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Vor der Amazonas-Synode: Liebe, Sex und Priestertum | BR24

© picture-alliance/David Ebener

Priester mit Kollar und Priesterkreuz

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    Vor der Amazonas-Synode: Liebe, Sex und Priestertum

    Priester legen vor ihrer Weihe das Versprechen ab, zölibatär, also ehelos zu leben. Doch nicht wenige Geistliche halten sich im Berufsleben nicht daran: Sie führen heimliche Beziehungen oder werden Väter. Damit riskieren sie ihren Job - bis jetzt.

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    "Um des Himmelreiches Willen", heißt es im Gesetzbuch der katholischen Kirche, gelte für Priester der Zölibat. Schon bei der Weihe zum Diakon legen Priesteramtsanwärter ihr Versprechen ab, künftig ehelos zu bleiben. Ab diesem Zeitpunkt müssen sie enthaltsam leben, Heirat ausgeschlossen.

    Priester in Beziehung: "Solange niemand etwas sagt, sag‘ ich auch nichts."

    Es sei denn, sie lassen sich Kraft Kirchenrecht wieder in den Laienstand zurückversetzen – so wie es Karl Loemke schweren Herzens getan hat. Der ehemalige Priester war von seinem Bischof beurlaubt worden, als dieser von der Beziehung erfuhr. Liebe und Priesteramt: beides geht eben nicht. Zumindest nicht öffentlich, sagt Loemke. Das Perfide sei, so der Ex-Priester, dass ihm sein Bischof bei einem Treffen einmal gesagt habe: "Ich könnte Ihnen auf Anhieb zehn im Amt sagen, die unter der verdeckten Hand einfach eine Beziehung leben, aber solange niemand etwas sagt, sag‘ ich auch nichts."

    "Man tut dann so, als ob es nicht ist. Und das ist eigentlich das Verlogene daran. Das Unglaubwürdige, auch." Karl Loemke, ehem. Priester

    Kombination Kleriker und Sex darf nicht sein

    Es ist eben so eine Sache mit der Enthaltsamkeit "um des Himmelsreiches Willen". Und dabei muss noch gar nicht die große Liebe im Spiel sein wie bei den Loemkes. Das legen jedenfalls die Klienten von Joachim Reich nahe, die zu dem Berliner Psychotherapeuten kommen. Bis er sich mit einer eigenen Praxis selbstständig gemacht hat, war er Dominikaner und Seelsorger für Eheleute im Erzbistum Berlin.

    Neben seinen Klienten mit "normalen" Paarproblemen kamen auch Ordensleute: "Als ich das früher angesprochen habe, hat man immer gesagt: 'Ja es gibt natürlich immer wieder Priester, die mal mit dem Zölibat nicht zurechtkommen. Aber es sind ja alles Einzelfälle.'" Die Kombination aus Kleriker und Sex dürfe ja nicht sein, sagt Reich.

    Zölibatsberater: 90 Prozent der Priester haben Probleme

    Reich hängte sein Ordensleben an den Nagel, ließ sich zum Therapeuten ausbilden und bietet sich seither explizit auch als Zölibatsberater an. Viele seiner Priester-Klienten finden ihn per Google. Die Frage "Was ist mit der Sexualität? " hole die meisten Geistlichen früher oder später ein, weiß Reich aus Erfahrung:

    "Die Priester, die den Zölibat nicht halten können – ich würde sagen: 90 Prozent. Und die haben über bestimmte Phasen Leidensdruck, manchmal das ganze Leben." Joachim Reich, Zölibatsberater

    Zölibat Thema bei Amazonas-Synode

    Laut Reich haben neun von zehn Priestern Probleme, den Zölibat zu halten. Das Thema steht daher weit oben auf der Agenda derer, die nach Reformen innerhalb der Kirche rufen. Die lateinamerikanischen Bischöfe werden sie stellen - und zwar auf der Amazonas-Synode, die im Oktober in Rom stattfindet. Laut Vorbereitungspapier soll auf der Synode entschieden werden, ob die Kirche im Glauben und der Seelsorge bewährten Ehemännern, so genannten viri probati, die Priesterweihe spenden kann.

    Einer, der die Synoden-Vorbereitungen aus nächster Nähe verfolgt, ist der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper. Er gilt als Vertrauter von Papst Franziskus - und der würde sich laut Kasper auch nicht querstellen. Die Bischöfe der Amazonas Region müssten sich allerdings einig sein, ob sie dies wollen und ihr Anliegen mit einer Stimme dem Papst vortragen, so Kasper.

    Auch deutsche Priester hoffen auf Aufhebung des Zölibats

    Im Fokus der Synode steht zwar die Kirche im Amazonas-Gebiet, doch auch hierzulande hoffen Priester auf Veränderungen durch das Bischofstreffen. Einer von ihnen ist Sascha Jung, beurlaubter Priester aus dem Bistum Limburg. Der heute 44-Jährige haderte so sehr mit dem Zölibat, dass er Anfang des Jahres bei Bischof Georg Bätzing um eine Auszeit gebeten hat.

    Eine konkrete Person gebe es bisher nicht, in die er sich verliebt habe, so Jung, aber: "Ich habe die Erfahrung gemacht von der Einsamkeit des Pfarrhauses. Das ging relativ schnell. Und wenn man dann niemanden hat, mit dem man das reflektieren kann, sondern alleine im Pfarrhaus sitzt, ohne eine menschliche Nähe zu haben, dann ist das so ein Punkt, wo man plötzlich an der eigenen Lebensform zu zweifeln beginnt."

    Priester: Es geht um Glaubwürdigkeit

    Von Berufswegen auf Liebe zu verzichten scheint immer unattraktiver, da sprechen die Zahlen für sich: ob bei Ordensleuten oder Diözesanpriestern. Für Sascha Jung, der kein Versteckspiel spielen wollte, steht fest: "Ich muss nur ins Leben schauen: Um der Glaubwürdigkeit willen ist es der einzige gangbare Weg, den Zölibat freizustellen in dem Sinn, dass es den verheirateten und den nicht-verheirateten Priester gibt."