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Vor 30 Jahren: Ein Land wird abgewickelt– die Rolle der Treuhand | BR24

© picture-alliance/dpa/Jan Woitas

Schriftzug: "Die Treuhand informiert", an einem Gebäude in Leipzig. (Archivbild)

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    Vor 30 Jahren: Ein Land wird abgewickelt– die Rolle der Treuhand

    Die Treuhand ist für viele Ostdeutsche bis heute ein Reizthema. Sie steht für Betriebsschließungen, Massenarbeitslosigkeit und westdeutsche Dominanz. Bis heute ist sie Symbol für den Schock, den viele Ostdeutsche nach der Wende erlebten.

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    Von
    • Gabriele Knetsch

    Sie war nach der Wiedervereinigung zuständig für die Privatisierung der vielfach unrentablen und heruntergewirtschafteten DDR- Betriebe: Die Treuhandanstalt oder kurz, "Treuhand". Sie ist für viele Ostdeutsche bis heute ein Reizthema. Sie steht für Betriebsschließungen, Massenarbeitslosigkeit und westdeutsche Dominanz. Bis heute ist die Treuhand Symbol für den Schock, den viele Ostdeutsche nach der Wende erlebten. Die wirtschaftliche Transformation hat Narben hinterlassen, die immer noch nachwirken.

    Abwicklung einer "volkseigenen" Gießerei 1990

    Brigitte Franke erinnert sich noch gut an die Arbeitsbedingungen in ihrem alten Betrieb – dem Volkseigenen Betrieb, kurz VEB Giesag in Leipzig.

    "Da waren die Männer nur in einer kurzen Hose bekleidet. Die zogen an großen dicken Ketten offene Behälter, aus denen das glühende Eisen rausspritzte. Unter den miesesten Bedingungen haben die dort gearbeitet. Bis zur Wende." Brigitte Franke, Bauzeichnerin

    33 Jahre war Brigitte Franke als Bauzeichnerin beim VEB Giesag in Leipzig beschäftigt. Allein 200 Leute arbeiteten zu DDR-Zeiten in der Bauabteilung – 2.000 Mitarbeiter waren es in der Gießerei insgesamt.

    "Uns wurde dann gleich gesagt, jetzt ist Schluss und wir werden entlassen." Brigitte Franke, Bauzeichnerin

    Der VEB Giesag ist einer jener DDR-Betriebe, die 1990 abgewickelt werden, weil sie zu unrentabel und mit viel zu viel Personal produzieren. Die Treuhand schätzt die Giesag als nicht wettbewerbsfähig für die neue Marktwirtschaft ein.

    Privatisierung im Schnelltempo

    Die Treuhand wird im Juli 1990 als Anstalt öffentlichen Rechts gegründet und steht vor einer gewaltigen Aufgabe: Sie muss 8.200 Staatsbetriebe, die sich weiter untergliedern in 12.000 Einzelunternehmen, in privates Eigentum überführen – und das so schnell wie möglich. Der bayerische Finanzbeamte Dr. Klaus Peter Wild ist ein Treuhand-Direktor der ersten Stunde. Anstalts-Chef Detlev Rohwedder hatte den Bayern nach Berlin geholt, weil er sich durch die Sanierung der Maxhütte einen Namen gemacht hat.

    "Einer der ersten Betriebe, die von mir vorgeschlagen wurden im Vorstand, dass er geschlossen wird, war das Praktika-Werk in Dresden, das Spiegelreflex-Kameras auch für den Export hergestellt hatte - das aber die Elektronisierung der Kameras, die in Japan und Fernost stattgefunden hat, völlig verschlafen hatte." Peter Wild, ehemaliger Treuhand-Direktor

    Die Frage, ob man dem Werk nicht auch eine Chance geben und in die Modernisierung hätte investieren können, verneint der ehemalige Treuhand-Direktor Wild. "Wer hätte das bezahlen sollen?", fragt er.

