Wahl des US-Präsidenten: Das umstrittene System der Wahlleute

Bush und Trump wurden beide Präsident - obwohl Gore im Jahr 2000 und Clinton 2016 mehr Wähler hatten. Der Grund dafür: das "Electoral College", das System der Wahlleute. Doch auch die Demokraten haben Interesse daran, dieses System nicht zu ändern.

53
Per Mail sharen

Es ist für viele ein sehr schwer zu verstehender Aspekt der amerikanischen Demokratie: Da kann jemand Präsident sein, der gar nicht die Mehrheit der Wählerstimmen bekommen hat.

So wie Donald Trump. Der bekam 2016 rund drei Millionen weniger Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton. Denn nach dem umstrittenen US-Wahlsystem geht es letztlich um die Zahl der Wahlleute, die ein Kandidat bekommt. Die Sache mit dem "Electoral College", der Wahlleute-Versammlung - sie ist kompliziert.

Es geht um die Anzahl der Wahlleute

"Viele Amerikaner verstehen das System auch nicht", tröstet Robert Alexander von der Ohio Northern University. Der Politologe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Institution, die Amerikas Präsidenten und Vizepräsidenten wählt. Und zur Erklärung fängt der Experte ganz vorne an: bei den Verfassungsvätern.

Die hätten eine repräsentative Demokratie gewollt. Auch weil sie fürchteten, dass das Land zu groß und die Informationsmöglichkeiten für die Bürger im 18. Jahrhundert zu dürftig seien, um den Präsidenten direkt zu wählen. Das sollten stattdessen Wahlleute in den einzelnen Bundesstaaten übernehmen.

System bevorzugt Staaten mit weniger Menschen

Die Gretchenfrage schon damals: Wie viele Wahlleute bekommt jeder Staat? Nach langen Debatten stand der Kompromiss, der im Prinzip bis heute gilt: Jeder Staat bekommt so viele Wahlleute, wie er Abgeordnete im Repräsentantenhaus hat. Plus zwei weitere für jeden Staat, unabhängig von seiner Größe.

"Dadurch wurden Staaten mit weniger Menschen stärker repräsentiert", erklärt Alexander. "Und damit wurde die Sache nicht nur diesen ländlicheren Staaten schmackhafter gemacht, sondern auch den Staaten, die Sklaven hielten, um sie überhaupt dazu zu bringen, dem Wahlleute-Verfahren zuzustimmen."

Sklaven wurden als "drei Fünftel" gezählt

Über die Repräsentation der Sklaven wurde besonders lange gestritten, sagt Alexander. "Sie entschieden schließlich, jeden Sklaven als drei Fünftel eines Menschen zu zählen." Jedes Mal, wenn er das sage, erschaudere es ihn, erzählt Alexander.

"Die Südstaaten wollten, dass die Sklaven als ganze Person zählen, aber die Nordstaaten sagten: 'Nein, denn ihr behandelt sie auch nicht wie Menschen'. Deshalb bekommt ihr diese Repräsentation nicht." Robert Alexander, Politiologe an der Ohio Northern University, Ada

Kritik am "Winner takes it all"-Prinzip

Und auch wenn die Sklaverei längst Geschichte ist: Das demokratische Grundprinzip - eine Person gleich eine Stimme - erfüllt das Wahlleute-System bis heute nicht, sagt Alexander. Im dünn besiedelten Wyoming repräsentiert eine Wahlperson nur rund 150.000 Wähler. In Kalifornien dagegen eine halbe Million. Dazu kommt: Der Kandidat, der in einem Bundesstaat die Mehrheit der Stimmen gewinnt, bekommt alle Wahlleute aus diesem Staat - egal wie knapp die Wahl ausging.

"Donald Trump gewann in Wisconsin mit weniger als einem Prozent Vorsprung genau wie in Michigan und Pennsylvania. Und in Florida war es rund ein Prozent mehr." In diesen vier Staaten hat er aber trotzdem alle Stimmen der Wahlleute bekommen. "So kommt es zu diesem unverhältnismäßigen Ergebnis."

Trump und Bush gewannen trotz geringerer Stimmenzahl

Trump gewann 2016 mit einer deutlichen Mehrheit in der Wahlleute-Versammlung - obwohl drei Millionen mehr Amerikaner ihr Kreuz für Hillary Clinton gemacht hatten. Und auch 2000 machte George W. Bush das Rennen - obwohl weniger US-Wähler für ihn gestimmt hatten.

Aber das kann sich schnell ändern, sagt Alexander: Denn weil die Demokraten in den meisten bevölkerungsreichen Staaten mit vielen Wahlleuten vorne liegen, brauchen sie insgesamt weniger zusätzliche Staaten, um auch die nötige Mehrheit von 270 Stimmen in der Wahlleute-Versammlung zu bekommen.

Kritiker: nur wenige Bundesstaaten sind entscheidend

Das System sei ungerecht und völlig überholt, klagen die Kritiker. Die Verfassungsrechtlerin Kate Shaw von der Cardozo Law School in New York begründete das bei einer Online-Debatte kürzlich so: "Es kommt bei Wahlen nur noch auf eine Handvoll Staaten an - und zwar auf die, in denen das Elektorat parteipolitisch gespalten ist."

Und welche das sind, sei eigentlich Zufall. "Aber sie haben ein paar Sachen gemein: Sie sind nicht repräsentativ, weil sie weißer und ländlicher sind als das Land an sich", sagte Shaw.

Befürworter: Breite Bevölkerungsschichten werden angesprochen

Die Befürworter dagegen beharren: Wenn es nur nach der Bevölkerungszahl geht, würden große Gebiete des Landes noch mehr ignoriert. Das Wahlleute-System dagegen zwinge die Kandidaten möglichst breite Bevölkerungsschichten anzusprechen, argumentierte Tara Ross in der gleichen Debatte.

Die Juristin hat mehrere Bücher über das Electoral College geschrieben: "Du kannst nicht gewinnen, wenn du dich nur um eine Region oder eine Art von Wähler oder einzelne Interessengruppe kümmerst", sagte Ross. "Die Kandidaten, die in der Wahlleute-Versammlung am besten abgeschnitten haben, waren auch am erfolgreichsten darin, breite Koalitionen zu bilden."

Hunderte Reformversuche sind bereits gescheitert

Das "Electoral College" ist umstritten - und zäh: Über 700 Versuche gab es, die Versammlung zu reformieren oder ganz abzuschaffen. Ohne Erfolg.

Und das hat vor allem einen Grund, sagt der Politologe Robert Alexander: Das Prinzip, dass der Gewinner in einem Staat alle Stimmen bekommt, stütze das Zwei-Parteien-System. Wenn die Stimmen proportional verteilt würden, hätten auch mehr Parteien eine Chance. "Die beiden Parteien legen die Regeln fest. Und sie werden die Regeln nicht ändern."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!