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Viele Tests, strikte Regeln: Venetiens Umgang mit Corona | BR24

© dpa

Schulstart in Vò

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    Viele Tests, strikte Regeln: Venetiens Umgang mit Corona

    Venetien und die Lombardei - zwei wohlhabende Regionen im Norden Italiens, beide regiert von der rechten Lega. Während die Lombardei schwer an Corona litt und bis heute an den Folgen leidet, geht es Venetien ungleich besser. Das hat Gründe.

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    Zum Beispiel Vò. Eine kleine Gemeinde in der Provinz Padua. Wenn man hier mit den Menschen auf der Straße spricht, setzen sie sofort ihre Mund-Nasen-Masken auf - ausnahmslos alle. Auch Bürgermeister Giuliano Martini. Für ihn ist klar:

    "Das Virus liegt immer auf der Lauer, es lässt nicht nach und wird auch nicht nachlassen. Wenn die Ansteckungen geringer geworden sind, dann, weil wir alle Masken tragen. Sobald wir damit aufhören, kommt das Virus zurück." Giuliano Martini, Bürgermeister Vò

    In Vò schlug Corona früh zu, Ende Februar starb hier der erste Italiener. Die Gemeinde wurde von der Außenwelt abgeriegelt, die Bewohner mussten zuhause bleiben.

    Regionalpräsident Zaia macht das Licht an

    Gleichzeitig sollten alle einen Abstrich machen - so ordnete es Regionalpräsident Luca Zaia an:

    "Ich entscheide entgegen aller Richtlinien, dass alle getestet werden. Es ist wie in einem dunklen Raum, in dem wir das Licht anmachen, verstehen wir doch, was mit 3.000 Menschen passiert ist. Wir wussten nichts." Luca Zaia, Regionalpräsident Venetien

    Eine Gemeinde als Testlabor

    Für das Forscherteam, das die Testreihen begleitet, bestätigt sich ein Verdacht: Auch Menschen, die keine Symptome zeigen, können infiziert sein und das Virus unbewusst weiterverbreiten. Doch da sie getestet sind, wissen sie Bescheid, bleiben in Quarantäne. In Vò können nach zwei Wochen die Beschränkungen aufgehoben werden, keiner ist mehr infiziert. Und wen auch immer man auf der Straße fragt: Die Bewohner sind froh, dass damals so hart durchgegriffen wurde.

    © Elisabeth Pongratz / BR

    Das Rathaus von Vò

    © dpa

    Lockdown statt Karneval in Venetien (Archivbild)

    Was Venetien besser machte als die Lombardei

    Venetien im nordöstlichen Italien war wie die benachbarte Lombardei sehr früh und sehr stark von der Corona-Pandemie betroffen. Während hier vielerorts schnell und streng gehandelt wurde, sogar der Karneval in Venedig vorzeitig beendet wurde, zögerte man in der reichen Lombardei, dem wirtschaftlichen Herz Italiens, Abriegelungen hinaus. Inzwischen laufen zahlreiche Anzeigen, die Staatsanwaltschaft ermittelt, inwieweit Politik und Behörden damals versagt haben.

    Das Erfolgskonzept: Wissen, wer wann wo betroffen ist

    In Venetien wurde die Regionalregierung von Andrea Crisanti beraten, Mikrobiologe an der Universität von Padua. Viele Medien nennen ihn ehrfürchtig den Vater des Modells Venetien. In seinem Institut ist Crisanti ständig am Handy, die Furcht vor einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen nach der Sommerpause treibt ihn um.

    "Damit es jetzt funktioniert, muss die Kapazität an Tests erhöht werden. Wissen Sie, wenn wir alle zu Hause sind und niemand andere trifft, ist es relativ einfach zu kontrollieren. Aber wenn wir unsere Aktivitäten fortsetzen wollen, müssen wir irgendwie die Möglichkeit schaffen, viel mehr Diagnosen zu stellen als jetzt." Andrea Crisanti , Mikrobiologe
    © Elisabeth Pongratz / BR

    Andrea Crisanti , Mikrobiologe

    Im Spagat zwischen Seuche und Wirtschaftskrise

    Nach dem wochenlangen Lockdown bis Anfang Mai war in Venetien wie in ganz Italien die Wirtschaft und vor allem der Tourismus zusammengebrochen. Doch hier gingen die Ansteckungszahlen sehr schnell zurück. Luca Zaia, Mitglied der rechten Lega und als Regionalpräsident seit 2010 im Amt, sitzt deshalb der Regierung in Rom bald im Nacken, die Beschränkungen, die im ganzen Land gelten, zu lockern. Die Gesundheit der Menschen ist das eine, ihre wirtschaftliche Existenz das andere.

    Mit "schwerer Artillerie" gegen das Virus

    Zwischen diesen beiden Polen macht er Politik. Als ein Manager trotz Symptomen weiterarbeitet und trotz eines positiven Tests nicht in die Klinik will, fordert Zaia die Zwangseinweisung von Erkrankten, wenn sie die Behandlung ablehnen. Als die Ansteckungszahlen wieder hochschnellen, verschärft er die Sicherheitsregeln. Und zeigt immer wieder, dass er alles tue, um seine Bürger vor einer neuen Welle zu schützen.

    "Venetien hat bereits, so würde ich es sagen, schwere Artillerie eingesetzt. Damit wir ja nicht falsch liegen. Wir werden nicht unvorbereitet sein. Meine 1.000 Intensivstationsplätze werden ausgestattet sein, wir werden hunderte Sub-Intensivstationsplätze haben." Luca Zaia, Regionalpräsident Venetien

    © dpa

    Luca Zaia auf einem Wahlkampftermin

    Wissenschaftsfreund statt Populist

    Währenddessen erobert Zaia die Herzen aller Italiener. Während sein Parteifreund Attilio Fontana, Regionalpräsident der Lombardei, gegen die Justiz und deutlichen Ansehensverlust kämpft, schiebt sich der Venetier sogar vor Lega-Chef Matteo Salvini. Bei den Regionalwahlen geht der 52-jährige, der stets selbstbewusst und redegewandt auftritt, als Favorit ins Rennen - in Umfragen kommt er auf mehr als 70 Prozent. Hotelbesitzerin Anita aus Padua begründet das so:

    "Objektiv gesehen ist er den Anweisungen der Ärzte gefolgt. So ist es ihm gelungen, dass die Krankenhäuser nicht verstopft wurden und die Situation ein wenig mehr unter Kontrolle war." Anita, Hotelbesitzerin aus Padua

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