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Die Venezianer sind Hochwasser gewohnt. Aber die Flut vom November 2019 war anders: Die Wassermassen kamen schneller, das Wasser stand höher. Mit den Folgen hat Venedig noch zu kämpfen. Viele setzen langfristig auf eine technisch machbare Lösung.

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Venedig nach dem Rekord-Hochwasser

Die Venezianer sind Hochwasser gewohnt. Aber die Flut vom November 2019 war anders: Die Wassermassen kamen schneller, das Wasser stand höher. Mit den Folgen hat Venedig noch zu kämpfen. Viele setzen langfristig auf eine technisch machbare Lösung.

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Von
  • Lisa Weiß
  • Henryk Jarczyk

Das verheerende Hochwasser liegt mittlerweile rund neun Monate zurück. Gleichwohl sind die Schäden fast überall immer noch zu erkennen. Die Behörden haben finanzielle Soforthilfen versprochen. Im Unterschied zu früher laufe die Bearbeitung diesmal gut, sagt Morris Ceron, der Bürochef des Bürgermeisters von Venedig. Die Venezianer könnten im Internet ihre Ansprüche melden. Einfach online ein Formular ausfüllen, alle benötigten Dokumente hochladen, fertig. Deutliche Zeitersparnis für die Verwaltung, kein Vergleich zu den Papierbergen, die normalerweise immer nötig waren.

"Wenn man an die Erdbeben denkt – die Leute haben frühestens nach zwei Jahren ihr Geld bekommen. Ich weiß nicht, wann wir mit 7.000 Anträgen fertig gewesen wären, wenn wir das so gemacht hätten wie immer." Morris Ceron, der Bürochef des Bürgermeisters von Venedig

Ungewöhnlich hohe Fluten

7.000 Anträge – so viele sind bis Ende Januar eingegangen, erklärt der Bürochef des Bürgermeisters von Venedig. Betroffen waren Privatwohnungen und Ladengeschäfte, bei manchen war die Küche überflutet, bei anderen stand das Schlafzimmer unter Wasser. Und dann immer wieder das gleiche Problem: Das Salzwasser hat in vielen Häusern die Elektroinstallation völlig zerstört.

"Die Steckdosen in den Häusern und vor allem in den Geschäften der Venezianer sind weiter oben angebracht als auf dem Festland. Eben, weil für sie der Krisenfall normal ist. Nur, dass diesmal das Wasser so hoch stand, dass auch dies nicht ausgereicht hat, um die Installation vor Schäden zu schützen." Morris Ceron, der Bürochef des Bürgermeisters von Venedig

Unkomplizierte Schadensabwicklung

Bis Ende Juni haben nach Angaben der Stadt Venedig gut 1.500 venezianische Einwohner und Geschäftsleute Geld für die Schäden bekommen, Italien hat dafür etliche Millionen Euro ausgegeben, ebenso wie für die Restaurierung öffentlicher Gebäude. Doch es sieht so aus, als ob einige Venezianer auf einem Teil ihres Schadens sitzen bleiben werden.

"Die Schäden an öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen werden auf rund 400 Millionen Euro geschätzt. Schäden von etwa 100 Millionen wurden von Privatleuten gemeldet. Insgesamt sind uns also Schäden in Höhe von etwa einer halben Milliarde Euro bekannt. Dann gibt es Schäden, die nicht erstattungsfähig sind, manche haben gar keinen Antrag gestellt, also in Wirklichkeit sind es mehr." Morris Ceron, der Bürochef des Bürgermeisters von Venedig

Hochwasser von den Gezeiten abhängig

Warum war die Flut im November so verheerend, was ist da passiert? Eine Antwort darauf findet man im Wettervorhersage- und Flutwarnungszentrum der Stadt Venedig, beim Physiker Alvise Papa. Über viele Bildschirme flimmern Daten von Messstationen und Satelliten, Papa und seine Kollegen berechnen jeden Tag eine Hochwasservorhersage. 187 Zentimeter war das Hochwasser im November, höher stand das Wasser nur im Jahr 1966. Bei 187 Zentimeter sind weite Teile der Stadt bereits überschwemmt. Aber, und auch das betont Alvise Papa: Hochwasser ist in Venedig von den Gezeiten abhängig – bei Ebbe zieht sich das Wasser aus der Stadt zurück.

"Acqua Alta, also ein Hochwasser über 110 Zentimeter, dauert im Durchschnitt eine Stunde, eineinhalb Stunden. Der Vorfall am 12. November hat 40 Minuten gedauert, nicht 40 Tage." Alvise Papa, Physiker im Flutwarnungszentrum

Klimawandel als Ursache?

Der 12. November sei dennoch ein absoluter Ausnahmetag gewesen, sagt Alvise Papa. Viele meteorologische Ereignisse seien zusammengekommen: Der Meeresspiegel war für die Jahreszeit sehr hoch, es war 2019 überhaupt sehr warm. Und dann ist auch noch ein Hochdruckgebiet mit Polarluft im Gepäck auf ein Tiefdruckgebiet getroffen. All das ging so schnell, dass das Flutwarnungszentrum nicht mit großem Vorlauf warnen konnte.

