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Frau aus Burundi

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    Von den Medien vergessen: Zehn humanitäre Katastrophen

    Von Burundi bis Sambia: Die Hilfsorganisation Care listet zehn Länder auf, in denen Millionen Menschen durch Kriege oder Naturkatastrophen leiden. Über den Eurovision Song Contest wurde 2020 vier Mal mehr berichtet als über diese Länder zusammen.

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    Von
    • Hilde Stadler

    "Let our love shine a light in every corner of the world" - "Lass unsere Liebe wie ein Licht in jeden Winkel der Welt scheinen", so erklang es beim letztjährigen Eurovision Song Contest. Doch es gibt offenbar einige Winkel auf der Welt, die vergessen wurden, wie eine Untersuchung der Hilfsorganisation CARE ergab.

    „Suffering in Silence“ – Leiden n der Stille

    "In dem Bericht 'Suffering in Silence' stellt CARE die 10 Länder vor, in denen im vergangenen Jahr jeweils mehr als eine Million Menschen von Naturkatastrophen oder Krisen betroffen waren, die die geringste mediale Aufmerksamkeit erhielten. Als Vergleich: Der Eurovision Song Contest erhielt ungefähr vier Mal so viel mediale Aufmerksamkeit wie diese zehn Länder zusammen." Karl Otto Zentel, Geschäftsführer CARE Deutschland

    Burundi: trauriger Spitzenreiter

    Burundi belegt den traurigen Spitzenplatz. Nirgendwo auf der Welt leiden mehr Menschen an chronischer Unterernährung. Die meisten in dem kleinen ostafrikanischen Land fristen ein karges Dasein als Kleinbauern. Zur Armut kommen Naturkatastrophen und politische Instabilität, die mehr als Hunderttausend Menschen vertrieben haben. Inzwischen sind über 2,3 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dennoch kam Burundi in mehr als einer Million ausgewerteten Online-Artikeln nur 429 Mal vor, gefolgt von Guatemala (542) und der Zentralafrikanischen Republik (621).

    Untersucht wurden 45 Krisen in der Welt: Kriege, Konflikte, Naturkatastrophen, unter denen mindestens eine Million Menschen leiden. Daraus wählte CARE jene zehn Länder aus, über die in den internationalen Medien am wenigsten berichtet wurde.

    Afrika als Kontinent der Krisen und Katastrophen

    Sechs dieser Länder liegen in Afrika. Ein Kontinent, der in den westlichen Medien häufig nur Schlagzeilen macht mit den großen K’s: mit Krisen, Kriegen, Katastrophen, Korruption und Krankheiten. Aber sogar diese gaben offenbar im vergangenen Jahr wenig Anlass für eine Berichterstattung. Was sind die Gründe?

    "Viele Krisen hier in der Region halten schon sehr lange an. Der Osten des Kongo im ewigen Krieg. Somalia, ein 'failed state', ein gescheiterter Staat", erklärt Antje Diekhans, ARD-Hörfunk-Korrespondentin für Ost- und Zentralafrika. "Genauso die Situation in Burundi oder in der Zentralafrikanischen Republik: Da gibt es dann eine gewisse Ermüdung, was solche Themen angeht, auch in den Redaktionen: 'Gibt’s da etwas Neues?' heißt es dann: Oder warum sollten wir jetzt darüber berichten? Oft ist die Situation eben nicht neu, nur schon seit langem so katastrophal. Wenn dann Wahlen oder ähnliche Ereignisse auf dem Terminkalender stehen, ist das ein Anlass, dass ich auch über die Situation im Land berichte."

    Als Videoreporter in Ghana

    Auch der freie Journalist Moritz Pompl musste feststellen, dass die Nachfrage nach Themen aus entlegenen Regionen der Welt und dem Alltag der Menschen dort nicht besonders groß ist. Trotzdem reiste er vor zwei Jahren nach Ghana und begleitete als Videoreporter mit der Kamera einen Landarzt, der am Volta-See Fischerfamilien medizinisch behandelte. Zurück in Deutschland bot er dann Stücke an und bekam Aufträge für ein Radio-Feature, für Web-Artikel und einen TV-Beitrag im ARD-Weltspiegel. "Es gab ganz tolle Reaktionen von Zuschauern, die ziemlich viel Geld an den ghanaischen Arzt gespendet haben. Und für den war das natürlich auch großartig", freut sich der freie Journalist und Arzt Pompl.

