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Strahinja und Vladimir sind beides Menschen mit Behinderung und leben in Serbien.

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Vernachlässigt und versteckt-Menschen mit Behinderung in Serbien

Serbiens vergessene Kinder. So heißt der erschütternde Bericht der US-Menschenrechtsorganisation Disability Rights International über Heime für Menschen mit Behinderung in Serbien. In insgesamt acht Einrichtungen fand sie katastrophale Zustände vor.

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Von
  • Andrea Beer
  • Dejan Stefanović

Rund 780 Erwachsene und Kinder leben in den Einrichtungen, die Disability Rights International und Mental Disability Rights Initiative of Serbia unter Auflagen des zuständigen serbischen Sozialministeriums begutachten konnten. So dürfen beispielsweise die Namen der entsprechenden Heime nicht öffentlich genannt werden. Der Bericht wurde Ende Juni 2021 veröffentlicht und wirft ein äußerst schlechtes Licht auf die Verantwortlichen. Denn auch die Einschränkungen konnten die Vernachlässigung der Betreuten nicht überdecken: Vollkommen verdreckte oder fehlende Sanitäranlagen, schlechte Hygiene, zu wenig und schlechtes Essen. Es ist die Hölle – so wird ein Mitarbeiter zitiert. (Anm. In den Bericht eingeflossen sind Besuche der Heime im Jahr 2019 und Informationen über die Heime, die bis zur Veröffentlichung des Berichts gesammelt wurden)

Ruhiggestellt. Keine Bewegung. Keine Therapie

Kinder werden medizinisch und sozial teils so stark vernachlässigt, dass man von Folter sprechen könne, so der Bericht. Ohne Therapie würden teils sehr schwer behinderte Kinder mit Medikamenten ruhiggestellt und nicht behandelt, berichtet Dragana Ćirić Milanović in London am Telefon. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Missständen in serbischen Einrichtungen für Menschen mit und ohne Behinderung und hat alle im Bericht genannten Heime selbst von innen gesehen.

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Dragana Ćirić Milovanović ist Europadirektorin von „Disability Rights International“. Sie hat den Bericht über serbische Heime mitverfasst.

Wenn Kinder mit Behinderungen in Einrichtungen ohne Aufsicht sich selbst überlassen seien und nie bewegt würden, könne dies sogar lebensgefährlich sein, so die Europadirektorin von DRI. Immer in der gleichen Position bestünde die Gefahr von Erstickungen. Viele Kinder würden zudem mit Sonden ernährt, auch weil es sich ein Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einfach mache. In einer Einrichtung fand DRI mehrere Kinder mit Hydrocephalus. Diese haben - vereinfacht ausgedrückt - zu viel Flüssigkeit im Gehirn. Wird dies nicht ständig kontrolliert und behandelt – etwa durch medizinisch kontrolliertes Abfließen - haben die Kinder ständig Schmerzen und können sogar sterben. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Einrichtung betonten laut Bericht, dass die "Palliativversorgung" nicht gesetzlich geregelt sei. Dies wird oft als Ausrede verwendet, um eine Behandlung zu unterlassen. Der Bericht kommt auch zu dem Schluss, dass notwendige Behandlungen verhindert werden, was lebensgefährlich sein kann, so die Psychologin Dragana Ćirić Milanović, die alle im Bericht erwähnten Einrichtungen selbst gesehen hat. Das ständige Sitzen in vergitterten Betten behindert auch das Wachstum, hat Dragana Ćirić Milanović beobachtet.

Es gibt Bettgitter, die zu einer Kontraktion der Gliedmaßen führen können und da es so wenig Personal für so viele Kinder und Erwachsene gibt, gibt es keinen Überblick. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Menschen in solchen Situationen verletzt werden. Dragana Ćirić Milanović, Europadirektorin von Disability Rights International
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Vladimir Miljević in Trbunje bei Blace, ein Heim für Erwachsene. Das Foto wurde Vater Dragan Miljević zugespielt.

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Vladimir Miljević nackt auf dem Bett im Heim Trbunje. Das Foto wurde Vater Dragan Miljević zugespielt.

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Matratze mit Fäkalien und Blut im Heim Trbunje.

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Dragan Miljević holt seinen Sohn Vladimir so oft wie möglich nach Hause.

