Zum ersten Mal seit dem Ende des Aufstands der Privatarmee Wagner hat sich deren Chef Jewgeni Prigoschin zu Wort gemeldet.
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Jewgeni Prigoschin (r) sitzt in einem Militärfahrzeug und macht ein Selfie mit einem Zivilisten auf einer Straße in Rostow am Don.

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Prigoschin meldet sich wieder – und bestreitet Putschversuch

Er habe nicht vorgehabt, mit dem Marsch seiner Soldaten auf Moskau die russische Regierung zu stürzen, sagt der Chef der Söldner-Gruppe Wagner. Es ist Prigoschins erste Audiobotschaft nach der Revolte. Wo er sich aufhält, ist unklar.

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Zum ersten Mal seit dem Ende des Aufstands der Privatarmee Wagner hat sich deren Chef Jewgeni Prigoschin zu Wort gemeldet. Er sagte in einer am Montag auf Telegram veröffentlichten Audiobotschaft, die Rebellion sei eine Reaktion auf einen Angriff auf seine Truppe gewesen, bei dem etwa 30 Kämpfer getötet worden seien. Dafür machte der Söldner-Führer erneut das russische Verteidigungsministerium verantwortlich.

Prigoschin verteidigt Marsch Richtung Moskau

Prigoschin betonte, er habe nicht den russischen Staat angreifen wollen. "Wir sind losgegangen, um Protest zu demonstrieren, nicht um die Obrigkeit im Land zu stürzen", sagte der 62-Jährige. Angaben zu seinem aktuellen Aufenthaltsort machte Prigoschin nicht. Ein populärer russischer Nachrichtenkanal bei Telegram berichtete jedoch, er sei in einem Hotel in der belarussischen Hauptstadt Minsk gesehen worden.

Prigoschin hatte am späten Freitag einen "Marsch der Gerechtigkeit" ausgerufen, um Verteidigungsminister Sergej Schoigu sowie Generalstabschef Waleri Gerassimov zu entmachten. Als Grund nannte er, dass die beiden den Angriff auf das Wagner-Feldlager angeordnet hätten - was das Ministerium in Moskau bestreitet. Nach einer Einigung mit der russischen Regierung brach Prigoschin den Vormarsch ab und willigte ein, nach Belarus ins Exil zu gehen.

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Meuterei kurz, aber nicht unblutig

In seiner neuen Erklärung bezeichnete Prigoschin den Marsch als "Meisterklasse" mit Blick darauf, wie das russische Militär bei seiner Invasion in die Ukraine im Februar 2024 hätte vorgehen sollen. Zugleich spottete er darüber, wie das Militär es versäumt habe, das Land zu schützen, indem es Wagner ermöglicht habe, 780 Kilometer weit zu marschieren, ohne auf Widerstand zu treffen, und alle Militäreinheiten auf dem Weg zu blockieren.

Die Meuterei war kurz, aber nicht unblutig. Mehrere Medien berichteten, dass Militärhubschrauber und ein russisches Kommunikationsflugzeug von Wagner-Truppen abgeschossen worden seien, wobei mindestens 15 Menschen getötet worden seien. Prigoschin drückte Bedauern darüber aus, erklärte aber, seine Soldaten seien bombardiert worden. Offiziell hat die russische Führung die Verluste nicht eingestanden.

FSB ermittelt offenbar weiter gegen Prigoschin

Russischen Medienberichten zufolge laufen entgegen der Vereinbarung vom Samstag weiter Ermittlungen des Inlandsgeheimdienstes FSB gegen Prigoschin. Als die Wagner-Truppe nach Verhandlungen aus den besetzten Militärobjekten im südrussischen Rostow am Don abzog, teilte der Kreml am Samstagabend überraschend mit, die Strafverfahren gegen Prigoschin und seine Kämpfer würden eingestellt. Viele Kommentatoren zeigten sich erstaunt angesichts von der Milde Wladimir Putins, weil er sonst im Ruf steht, mit Verrätern kurzen Prozess zu machen. Die Rede war deshalb von einer Schwächung, von Kontroll- und Machtverlust des Präsidenten.

Experte geht von "Eliminierung" Prigoschins aus

Der Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien, Stefan Meister, geht nicht davon aus, dass Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin einen ruhigen Lebensabend erleben wird. Der Söldnerchef habe sicherlich erstmal kurzfristig das Wort von Putin, so Meister auf Anfrage von BR24. "Ich würde davon ausgehen, dass die Sicherheitsorgane in Russland Wege finden werden, um Prigoschin gefangen zu nehmen und dann für immer ins Gefängnis zu bringen. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass man eine Form finden wird um ihn zu eliminieren." Putin werde ein Exempel an Prigoschin statuieren "um diese Schmach, dieses Zeichen der Schwäche in irgendeiner Form wieder auszugleichen", so Meister.

Zuvor hatte auch der Militär-Experte Nico Lange im Interview mit Bayern 2 erklärt: "Prigoschin hat sich selbst auf die Abschussliste gebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der jetzt einfach so weiterleben kann in Weißrussland."

Russland veröffentlicht Schoigu-Video

Unterdessen absolvierte Russlands Verteidigungsminister Schoigu erstmals seither einen öffentlichen Videoauftritt. Die Aufnahmen zeigten einen Flug Schoigus mit einem Hubschrauber und ein Treffen mit Offizieren in einem militärischen Hauptquartier in der Ukraine. Wann sie gemacht wurden, war unklar. Russische Medien spekulierten, der Verteidigungsminister und andere Führungskräfte des Militärs hätten das Vertrauen des Präsidenten verloren und könnten ausgetauscht werden.

Beobachter werteten das Video als Versuch des Ministeriums, nach den chaotischen Ereignissen vom Wochenende ein Bild zu vermitteln, wonach Schoigu noch die Fäden in der Hand halte. Es wurde in den russischen Medien, einschließlich des staatlich kontrollierten Fernsehens, weit verbreitet.

Im Video: Öffentlicher Auftritt von russischem Verteidigungsminister Schoigu

Schoigu besucht russische Truppe
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Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei Truppen-Besuch zu sehen

Biden: Westen und Nato haben nichts mit Aufstand in Russland zu tun

US-Präsident Joe Biden hat jegliche Verantwortung des Westens für den Aufstand der Wagner-Söldner in Russland zurückgewiesen. "Dies war Teil eines Kampfes innerhalb des russischen Systems", sagte er am Montag im Weißen Haus. Er habe nach den Ereignissen am Wochenende die wichtigsten Verbündeten der USA in einer Video-Schalte versammelt, um sicherzustellen, dass sich alle einig seien. Man habe sich darauf verständigt, dafür zu sorgen, Kremlchef Wladimir Putin keinen Vorwand geben, die Schuld auf den Westen oder die Nato zu schieben.

Für Biden sind die Folgen des Aufstands noch offen. "Wir werden die Auswirkungen der Ereignisse dieses Wochenendes und die Folgen für Russland und die Ukraine weiter bewerten." Aber es sei noch zu früh, um eine endgültige Schlussfolgerung darüber zu ziehen, welche Folgen der Aufstand haben werde, so Biden. "Das endgültige Ergebnis von alle dem bleibt abzuwarten."

Mit Informationen von dpa, AFP und Reuters

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