Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt
Zurück zur Startseite
Deutschland & Welt

Abwehrschlacht gegen Massentourismus: Venedig verlangt Eintritt | BR24

© dpa

Touristenströme in Venedig

5
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Abwehrschlacht gegen Massentourismus: Venedig verlangt Eintritt

Diskutiert wird es schon lange, jetzt ist es beschlossen: Wer die Schönheiten Venedigs besuchen will, muss bald Eintritt bezahlen. Die Lagunenstadt leidet an "Overtourism" - und ist damit nicht allein. Wie sieht es in Bayern aus?

5
Per Mail sharen
Teilen

Im Sommer 2017 hatten die Venezianer genug: Mehrere tausend gingen auf die Straßen, um gegen die "Enteignung" ihrer Stadt durch den permanent wachsenden Massentourismus zu demonstrieren. Die optische Wirkung war bescheiden - im Gewühl der Besucher ging der Protest beinahe unter. Doch die Debatte, wie sich die Lagunenstadt davor schützen könnte, plattgetreten zu werden, hielt an. Eine Idee, die inzwischen beschlossen ist: zumindest den größten unter den Kreuzfahrtschiffen die Zufahrt zu verweigern. Eine andere: von Tagestouristen Eintritt verlangen.

Den hat der Kommunalrat jetzt mit deutlicher Mehrheit beschlossen. Wer in diesem Sommer Venedig erleben will, muss drei Euro entrichten, 2020 steigt der Obulus auf sechs Euro, danach je nach Touristen-Ansturm auf bis auf zehn Euro.

Ab 2022 geht Venedig in den "Vorverkauf"

"Wir sind nicht daran interessiert, Kasse zu machen", so Bürgermeister Luigi Brunaro. Doch weil es immens teuer sei, die überlaufene Lagunenstadt instand und sauber zu halten, müssten auch die Besucher ihren Beitrag leisten. Zudem geht es um Planbarkeit. Von 2022 sollen Tagestouristen ihren Venedig-Trip vorab buchen. Wer das nicht tut, müsse zwar nicht draußen bleiben; der Zugang werde aber kompliziert. Einen exakten Starttermin für die Gebühr gibt es noch nicht, im Gespräch ist der kommende Mai.

An jedem einzelnen Tag mehr Besucher in Venedig als Einwohner

Noch in den 1950er Jahren lebten mehr als 150.000 Menschen dauerhaft in Venedig - inzwischen ist es noch ein Drittel. Und etwa genausoviel Besucher, nämlich 52.000, könnte das Stadtzentrum einer Studie der venezianischen Universität Ca‘ Foscari zufolge pro Tag gerade noch aushalten. Pro Jahr wären das 19 Millionen; tatsächlich aber kommen über 30 Millionen Touristen - Tendenz steigend.

Die Venedig-Peking-Connection

Ein zusätzliche Problem ist der Ausverkauf der Stadt an Investoren aus Fernost, die mit Plastiktüten voller Geld anrücken, um alte Paläste zu Bed&Breakfast-Hotels für die geschätzt 400 Millionen Chinesen umzubauen, die "La Serenissima" in den nächsten Jahren besuchen wollen. Als Konsequenz sind die Mietpreise für "Normalvenezianer" längst unbezahlbar geworden. Wer keine eigene Wohnung besitzt, pendelt in immer weiteren Entfernungen vom Festland her oder zieht ganz weg.

© BR

Venedig: Wie die Stadt an chinesische Investoren verkauft wird. (Report München, 3.10.2018)

"Overtourism" - auch in Deutschland

Venedig ist ein Extremfall, aber kein Ausnahmefall. Auch andere europäische Metropolen wie Barcelona oder Amsterdam leiden unter dem Ansturm des globalen Tourismus, die "Ferieninsel" Mallorca ist dabei, ihr Tourismuskonzept komplett zu überarbeiten - "Klasse statt Masse" ist hier die Devise.