Im Heim gibt es kein Leben für mein Kind

Vladimir Miljević lebt im Heim Trbunje, eine Einrichtung für Erwachsene mit Behinderung bei Blace in Südserbien. Doch gut geht es dem 30-jährigen nur zuhause. An diesem Nachmittag lacht er fröhlich und bewegt sich auf dem schmalen Bett hin und her. Es steht in der kleinen Wohnung seines Vaters Dragan Miljević im Belgrader Stadtteil Rakovica. Vadimirs Arme und Hände rudern ein wenig durch die Luft und er wiederholt meist wortgetreu was andere sagen. Allerdings kann er ein Gespräch durchaus sinnvoll ergänzen und lange Liedtexte zitieren. Vater und Sohn sind leidenschaftliche Sänger und führen das auch gerne vor. Vieles davon hat Dragan Miljević selbst komponiert. Vladimir kommt zu früh zur Welt. Durch einen Ärztefehler werden im Inkubator seine Augen verbrannt und er erblindet. An Entschädigungsklagen ist damals nicht zu denken, denn Anfang der 90er Jahre herrscht das Chaos des Zerfalls von Jugoslawien. Vladimir soll autistisch sein, doch eine umfassende medizinische Diagnose hat sein Vater nicht und der Junge wird nie richtig gefördert. Nun sitzt Dragan Miljević im weißgerippten Unterhemd auf der schmalen Bettkante und sein Blick ruht auf seinem Sohn: Liebe, Sorge, Wut, Verzweiflung, all dies mischt sich bei dem großen, schweren Mann.

Ich sage Ihnen ehrlich, in Trbunje gibt es kein Leben für mein Kind. Wenn ich Vladimir nicht jedes Jahr für insgesamt vier Monate nach Hause geholt hätte, wäre er heute nicht mehr am Leben. Dragan Miljević, Vater von Vladimir
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Das Heim Trbunje bei Blace in Südserbien. Eine Genehmigung, es von innen zu sehen bekam die ARD nicht.

Nackt und verlassen statt behütet und geliebt

Seit 2019 ein 25 Jahre alter Betreuter aus Trbunje mutmaßlich an Unterkühlung starb hat das Heim in Trbunje einen besonders schlechten Ruf. Zumal damals zwei weitere Heimbewohner unter bisher ungeklärten Umständen starben. Vladimir kam nach der Scheidung seiner Eltern vor rund 12 Jahren dorthin und sein Vater erzählt, er habe gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmt.

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Eine Mängelliste aus dem Heim Trbunje. Demnach gibt es statt Hygiene und Therapie, ungeleerte Sickergruben und Medikamente die ruhig stellen.

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Das Gelände des serbischen Heims Trbunje ist wenig gepflegt. Die Fäkalien fließen durch den Zaun in einen Straßengraben.

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Besuche im Heim Trbunje sind nur in dafür vorgesehenen Räumen möglich. Vor Angehörigen werden die Bedingungen der Betreuten damit versteckt.

Ohrfeigen, Schmutz und Fäkalien im Hof

In Trbunje darf Dragan Miljević seinen Sohn nur unter Aufsicht und nicht auf dem Zimmer besuchen, das dieser mit anderen Betreuten teilt. Doch er bekommt aber eine schockierende Mängelliste und Fotos zugespielt. Sie zeigen unter anderem Vladimir nackt auf dem Bett und der Vorwurf sexualisierter Gewalt durch Mitbewohner steht im Raum. Ein Foto zeigt eine Matratzen mit Blut und Fäkalien stark verschmutzt und Mitarbeiter berichten Dragan Miljević, die Räume seien schmutzig und ungelüftet. Auf der ihm zugespielten Mängelliste steht auch, die Heizung funktioniere schlecht und wenn dann nur 8-10 Stunden am Tag. Zudem seien die Essräume schmutzig und müssen von Heimbewohnern geputzt werden. Die Betreuten seien zudem oft nackt und nicht gewaschen. Das Essen sei schlecht und viel zu wenig. Und wenn Vladimir überhaupt an die frische Luft käme, dann ohne Schutz vor praller Sonne oder Regen.

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Fäkalien fließen über das Gelände des serbischen Heims Trbunje.

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Auch hier sind die Fäkalien zu sehen.