    Afrika jenseits von Klischees

    Mit ihren Berichten wollen Moritz Pompl und Antje Diekhans Menschen in Afrika ein Gesicht geben, ihren ganz normalen Alltag zeigen, ihre Nöte und Sorgen, gleichzeitig aber auch die Freuden und Lichtblicke. Oft müssen die Journalisten dabei gegen Klischees an-arbeiten, auch in der Zusammenarbeit mit Redaktionen. Zum einen sei Afrika der Kontinent der Krisen und Katastrophen, so Antje Diekhans, zum anderen gebe es noch das Bild von Afrika als Kontinent der ewigen Safaris mit romantischen Vorstellungen vom Leben und den Menschen, geprägt von Filmen mit Titeln wie "Mein Herz ist in Afrika".

    Konstruktive Berichterstattung

    Solche und andere Stereotype zu durchbrechen, in einer Krise auch über positive Entwicklungen zu berichten, Hoffnung zu vermitteln durch konstruktiven Journalismus, und dabei den Blick bewusst auf Frauen, Mädchen und Gruppen zu richten, die allzu häufig kaum beachtet würden, regt CARE an.

    "Uns geht es nicht darum, den Finger zu erheben, sondern mit Medien, der Politik und anderen Hilfsorganisationen ins Gespräch darüber zu kommen, was wir in Zukunft an unserer Zusammenarbeit und in der Berichterstattung verbessern können." Karl Otto Zentel, Geschäftsführer CARE Deutschland

    Bürgerjournalisten fördern – Fake News herausfiltern

    Auch mit Bürgerjournalismus, könne man, so CARE, die "mediale Stille" in Krisenländern überwinden. Die Digitalisierung bietet dazu heute viele Möglichkeiten. So ist die Verbreitung von Informationen über die sozialen Medien in Krisengebieten für Journalisten einerseits eine große Recherche-Quelle und Kommunikationshilfe, da auch über große Entfernungen direkt Menschen kontaktiert und interviewt werden können - gerade auch in Corona-Zeiten.

    Andererseits findet sich auf den diversen Plattformen auch jede Menge Propaganda, warnt Antje Diekhans: "Zuletzt habe ich zum Beispiel viel über die Kämpfe in der Region Tigray in Äthiopien berichtet. Die Internet- und Telefonverbindungen dorthin wurden zwar zeitweise komplett gekappt. Aber es tauchten dann doch immer wieder Berichte in den sozialen Medien auf. Viele davon waren ganz klar mit politischem Interesse platziert wurden, um der anderen Seite Kriegsverbrechen vorzuwerfen. Klassische Fake News, die den Konflikt befeuern sollten.“

    Corona verschlimmert die Lage

    Durch die Corona Pandemie hat sich die humanitäre Lage für Millionen Menschen weltweit noch weiter verschlechtert. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in diesem Jahr etwa 235 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen, ein Anstieg um fast 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig sind durch die Corona Pandemie auch die Möglichkeiten der Berichterstattung für Journalisten weiter erschwert worden. Einmal durch Reisebeschränkungen, erlassen aus Sorge vor der Verbreitung des Virus.

    Eingeschränkte Pressefreiheit gefährdet Journalisten

    Zum anderen, weil einige Regierungen die Pandemie genutzt haben, um die Pressefreiheit rigoros einzuschränken. In einer Reihe von Ländern sind Journalisten bei kritischen Berichten mit Repressalien bedroht, landen im Gefängnis und müssen um ihr Leben fürchten, wie in Tansania, was man in Deutschland eher mit Safari oder Strandurlaub verbindet.

    Eine Gratwanderung: Schweigen oder doch berichten? Zusammenhänge und Hintergründe vermitteln, sorgfältig recherchiert, ohne Klischees. Und: "Es gibt auch kleine Mosaik-Steinchen, wo sich jeder einzelne fragen kann, was er beitragen kann, beispielsweise wenn es um die Zahlungsbereitschaft für qualitativ hochwertigen, vielfältigen Journalismus geht", gibt Annika Sehl, Professorin für Digitalen Journalismus an der Universität der Bundeswehr in München, zu bedenken.

    Mit Emotionen Interesse wecken

    Personalisierung und Emotionalisierung, wie beim Landarzt in Ghana und seinen Patienten, können dazu beitragen, das Interesse für Themen aus entlegenen Ländern zu wecken, Medienhäuser veranlassen, Seiten und Sendeplätze dafür bereit zu stellen.

    ESC 2021 - "Open Up": Auch für Menschen in vergessenen Krisen

    In knapp vier Monaten, Mitte Mai, soll übrigens der Eurovision Song Contest 2021 stattfinden als internationale Mega-Show, ausgestrahlt im Fernsehen in 41 Ländern unter dem Motto "Open Up". Vielleicht eine Gelegenheit, mehr Offenheit und Interesse auch für Menschen in vergessenen Krisenregionen zu zeigen.

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