"Was vor allem viele Schäden verursacht hat, war, dass ein tropischer Wirbelsturm über die Stadt Venedig und über das Becken von San Marco hinweggezogen ist. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Ganz ehrlich, Mitte November habe ich so etwas in meiner ganzen Karriere noch nie gesehen." Alvise Papa, Physiker im Flutwarnungszentrum

Liegt das am Klimawandel? Alvise Papa zögert, sagt dann: Er sei Physiker, kein Klimaforscher im klassischen Sinne. Aber es habe sich etwas verändert mit dem Meer und mit dem Hochwasser in den vergangenen Jahren, schlimme Flutwellen kämen häufiger und schneller.

Vorzeigeprojekt in Venedig

Eine Lösung dafür hat Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro zwar nicht parat. Dafür aber eine Idee, wie und wo man anfangen könnte, nach ihr zu suchen.

"Es könnte hier eine große Agentur geben, die Klimaphänomene weltweit erforscht, mit besonderer Berücksichtigung des Wassers. Das wäre doch eine Gelegenheit, wie die Welt eine Antwort auf Greta und die ganzen Kinder und Jugendlichen geben könnte, die Angst haben. Die uns dazu zwingen, etwas zu ändern. Wir könnten ihnen zeigen, dass wir etwas tun." Luigi Brugnaro, Bürgermeister von Venedig

Brugnaro entwirft ein Bild von jungen Menschen und bekannten Wissenschaftlern aus aller Welt, die nach Venedig kommen und gemeinsam forschen. Herausfinden wollen, wie man Hochwasser besser vorhersagen kann, wie man die Folgen abwenden kann.

Das Projekt liegt dem Kommunalpolitiker offensichtlich am Herzen. Wenn am Ende gar ein präsentables Ergebnis zustande käme, dann würde dies Venedig Ansehen verschaffen und vermutlich auch Geld für die Stadtkasse bringen. Aber, und auch das fällt auf: Brugnaro scheint gar nicht mehr an eine wirkliche Lösung zu glauben, daran, dass der Klimawandel effektiv bekämpft wird.

"Wir stehen vor etwas Unberechenbarem. Es reicht nicht, nur zu sagen: Es gibt keine Veränderungen mehr. Wir müssen lernen, uns anzupassen." Luigi Brugnaro, Bürgermeister von Venedig

"Mose" als Rettung?

Luigi Brugnaro hofft auf Mose. Das Projekt mit dem biblischen Namen hat auch eine fast biblisch lange Vorgeschichte. Erste Überlegungen, die Lagune von Venedig zeitweise zu sperren, um zu verhindern, dass Hochwasser die Stadt überschwemmt, gab es schon seit den 1980er Jahren. Beschlossen wurde das Projekt in den 90ern, Baubeginn war in den 2000ern und dann: Korruption, Bauverzögerungen, diverse Gerichtsprozesse. Mose ist ein Symbol geworden für vieles, was falsch läuft in Italien. Viele Venezianer winken nur noch ab, wenn sie den Namen Mose hören. Doch jetzt soll das Projekt so gut wie fertig sein.

Barrieren mit Druckluft

Auf einer künstlichen Insel am Rand der Lagune ist die Schaltzentrale von Mose. Das Gebäude wirkt ziemlich verlassen, nur ein paar Computer stehen herum. Aber 2021 kann Mose in den Normalbetrieb gehen, verspricht Monica Ambrosini vom Consorzio Venezia Nuova, einer Firmengemeinschaft, die den Bau ausführt. Und im Notfall, bei einem so schweren Hochwasser wie im vergangenen November, könnte Mose schon jetzt eingesetzt werden.

Metallschachteln auf dem Meeresgrund

Der Gedanke hinter Mose sei eigentlich ganz einfach, sagt Ambrosini, nur die Ausführung sei kompliziert. Der Grund: Venedig liegt in einer Lagune. Diese Lagune hat nur drei Einfahrten. An diesen Stellen sind auf dem Meeresgrund eine Art Metallschachteln angebracht. Bei starker Flut sollen die Schachteln als Barrieren dienen. Und dem Wasser den Weg in die Lagune versperren.

"Wenn es zu einer außergewöhnlichen Flut kommt, werden die Barrieren mit Druckluft befüllt. Diese Druckluft verdrängt das Wasser und die Barrieren, die ja Metallschachteln sind, steigen durch den Auftrieb nach oben und bilden einen schwimmenden Deich." Monica Ambrosini, Consorzio Venezia Nuova

Wenn die Flut sich wieder zurückzieht, sollen die stehenden Metallschachteln wieder zurück auf den Boden sinken – die Lagune ist dann wieder mit dem Meer verbunden. Hochwasser wie das vom 12. November könnten, wenn das System funktioniert, bald der Vergangenheit angehören, verspricht Ambrosini.