Bei unseren Recherchen vor Ort sehen wir wie Fäkalien über das Gelände fließen und es riecht auch danach. Dies bestätigt den Punkt auf der Mängelliste, die Sickergrube werde monatelang nicht geleert. Auch Gewalt sei in Trbunje ein Problem, sagt Dragan Miljević. Wenn sein Sohn nicht wolle, bekäme er eine Ohrfeige. Wir hätten Trbunje oder andere Heime für Menschen mit Behinderung gerne auch von innen gesehen, doch das serbische Sozialministerium ließ die ARD-Anfragen wochenlang unbeantwortet. Stattdessen beschwerte sich das Ministerium über unsere Recherchen vor Ort. Laut Dragan Miljević würden die meisten Mitarbeiter ihre Arbeitszeit im benachbarten Dorfladen verbringen, die Direktorin werde mit dem Dienstwagen gebracht. Statt notwendiger Therapie und Förderung gibt es Medikamente, die Vladimir ruhigstellen, ist sein Vater sicher.

Wenn ich ihn aus dem Heim hole, kann er in der ersten Zeit nicht mehr als etwa 500 Meter laufen. Wenn er eine Weile zuhause ist, kann er wieder mehrere Kilometer gehen. Das bedeutet, dass er im Heim liegt und deswegen keine Kondition hat. Dragan Miljević, Vater von Vladimir

Dragana Ćirić Milanović von „Disability Rights International“ kennt solche Fälle zu genüge. Vor allem in Einrichtungen in denen Erwachsene und Kinder zusammenleben würden sei die Situation schlecht, so die Psychologin. Die meisten Kinder und Erwachsenen mit Behinderungen in Heimen blieben dort zehn Jahre lang und länger. Denn der serbische Staat ermöglicht keine soziale Unterstützung für ein Leben zuhause in den Familien, sondern finanziert lieber intransparente Heimplätze, die Unsummen verschlingen.

Wenn Kinder einmal in einer Einrichtung sind, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie wieder herauskommen. Es gibt keine Unterstützung für Familien und oft sind die Einrichtungen weit weg und arme Menschen können nicht hinkommen und die Familienbande zerbrechen dann. Die Kinder geraten in einem immer schlechteren Zustand und es wird dann immer unwahrscheinlicher für sie, wieder herauszukommen. Dragana Ćirić Milanović von „Disability Rights International“

Schlechte Sanitäranlagen, fehlende Hygiene

Auch Hygiene und Sanitäranlagen sind laut dem Bericht über Missstände in serbischen Einrichtungen ein Problem. Toiletten sind verdreckt oder fehlen und auch in sauberen Einrichtungen fehlen Toilettentüren und damit die Privatsphäre der Menschen. Heimbewohner haben keine Bewegung, Räume sind überbelegt und kahl und Betreute waren zu Coronazeiten dort regelrecht eingesperrt. Das Essen ist schlecht und zu wenig. In einem Heim wurden Salat, Hauptgang und Nachtisch einfach zu einem Brei vermengt.

Zuständige Ministerin spricht von skandalöser Übertreibung

Der Bericht von Disability Rights International über die Missstände in Einrichtungen sorgte in Serbien für Aufsehen. Hygiene und Sanitäreinrichtungen seien auf höchstem Niveau, betonte die für Einrichtungen zuständige Sozialministerin Darija Kisić Tepavčević und besuchte einige Heime.

Niemandem nützt diese Art der Übertreibung und skandalöse Schlagzeilen. Unser Ziel ist, die Bedingungen zu verbessern. Vor Ort konnte ich sehen, dass in diesen Einrichtungen auch Ärzte und Krankenschwestern beschäftigt sind. Betreute bekommen die ihnen entsprechende medizinische Pflege. Aufgrund der Medikamente, die wir dort gesehen haben, sowie der verordneten Therapien, konnten wir feststellen, dass die Pflege maximal gut ist. Darija Kisić Tepavčević, Ministerin für Arbeit, Beschäftigung, Soziales und Veteranenangelegenheiten
© Serbisches Sozialministerium, 2021

Die für Heime zuständige Ministerin Darija Kisić Tepavčević beim Besuch in einem Heim für Kinder mit Behinderung.

© Serbisches Sozialministerium, 2021

Serbiens Sozialministerin Kisić Tepavčević (Mitte) bei einem offiziellen Termin in einem Heim für Kinder mit Behinderung.

