BR24 Logo
BR24 Logo
Deutschland & Welt

Verhütung: Immer mehr Frauen sind pillenmüde | BR24

© BR

Jahrzehntelang galt die Anti-Baby-Pille als Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung. Heute wählen immer mehr Frauen eine andere Freiheit: die Pille nicht zu nehmen.

13
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Verhütung: Immer mehr Frauen sind pillenmüde

Jahrzehntelang galt die Anti-Baby-Pille als Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung. Heute wählen immer mehr Frauen eine andere Freiheit: die Pille nicht zu nehmen. Sie setzen lieber auf Alternativen, die weniger Nebenwirkungen haben.

13
Per Mail sharen
Teilen

Vergangenen Juni hat Nina Mannweiler Schluss gemacht. Von jetzt auf gleich hat sie beschlossen, die Anti-Baby-Pille nicht mehr zu nehmen: "Ich hatte das Gefühl, nicht mehr mit meinem Körper im Einklang zu sein. Auch das Bedürfnis nach Sex war negativ beeinflusst", erzählt die 22-Jährige.

Pille kann für Thrombosen verantwortlich sein

Zusätzlich störte sie an der Pille, dass sie Thrombosen verursachen kann: Das Wort "Thrombose" beschreibt den Verschluss eines Blutgefäßes durch ein Blutgerinnsel, oft in den Beinen. Wenn sich das Blutgerinnsel löst und weggeschwemmt wird, kann es zu einer Lungenembolie führen. Besonders schwere Formen einer solchen Embolie können Lunge und Herz dauerhaft schädigen.

Zwar ist das Thrombose-Risiko eher gering, aber es wird vor allem durch die neueren Pillen erhöht. Denn die enthalten andere Hormone als die früheren Pillen.

Dass nicht nur Nina Mannweiler "pillen-müde" wird, sondern immer mehr Frauen, das unterstreichen die Zahlen der AOK Bayern: Von den versicherten Frauen bis 20 Jahren nahmen 2008 noch 244.000 die Pille. 2018, zehn Jahre später, waren es 169.500 – ein Rückgang um fast 31 Prozent.

Pillenmüdigkeit liegt auch am Zeitgeist

Wenn sich Frauen für Alternativen zur Pille interessieren, suchen sie oft Helga Schwarz auf. Die Medizinerin berät bei pro familia in München. Sie hat eine klare Haltung: "Die Pille ist ein Medikament. Das kann Nebenwirkungen haben. Und wenn die Frauen sich bewusst anders entscheiden und auch entsprechend verhalten, kann ich das nur begrüßen, wenn sie sich von einem Medikament abwenden."

Der Trend zu alternativen Verhütungsmethoden liegt für Helga Schwarz am Zeitgeist. Sich gesünder ernähren, bewusster schlafen, nachhaltiger einkaufen – immer mehr Frauen geben besser auf sich acht, beobachtet die Beraterin. Ein Hormon-Präparat wie die Pille passe nicht zum Lifestyle.

Natürliche Verhütung: Den Zyklus genau beobachten

Eine beliebte Alternative ist die NFP-Methode. NFP, das steht für natürliche Familien-Planung, erklärt Isabel Morelli: "Darunter versteht man verschiedene Methoden, um seinen eigenen Zyklus so genau beobachten und analysieren zu können, dass man als Frau weiß, wann die fruchtbare Phase in einem Zyklus ist."

Isabel Morelli hat selbst jahrelang die Pille genommen. Vor fünf Jahren hat sie begonnen, nach anderen Möglichkeiten zu suchen und ist mittlerweile hauptberuflich NFP-Beraterin. Sie bloggt, schreibt Bücher und lehrt in Online-Kursen, wie Frauen den Zyklus anhand von Körpertemperatur und Veränderung des Muttermundes bestimmen – und das Ganze in einem Zyklus-Blatt dokumentieren können.

Nach Morellis Aussage ist die natürliche Verhütung extrem sicher. Allerdings: "Diese Methode setzt voraus, dass man sich einiges an Grundwissen aneignet und sich intensiv mit seinem Körper beschäftigt", so Morelli. Auch aus Sicht von Helga Schwarz, der Beraterin von pro familia, ist diese Methode gut. Aber sie erfordere eben Disziplin.

Das weiß auch Nina Mannweiler: Die 22-Jährige und ihr Freund verhüten derzeit mit Kondom, aber langfristig wollen sie auch auf NFP, also natürliche Familien-Planung setzen: "Ich bin gerade dabei, mir die NFP-Methode in einem Online-Kurs anzueignen, aber es ist schon zeitintensiv."

Verhütung ist keine "Singletour"

Auch ihr Freund beschäftige sich mit der neuen, natürlichen Methode, erzählt Nina Mannweiler. Das ist ihr auch wichtig, schließlich sei Verhütung keine "Singletour", sondern gehe beide an.

Helga Schwarz von pro familia stellt fest, dass Männer, die zu ihr mit in die Beratungsgespräche kommen, immer wieder beklagen, dass es für sie außer dem Kondom keine weitere Möglichkeit gebe. An dieser Stelle muss die Beraterin schmunzeln und erzählt, dass es eigentlich Pillen für den Mann gebe, dass die Weiterentwicklung zur Marktreife aber nicht wirklich vorangetrieben werde. Der Grund: Männer, die das Mittel testeten, klagten über Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme, verminderte Libido oder Kopfweh.

Symptome, über die auch viele Frauen klagen, die hormonell verhüten. Im Gegensatz zur Pille für den Mann, ist die Pille für die Frau aber etabliert. Helga Schwarz von pro familia geht auch nicht davon aus, dass die Pille als Verhütungsmittel bald ausgedient hat. Denn ihre Hauptfunktion – ungewollte Schwangerschaften verhindern – erfüllt sie sehr zuverlässig.