Metallschachteln am Meeresgrund

Um zum Herz von Mose zu kommen, geht es nach unten. Sehr viele Treppen nach unten. Hier, unter der künstlichen Insel, 19 Meter unter dem Meeresspiegel, ist der Haupttunnel eines der Wehre. Der Tunnel ist niedrig, überall verlaufen glänzende Metallrohre. Die wichtigsten technischen Anlagen, die Mose zum Laufen bringen sollen, sind hier, erklärt Alessandro Sorru und zählt auf: Mechanische Anlagen, elektrische Anlagen für die Automatisierung, die Klimaanlage. Die Details sind schwer zu erfassen für Leute ohne Ingenieursstudium, aber Alessandro Sorru geht es vor allem darum, zu zeigen, dass nichts dran ist an den Gerüchten, dass der Baubeginn schon so lange her ist, dass die Bauteile sich langsam zersetzen und das System gar nicht mehr funktionsfähig werden kann.

"Viele Leute glauben, dass das System nicht funktioniert, dass alles rostig ist, und ich versuche zu erklären, dass es gar nicht so ist." Alessandro Sorru, Bauingenieur

Im Haupttunnel sieht alles neu oder gut gewartet aus, ob aber zum Beispiel die Befestigungen der Metallschachteln am Meeresgrund verrostet sind, lässt sich von hier aus nicht erkennen. Es gibt auch noch viel grundsätzlichere Kritik an Mose: Nicht nur im Bau, sondern auch im Unterhalt werde Mose unabsehbar teuer, sagen die einen. Die anderen befürchten, dass durch die Dämme und die damit verbundenen Schleusensysteme die Einfahrt in die Lagune für große Schiffe schwieriger werden könnte – für Venedigs wichtigen Hafen ein Problem.

Ökologie versus Wirtschaftsinteressen

Naturschützer warnen auch vor Schäden am empfindlichen Ökosystem der Lagune, wenn Mose aktiv und kein Wasseraustausch mehr mit dem offenen Meer stattfindet. Man merkt, dass Monica Ambrosini vom Consorzio Venezia Nuova all diese Kritik schon oft gehört hat. Sie fasst sich kurz:

"Wer den Markusplatz retten will, will, dass Mose aktiv wird. Wer sicherstellen will, dass die Handelsschiffe einfahren können, will das nicht." Monica Ambrosini, Consorzio Venezia Nuova

Und was ist mit den Folgen für die Lagune? Wenn Mose – so wie aktuell geplant – nur wenige Male im Jahr hochgefahren wird, wäre das kein Problem für das Ökosystem, sagt der Ozeanograph Georg Umgiesser vom Institut für Meereskunde in Venedig. Man riegele ja die Lagune dann auch nicht für Tage ab, sondern höchstens für einige Stunden. Problematisch könnte das alles aber in ein paar Jahrzehnten werden:

"Wenn wir uns überlegen, dass am Ende von diesem Jahrhundert der Meeresspiegel um 50 Zentimeter gestiegen ist, müssten wir den Mose 300 bis 400 Mal im Jahr zumachen, das wäre ungefähr einmal pro Tag. Das ist natürlich nicht mehr möglich." Georg Umgiesser, Ozeanograph

Längerfristig brauche es neue Ideen, sagt der Ozeanograph Georg Umgiesser. Er blickt erst mal in die Vergangenheit, erinnert daran, wie Venedig immer weiter sank, weil viel Grundwasser aus dem Boden unter der Stadt abgepumpt wurde und sich die Erdschichten verdichtet haben. Und schlägt dann vor, sich diese Erfahrungen zu Nutze zu machen und mit dem Grundwasserspiegel zu experimentieren:

"So wie man vor Jahren Wasser entnommen hat, und Venedig abgesackt ist, kann man Wasser wieder zurückpumpen und kann Venedig wieder anheben. Man kann es bis zu 30 Zentimeter anheben. Das würde bedeuten, dass wir fast 50 Jahre, 60 Jahre gewinnen würden." Georg Umgiesser, Ozeanograph

Was tun mit der Lagune?

Aber auch das ist keine dauerhafte Lösung. Für Georg Umgiesser gibt es, nach momentanem Forschungsstand, nur zwei Möglichkeiten: Entweder man erhält die Lagune. Dann muss man aber Venedig aufgeben, denn die Stadt wird langsam, aber sicher, im Meer versinken. Oder man schottet die Lagune dauerhaft vom Meer ab, macht sie zu einem Süßwassersee und erhält so die Stadt.

"Dann wird man eine ganz andere Lagune haben, man wird eine Frischwasserlagune haben, man müsste natürlich dann sich überlegen, was man mit dieser Lagune macht und was man nicht machen kann. Also man kann sie nicht verschmutzen, man braucht ein vernünftiges Kanalisationssystem, das noch nicht gebaut ist und vor allem, man müsste die Häfen aus der Lagune rausnehmen." Georg Umgiesser, Ozeanograph

Was würde er selbst, als Meeresforscher empfehlen? Da muss Georg Umgiesser nicht lange überlegen. Es gäbe viele Lagunen auf der Welt, meint der Ozeanograph. Lagunen, die sehr schön seien und vielleicht Venedigs auch ähnlich. Es gebe aber eine einzige Stadt, die Venedig heiße. Die Entscheidung, was man retten sollte, sei daher sehr einfach. Man müsste aber in Kauf nehmen, dass die Lagune entsprechend geändert werde.

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