    Verkauf für eine symbolische D-Mark

    Die alten DDR-Betriebe gehen zu 95 Prozent an Investoren aus dem Westen, andere werden geschlossen. Es ist noch Aufgabe der alten Kombinats-Direktoren, eine sogenannte Eröffnungsbilanz – und erste marktwirtschaftliche Unternehmenskonzepte vorzulegen. Aber genau das ist das Problem: Wie soll man einen planwirtschaftlich geführten Betrieb beziffern nach Kategorien der Marktwirtschaft?

    Teilweise werden DDR-Betriebe für eine symbolische Mark verkauft, um Kaufinteressenten zu finden. Bei Betrieben, die erhalten bleiben sollen, legt der Staat viel Geld drauf, Karl Zeiss Jena zum Beispiel bekommt 2,4 Milliarden Mark als "Zubuße", so werden die staatlichen Finanzspritzen genannt.

    "Das sind teilweise enorme Beträge, die man als Zubuße für die Privatisierung den Investoren hat geben müssen, damit sie diese Privatisierung tatsächlich auch durchführen." Peter Wild, ehemaliger Treuhand-Direktor

    Die Treuhand-Anstalt macht nicht wie geplant Gewinne, sondern bleibt auf einem Schuldenberg von 260 Milliarden Mark sitzen – vom Steuerzahler zu tragen. Dazu kommen die massiven sozialen Kosten: Von vier Millionen Beschäftigen in den VEBs behält nur ein Drittel den Arbeitsplatz.

    Treuhand-Berater in der Kritik

    Kritiker werfen der Treuhand-Anstalt vor, sie hätten Berater aus dem Westen engagiert, um ihre eigene Konkurrenz im Osten aus dem Weg zu räumen. Bernd Günther, der Leipziger Geschäftsführer der Gewerkschaft "Bau, Steine, Erden" sitzt mit am Tisch, als der Berater einer westdeutschen Fensterfirma empfiehlt, den ostdeutschen Fensterhersteller zu schließen:

    "Und das Unternehmen aus Leipzig hat nur exportiert – alles nach Westdeutschland exportiert. Nach Schweden, Finnland und Österreich. Und hat eine Topqualität gehabt. Die Konsequenz war, dass das Unternehmen mit 5.000 Leuten abgewickelt wurde." Bernd Günther, Gewerkschaft "Bau, Steine, Erden"

    1991 kippt die Stimmung im Land. Die Ostdeutschen gehen montags wieder auf die Straße. Doch statt "Helmut Kohl, wir danken dir" fordern sie nun den Rücktritt des Einheitskanzlers. Am 1. April 1991 wird Treuhand-Chef Detlev Rohwedder ermordet. Allerdings nicht von einem unzufriedenen Ostdeutschen, wie viele befürchtet haben. Am Tatort findet sich vielmehr ein Bekennerschreiben der RAF.

    Doch bis heute sehen viele Menschen jene Anstalt, die über 8.000 DDR-Betriebe privatisiert hat, kritisch:

    "Das hat viele angestunken, ich sag das mal salopp, dass die, die vorher eine gute Qualität geleistet haben, und für andere Unternehmen in Westdeutschland gearbeitet haben, plötzlich nicht mehr gut genug waren." Bernd Günther, Gewerkschaft "Bau, Steine, Erden“"

    Die Wende als Neuanfang

    Aber es gibt auch Wende-Erfolgsgeschichten. Die von Brigitte Franke zum Beispiel. Nach ihrer Entlassung aus dem abgewickelten Betrieb VEB Giesag besuchte sie Computer-Kurse, sattelte mit 53 Jahren um auf digitale Technik und machte sich als Bauzeichnerin selbständig. Dafür bekam sie – nach zähen Verhandlungen - sogar einen Kredit von 100.000 Mark. Der Bauboom in Leipzig bescherte Brigitte Franke eine neue berufliche Existenz, die sie mit Begeisterung erfüllte.

    "Ich bin in der Früh wach geworden und habe gesagt: jetzt darf ich wieder an den Computer gehen," Brigitte Franke, Unternehmerin

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