Auch die Berliner beobachten mit stark gemischten Gefühlen, dass sich ihre Stadt mit über 12 Millionen Besuchern auf den dritten Platz unter den europäischen "City-Destinationen" vorgeschoben hat - nur London und Paris locken in absoluten Zahlen mehr Besucher an. Weil die Zahl der Ankünfte sich von 1992 bis 2017 mehr als verdoppelt hat, bemühen sich die Berliner Tourismusplaner neuerdings, die Besucherströme per App gezielt in die Außenbezirke zu lenken.

In Hamburg sorgen vor allem die vielen Kreuzfahrtschiffe für dicke Luft - womit nicht nur die Rekord-Schadstoffwerte an der Messtation Landungsbrücken gemeint sind. Als im vergangenen Sommer in der Hochsaison zwei Großveranstaltungen - Schlagermove und Triathlon - auf ein Wochenende fielen, waren große Teile der Innenstadt dicht. Ein Vertreter von Hamburg Tourismus reagierte auf den Unmut der Hamburger in einem dpa-Gespräch mit dieser Erkenntnis: "Die Zielgruppe der Einwohner gewinnt an Bedeutung."

Tourismus in Bayern: Noch nicht genug oder schon zuviel?

Im Windschatten der aktuellen deutschen "Übernachtungsrekordjäger" Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wächst auch der Bayerntourismus kontinuierlich an. 2017 gaben im Freistaat 37 Millionen Gäste fast 34 Milliarden Euro aus. Ganz vorn dabei: Chinesen, aber auch Araber und Russen. 2018 dürfte die Zahl der Besucher nach vorläufigen Schätzungen zum siebten Mal in Folge gestiegen sein, woran inzwischen auch Franken einen erheblichen Anteil hat.

München: Mehr Hotels als Manhattan

Etliche bayerische Städte boomen - allen voran München, das schon seit dem späten 19. Jahrhundert als "Fremdenstadt" gilt. Die Landeshauptstadt (erstes Halbjahr 2018: 3,8 Millionen Besucher, 7,7 Millionen Übernachtungen) rühmt sich auf ihrer Website als "Reisedestination von internationaler Strahlkraft". Obwohl die Landeshauptstadt inzwischen mehr Hotels hat als Manhattan, werden nicht nur rund um den Hauptbahnhof immer mehr Bettenburgen gebaut. An der Auffahrt zur A94 geht ein 50 Meter hoher Hotelturm seiner Fertigstellung entgegen, am Ostbahnhof ein über 80 Meter hohes Hotelhochhaus und zwei weitere Hotels. Gegen Airbnb geht die Stadt - wenn auch weniger resolut als Berlin - inzwischen mit einem "Zweckentfremdungsverbot" vor.

© BR

Skitourismus in den Alpen

Bayerns Berge: Skitourismus und Sommergipfelstürmer

Zwiespältige Gefühle wecken die Wachstumszahlen nicht nur an Orten, wo ohnehin schon viele Menschen sind, sondern auch da, wo das Volkslied Einsamkeit statt internationalem Massenandrang besingt - auf den Bergeshöhen des Chiemgaus und des Werdenfelser Lands.

Im Nationalpark Berchtesgaden mit seinen rund 1,6 Millionen Besuchern pro Jahr denkt man zwar nicht über Eintritt, aber doch über einen Strategiewechsel nach. Für den Königssee, an dessen Ufern sich an schönen Sommertagen schon mal mehrere hundert Meter lange Schlangen von Menschen bilden, die mit dem Schiff nach Sankt Bartholomä übersetzen wollen, rät Regionalforscher Hubert Job von der Universität Würzburg inzwischen zu einem zeitweisen Verzicht auf Werbemaßnahmen. Das Schlagwort dazu: De-Marketing.

Sendung

BAYERN 3-Nachrichten

Von
  • Michael Kubitza
Schlagwörter