Keine Unterstützung für betroffene Familien

Mütter und Väter in Serbien geben Kinder mit Behinderung aus vielen Gründen in ein Heim: Staatliche Hilfe fehlt, sie arbeiten tagsüber und haben kein Geld für private Betreuung oder sie sind nach Jahren der Pflege überlastet oder krank und alt geworden. Von Vorurteilen in der serbischen Gesellschaft ganz zu schweigen, erzählt Marija Pavlović. Die selbstbewusst wirkende Frau sitzt in einem Café in Neu-Belgrad. Sie ist Präsidentin der Organisation Down Syndrom Belgrad und hat Best Buddies Serbia - Best Buddies International gegründet. Ihre elfjährige Tochter hat Trisomie 21 und lebt in der Familie - auch weil Marija Pavlović die aufwändige Betreuung selbst bezahlen kann. Geld ist wichtig, aber es braucht weit mehr, betont die braungelockte Ökonomin. Schon bei der Geburt eines Kindes mit Behinderung würden Eltern alleine gelassen.

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Marija Pavlović fordert staatliche Unterstützung für Eltern von Kindern mit Behinderung. Sie hat eine Tochter mit Trisomie 21.

Informationen sind am Anfang am wichtigsten. Die Eltern sind wirklich kopflos, psychisch belastet. Sie brauchen jemanden, der sie führt und sagt: dass macht ihr dann, jenes macht ihr dann. Auch ich habe viel Zeit gebraucht, um gewisse Sachen zu erfahren. Man geht von Tür zu Tür, klopft an die eine Tür, dann an die andere. Das ist eine große Zeitverschwendung. Und Zeit ist von entscheidender Bedeutung für die Kinder. Marija Pavlović
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Zlata und Stevan Milisavac mit ihrem ältesten Sohn Strahinja. Sie machen sich große Sorgen, wie er einmal ohne sie leben wird.

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Strahinja Milisavac zeigt eines seiner Werke.

Rund 80 Kilometer westlich von Belgrad in Novi Sad steht Strahinja Milisavac in der gemütlich geräumigen Wohnung seiner Eltern. Es duftet nach Kaffee und an den Wänden hängt Kunst

Ich bin Maler, Künstler. Ich verwende Wasserfarben, Ölfarben, Acrylfarben. Und ich mag gute Musik. Strahinja Milisavac

Der braunhaarige junge Mann zeigt seine Bilder: Bäume, Tiere, Blumen oder ein dunkler Wald sind seine Motive. Strahinja spielt auch Gitarre, angelt, schwimmt und hat in Novi Sad auch schon als Kellner gejobbt. Seine Behinderung sieht man ihm an und der 33-jährige muss mit Vorurteilen leben. Einmal wurde er auf der Straße mit Steinen beworfen und ausgeraubt.

Sie wussten, dass ich mich nicht verteidigen werde, da ich anders bin als sie. Sie sagten mir, dass ich ein Affe bin, haben mich beleidigt. Strahinja Milisavac

Lassen Sie das Baby doch gleich hier und es kommt ins Heim, hieß es nach Strahinjas Geburt. Doch für Zlata und Stevan Milisavac kam das nicht in Frage. Das ist nicht selbstverständlich, denn vor allem Männer würden sich oft abwenden, erzählt Zlata Milisavac.

Viele Ehen werden geschieden, weil der Mann (…) spürt, dass er sich in dem Fall als nicht gut genug erwiesen hat, dass er kein gesundes Kind zeugen konnte. Eine totale Dummheit. Denn es ist eigentlich ein Glück, dass wir ein solches Kind bekommen haben. Denn wir wären nicht die Menschen geworden, die wir sind, wenn wir Strahinja nicht hätten. Zlata Milisavac, Mutter von Strahinja

Stevan Milisavac ist von der Arbeit zurück und setzt sich dazu. Ein dunkelhaariger ruhiger Riese mit Brille und Bart. „Mich persönlich hat Strahinja sehr verändert. Ich bin ein viel besserer Mensch geworden“, sagt er. Strahinja wirkt behütet, gefördert, selbstbewusst und anders als viele Menschen mit Behinderung in Serbien lebt er in seiner Familie. Doch was wird aus ihm, wenn Zlata und Stevan nicht mehr können oder sterben? Was wird aus ihm ohne das unermüdliche Engagement und den lebensrettenden Schutz seiner Eltern und seiner beiden jüngeren Geschwister? Für Stevan Milisavac ein schwieriger Gedanke, der ihn tief Luft holen lässt. „Ich habe Angst vor diesem Moment, weil wir in einer so traurigen und armen Gesellschaft leben“.

