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Vor 30 Jahren: Messer-Attacke auf Oskar Lafontaine | BR24

© dpa/pa/Frank Kleefeldt

SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine im Dezember 1990 nach der verlorenen Wahl.

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Vor 30 Jahren: Messer-Attacke auf Oskar Lafontaine

Am 25. April 1990 wurde der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine bei einem Messerangriff schwer verletzt. Eine Frau, die zuvor mit Blumen im Publikum saß, hatte ihn angegriffen. Im "Windschatten" eines TV-Teams war sie an die Bühne gekommen.

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Mittwochabend, 25. April 1990: In der heißen Phase des Landtagswahlkampfes in Nordrhein-Westfalen hatte die SPD zu einer Veranstaltung in die Stadthalle von Köln-Mülheim eingeladen. Als Verstärkung bittet Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) seinen saarländischen Amtskollegen und Parteifreund Oskar Lafontaine auf die Bühne. Lafontaine, Kanzlerkandidat der SPD, gilt als Zugpferd und charismatischer Hoffnungsträger.

Fernsehteam ermöglicht Angreiferin unabsichtlich Zugang

Er redet frei, pointiert, reißt die Menschen mit, als er der Regierung Kohl die Leviten liest, aber auch den eigenen Genossen. Die Stimmung in der Stadthalle ist super, wie auch BR/ARD-Reporter Thomas Morawski wahrnimmt. Er ist mit einem Fernsehteam vor Ort. Sie filmen für ein Porträt über Johannes Rau, hatten den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten bereits seit einer Woche begleitet, wie der Reporter erzählt.

Thomas Morawski: "Dreharbeiten im Saal, begeistertes Publikum. Gang auf die Bühne, näher heran an Rau und Lafontaine. Der Zugang ist von Personenschützern versperrt, man macht uns Platz. Jemand folgt… Plötzlich ein Aufschrei im Saal. Ich rufe dem Kameramann zu: „Rudi, schalt ein!“. Ich zeige mit dem Finger auf den auf den Boden sinkenden Lafontaine. Ein Mordanschlag.

Für endlos lang wirkende Sekundenbruchteile suche ich den Täter. Wurde geschossen? Aber es gab keinen Knall. Eine schallgeschützte Waffe? Wir stehen auf der Bühne wie auf einem Präsentierteller. Was, wenn es noch mal losgeht. Dann wie zur Erleichterung der Blick auf ein Messer am Boden. Und eine Frau in Weiß, von Polizisten festgehalten, die Täterin.

Wir kennen die Polizisten vom Morgen, es sind Raus Leute. Wir gehen zu ihnen, fragen die Frau, wer sie ist, in wessen Auftrag sie gehandelt hat, schreien sie an. Die Kamera läuft. Es sind unsere eigenen Hoffnungen in Lafontaine, die da nebenan am Boden liegen. Es dauert entsetzlich lange, bis die Sanitäter kommen."

© BR

Im ARD-Mittagsmagazin vom 26.04.1990 spricht Moderatorin Hannelore Fischer mit Augenzeuge und BR-Journalist Thomas Morawski, der während des Attentats auf der Bühne stand.

Oskar Lafontaine wurde durch einen Messerstich nahe der Halsschlagader lebensgefährlich verletzt und im Kölner Uniklinikum notoperiert. Die Frau in Weiß, Adelheid Streidel, wurde noch am Tatort festgenommen.

Attentäterin mit Blumenstrauß im Zwischenschnitt

Thomas Morawski berichtete in zahlreichen Sondersendungen über das Attentat. Am Tag danach machte er eine Entdeckung. "Wir fanden in unserem Filmmaterial noch einen Zwischenschnitt vom Vorabend: Die Frau in Weiß, friedlich im Saal sitzend, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Sie war es gewesen, die hinter uns auf die Bühne schlich."

Lafontaines Wahlkampf vom Krankenbett

Das Attentat erschütterte ganz Deutschland. Oskar Lafontaine wurde wochenlang in der Klinik behandelt. Dennoch blieb er Kanzlerkandidat, machte auch weiter Wahlkampf. An seinem Krankenbett wurde sogar eine TV-Live-Schaltung eingerichtet. Die SPD wollte den "Emotionsfaktor Oskar" im Wahlkampf nutzen.

Jahre später offenbarte Oskar Lafontaine, welche tiefen Spuren und Ängste die Messer-Attacke bei ihm hinterlassen hatte: "Ich war nach dem Attentat sehr geschwächt und habe den richtigen Ton nicht mehr getroffen… Es ging mir wie einem Boxer, der mit weichen Knien wieder in den Ring steigen muss." Er habe Angst gehabt im Wahlkampf, "besonders wenn das Gedränge sehr groß war. Ich war als Wahlkämpfer blockiert. - Man braucht offenbar doch Jahre, um so etwas zu überwinden."

Im Dezember 1990 verloren Oskar Lafontaine und die SPD dann die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl gegen Helmut Kohl (CDU).

In seinem Buch „Das Herz schlägt links" (1999), schrieb Lafontaine:

"Das Attentat hatte mich verändert. Ich hatte erfahren, wie wenig verlässlich Macht, Anerkennung und politischer Erfolg sind. Der Gedanke, mein Leben so einzurichten, dass ich mir bei einem plötzlichen Ende keine zu starken Vorwürfe machen müsste, ließ mich nicht mehr los. - So gesehen war mein Rücktritt von allen politischen Ämtern auch eine Spätfolge des Attentats aus dem Jahre 1990." Oskar Lafontaine, aus dem Buch "Das Herz schlägt links"

Täterin war psychisch krank

Adelheid Streidel, die Frau in Weiß, erklärte bei Vernehmungen und vor Gericht, dass Politiker unterirdische Menschentötungsfabriken eingerichtet hätten. Daher sei sie "von Jesus zum Mord an einem Politiker aufgefordert" worden.

"Ich wollte wirklich töten, ich wollte die Halsregion treffen. - Es hätte auch jeder andere Politiker sein können." Adelheid Streidel, Täterin

Das Kölner Landgerichts erklärte Streidel im November 1990 aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens für geisteskrank und ordnete wegen versuchten Mordes ihre Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an - für unbegrenzte Zeit. Ihre Revision wurde vom BGH verworfen.

Im Mai 2013 wurde Adelheit Streidel dann aber doch entlassen, mit Auflagen. Sie wurde einer "Führungsaufsicht" unterstellt mit gerichtlichen Weisungen u.a. hinsichtlich ihres Aufenthaltes, ihrer Medikation und Kontrollmaßnahmen einschließlich einer gesetzlichen Betreuung. Über ihre Freilassung war Oskar Lafontaine nicht informiert.

Lafontaine und der Reporter

Einige Monate nach dem Attentat begegneten sich Thomas Morawski und Oskar Lafontaine wieder, sprachen auch über die Umstände der Attacke und die Filmaufnahmen unmittelbar am Tatort. Lafontaine versicherte dem Journalisten, die Berichterstattung sei in jeder Hinsicht in Ordnung gewesen.

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