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"Verbrennen oder vom Dach stoßen!" - Wie homophob ist der Islam? | BR24

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In acht Ländern der Welt steht auf gleichgeschlechtliche Liebe die Todesstrafe. Sie alle sind muslimisch geprägt. Muslimisch und homosexuell sein klingt deswegen für viele wie ein Widerspruch. Doch das muss nicht so sein.

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"Verbrennen oder vom Dach stoßen!" - Wie homophob ist der Islam?

In acht Ländern der Welt steht auf gleichgeschlechtliche Liebe die Todesstrafe. Sie alle sind muslimisch geprägt. Muslimisch und homosexuell sein klingt deswegen für viele wie ein Widerspruch. Doch das muss nicht so sein.

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Afghanistan, Brunei, Iran, Irak, Mauretanien, Pakistan, Saudi Arabien, Sudan: In all diesen Ländern ist der Islam die prägende Religion - und in allen steht auf gleichgeschlechtliche Liebe die Todesstrafe. Muslimisch und homosexuell sein klingt deswegen für viele Menschen wie ein Widerspruch. Doch immer mehr muslimische Aktivisten und Gelehrte setzen sich für ein anderes Islamverständnis ein.

In der Türkei und im Libanon feiern Aktivisten Gay-Pride-Paraden

So zum Beispiel in der Türkei. Dort flatterte im vergangenen Jahr ein Meer von Regenbogenflaggen in Izmir - einer Stadt voller Moscheen. Hunderte Menschen demonstrierten für die Rechte von Homo- und Transsexuellen. Neben der Türkei haben auch im Libanon immer wieder Aktivisten öffentlich Gay-Pride-Paraden gefeiert. Doch nicht immer hält sich der Staat zurück. Und in vielen anderen muslimischen Ländern ist so etwas schlichtweg ganz unmöglich.

In fast keinem anderen Teil der Welt sind homophobe Ansichten so weit verbreitet, wie in Ländern, in denen mehrheitlich Muslime leben, sagt eine Studie des US-amerikanischen Forschungszentrums Pew Research. In Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Sudan drohen Homo- und Transsexuellen Gefängnis oder die Todesstrafe.

"Queer sein gibt es schon länger als die Religion"

Zuher ist 29 Jahre alt, Aktivist, DJ und lebt in Berlin. Er ist offen schwul und muslimisch. Er sagt, er sehe keinen Widerspruch zwischen seiner Religiosität und dem nicht-heterosexuell, dem queer sein: "Die Religion des Islams ist etwas absolut Schönes, wenn man sie richtig lebt und das queer sein ist etwas absolut Natürliches, das es länger schon als die Religion gibt."

Gegenüber seinen Eltern hat er sich noch nicht geoutet, aber einer seiner Brüder weiß es inzwischen. Und dieser reagierte offen und mit Liebe, wie Zuher sagt. Trotzdem betont Zuher, dass auch unter Muslimen Vorbehalte gegenüber homosexuellen Menschen weit verbreitet sind. Das liege aber nicht an der Religion an sich, so Zuher: "Es gibt homofeindliche Menschen, aber keinen homofeindlichen Islam."

Radikale Muslime: Homosexualität eine Erfindung des Westens

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Eine wachsende Zahl von muslimischen Gelehrten hält den Koran nicht für ein Buch, das Homosexualität verurteilt. Aber sie sind noch in einer Minderheit: Viele Muslime halten Homosexualität vor allem eine Erfindung des Westens. Im Netz streiten sich radikale Imame, ob man Schwule und Lesben, verbrennen, steinigen oder vom Hausdach stoßen sollte.

All dem widerspricht Ali Ghandour. Der muslimische Theologe hat zwei Bücher über den Islam und Sexualität geschrieben. Er sagt, nicht nur wurden Homosexuelle im Mittelalter jahrhundertelang eben nicht verfolgt - gleichgeschlechtliche Liebe hatte sogar einen großen Einfluss auf die arabisch-islamische Kultur: "Wir haben zum Beispiel tausende homoerotische Gedichte, die auch ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten waren."

Islamische Rechtsgelehrte verfassten homoerotische Gedichte

Verfasser dieser Gedichte waren auch angesehene Rechtsgelehrte. Muslime sahen zu dieser Zeit darin keinen Widerspruch. Doch zur Moderne hin änderte sich das. "Der erste Grund ist der Imperialismus, der eine andere Art von Sexualmoral mit sich brachte und auch gewaltsam durchsetzte", so Ghandour.

Auch in Europa sei Sexualität in der Vormoderne etwas gewesen, dass man tut, nicht etwas, das man ist. Erst mit der Moderne wurde Sex kategorisiert, entstanden sexuelle Identitäten und damit auch die Homophobie im heutigen Sinne, erklärt Ali Ghandour. Vieles, was Islamisten als urislamisch empfinden, ist in Wirklichkeit noch nicht alt.

Hälfte deutscher Muslime für "Ehe für alle"

Aber es ändert sich auch etwas, zumindest in Deutschland. Laut des Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung spricht sich fast die Hälfte der Muslime für die Ehe für alle aus. Und homosexuelle Muslime werden lauter und sichtbarer. Für Zuher ist es wichtig, in die Öffentlichkeit zu gehen und Gesicht zu zeigen, nicht nur heute, am internationalen Tag gegen Homophobie: "Ich sehe Querness als eine schöne Kreation von Gott. Das ist nicht wie viele Muslime immer noch denken, eine Erfindung des Westens, sondern eine Erfindung von Gott."