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Strahinja Milisavac malt, musiziert und lebt zuhause bei seinen Eltern.

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Strahinja Milisavac malt - auch mit Unterstützung von Mutter und Schwester, wie er erzählt.

"Ich bin doch da," tröstet Strahinja seinen Vater und Zlata lächelt. Sie und Stevan träumen von einer Künstlerkolonie mit Tieren und Landwirtschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderungen leben und arbeiten können. Aber leider fehlt das Geld.

Der Staat beschützt Einrichtungen mehr als Menschen

Wäre Strahinja in einem Heim in Serbien aufgewachsen, er wäre wohl niemals zu diesem so autonom lebenden glücklich wirkenden Menschen geworden. Und auch der enge Kontakt zu den geliebten Eltern wäre schwierig oder unmöglich gewesen. Denn die Heime in Serbien entscheiden auch über das Besuchsrecht von Eltern, denen de facto verboten werden kann, ihre Kinder zu sehen.

Der Staat beschützt Einrichtungen und deren Angestellte mehr als die Kinder, diejenigen die er beschützen sollte. Dragana Ćirić Milanović von der Menschenrechtsorganisation „Disability Rights International“. Sie begutachtet serbische Heime seit Jahren

Vladimirs Vater Dragan Miljvić hat seine Kritik an den Zuständen in serbischen Heimen öffentlich gemacht. Das ist ein großes Risiko im autokratischen Serbien von Präsident Aleksandar Vučić. Stark eingeschränkte Pressefreiheit, keine garantierte Gewaltenteilung und Korruption werden mit Vučić und dessen regierender Fortschrittspartei in Verbindung gebracht und offene Kritik kann gefährlich sein. Tatsächlich könnte Dragan Miljević nun ein Kampf um das Sorgerecht für Vladimir drohen. Sein Vater führt das auf seine öffentliche Kritik an den Missständen zurück Er sähe seinen Sohn gerne in einem Heim in Pančevo oder in Šabac. Doch für den ersehnten Umzug ist die Meinung des jetzigen Heims in Trbunje wichtig und dort heißt es, Vladimir sei aggressiv.

Warum sagen sie im Heim, dass er aggressiv ist? Weil sie nicht auf ihn verzichten wollen. Denn sie bekommen monatlich 50-60.000 Dinar für ihn – umgerechnet rund 450 Euro. Wenn er bei mir ist bekommen sie trotzdem Geld und ich als Arbeitsloser muss in dieser Zeit für seinen Lebensunterhalt aufkommen. Das Geld fließt in die Taschen der lokalen Mächtigen. Dragan Miljević kämpft um seinen Sohn

Mehrmals am Tag gehen Vater und Sohn spazieren und an diesem Abend lächelt Vladimir entspannt und hält die Hand seines Vaters ganz fest. Ich bin Sozialist und Humanist, führt dieser aus während er immer wieder seine alten Gummischlappen festziehen muss. Seinen Sohn Vladimir will er nicht wieder ins Heim nach Trbunje zurückbringen. Denn wie immer würde Vladimir sich sträuben und weinen. Ein schwerer Gang den sein Vater vermeiden möchte. Aufgrund der Bedingungen in Trbunje fürchtet er sogar um das Leben seines Sohns. Er will für Vladimir eine Tagesbetreuung finden und weiterkämpfen - komme was da wolle.

Ich würde mich schämen, wenn ich Angst hätte, etwas zu Gunsten meines Kindes zu sagen. Ich kann nicht begreifen, dass sich jemand vor einem Politiker fürchtet, wenn man um das Interesse seines Kindes kämpft, dessen Leben gefährdet ist. Dragan Miljević
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In Serbien gibt es keine staatliche Unterstützung für Dragan und Vladimir Miljević. Sie haben noch einen weiten Weg vor sich.

"Vernachlässigt und versteckt" - Hier können Sie die Geschichte über Serbiens vergessene Kinder von Andrea Beer hören.