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Vatikan-Dokument erzürnt engagierte Katholiken | BR24

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Bischöfe am Petersplatz

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    Vatikan-Dokument erzürnt engagierte Katholiken

    Ein neues Schreiben aus Rom stärkt die Rolle von geweihten Priestern - und erteilt der Forderung nach mehr Mitbestimmung von Laien eine Absage. Viele deutsche Katholiken sind erschüttert.

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    Bestürzung, Empörung, Kopfschütteln – das waren die Reaktionen von Kirchenmitgliedern, Kirchenrechtlern und Laienverbänden auf das neue Papier aus Rom. "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche" heißt das Schreiben, das die Kleruskongregation am Montag veröffentlicht hat. Darin wird vor allem eines betont: Laien können keine Pfarreien leiten.

    Damit reagiert Rom auf Überlegungen und Reformansätze in den verschiedensten Bistümern, die in den letzten Jahren versucht haben, die Gemeinden an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen: Priestermangel, sinkende Mitgliederzahlen und langfristig weniger Kirchensteuereinnahmen. Versuche, die Laien in die Gemeindeleitung integrieren, gibt es beispielsweise in den Diözesen Linz, Poitiers oder München-Freising. Solche Reformmodelle sind durch das Schreiben aus dem Vatikan gefährdet.

    Das Papier schiebt nicht nur der Idee, dass Laien in die Gemeindeleitung integriert werden können, einen Riegel vor. Auch die Aufgabe von Kirchengebäuden oder die Zusammenlegung von Pfarreien wird abgelehnt. Letzteres soll nur in Einzelfällen möglich sein, ist aber in Deutschland seit Jahren gängige Praxis.

    Kirchenrechtler Thomas Schüller: Das Papier hat eine "Doppelbotschaft"

    Für den Kirchenrechts-Professor Thomas Schüller von der Universität Münster ist das Papier eine Antwort auf Reformpläne vor allem in der katholischen Kirche in Deutschland. Deshalb werde ausdrücklich die Leitung einer Gemeinde durch ein Leitungsteam, in dem auch Frauen sind, ausgeschlossen.

    Schüller sagt, das Papier habe eine "Doppelbotschaft". Teilweise klingt es nach "Papst Franziskus": "Wir wollen die armen Gläubigen vor den bischöflichen Verwaltungen schützen, die ihre Pfarreien von der Landkarte wegradieren wollen. Das klingt nach Beteiligung und Mitverwaltung. Wenn es aber im Text um Leitung geht, dann gibt es nur noch den Pfarrer."

    Das Papier folge dem Tenor konservativer, priesterlichen Kreise. Bei allen anderen werde es den Frust auf die Kirche nur verstärken: "Es löst bei den noch letztverbliebenen reformorientierten Christen nur Unverständnis aus."

    Bischof Bode: "Notorisch zu wenige Priester"

    Auch aus der deutschen Bischofskonferenz kommt Kritik. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sagt in einer Mitteilung vom Dienstag, das Papier habe die Bischöfe völlig überrascht. Es sei eine „Umkehr zur Klerikalisierung“, die Rolle des Priesters werde zu sehr betont. Dabei sei die Realität, dass es „notorisch zu wenige Priester gibt“. Man sei auf die Mitarbeit aller angewiesen, so Bode: „Leider ist diese Instruktion eine so starke Bremse der Motivation und Wertschätzung der Dienste von Laien, dass ich große Sorge habe, wie wir unter solchen Bedingungen neue engagierte Christen finden sollen und wie wir unsere pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterhin gut begleiten und fördern können.“ Er sehe keinen Grund, den Kurs seines Bistums zu ändern, dass auch Laien stärker in Leitungspositionen beteiligen möchte.

    Eine "verheerende Wirkung" auf Kirchengemeinden weltweit

    Das bestätigt Christian Weisner von der Initiative "Wir sind Kirche" dem Bayerischen Rundfunk. Normale Gläubige würden nur wieder in ihre Schranken gewiesen: "Wo Menschen in Demokratien leben, wo Menschen sonst eine echte Teilhabe gewohnt sind, da kann es doch nicht sein, dass die römisch-katholische Kirche dermaßen die Zeichen der Zeit verkennt." Er glaubt, dass das Papier eine verheerende Wirkung auf Gemeinden weltweit haben wird. Eine dermaßen hierarchische Kirche sei einfach nicht mehr zeitgemäß.

    Auch bei den Bischöfen werde es Unmut auslösen: "Die Deutsche Bischofskonferenz, die ja weltweit nicht ganz unbedeutend ist, ist von diesem Papier völlig überrascht worden." Weisner wirft dem Vatikan Realitätsferne vor: Die Kleruskongregation habe keine Ahnung von der Wirklichkeit in den Gemeinden vor Ort: "Es wäre dringend notwendig, dass diese Herren mal ein Praktikum in den Gemeinden machen, um zu sehen: Wie sieht es in den Gemeinden, in der Weltkirche denn eigentlich aus?"

    Frustrierte Kirchenmitglieder: "Vielleicht muss man doch austreten"

    Auch Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Katholikenrats der Region München spricht von einem totalen Realitätsverlust: "In der deutschen Kirche gibt es viel zu wenig Pfarrer, die Leitungskompetenzen haben. Wo sollen die Geistlichen denn herkommen, die die Gemeinden leiten? Wir haben sie einfach nicht mehr." Das Papier habe sie nicht traurig oder wütend gemacht, sagt Schönheit im Gespräch mit dem BR, sie sei einfach nur "erschüttert". Die Instruktion enthalte keinerlei realistische Lösungsvorschläge.

    Hiltrud Schönheits Hoffnung ist, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz von dem Dokument nicht zu sehr beeindrucken lässt: "Ich sehe, was im Netz gerade los ist. Viele sagen: Vielleicht muss man doch austreten. Die Engagierten werden weiter frustriert. Das ist unfassbar."

    Bei der Erzdiözese München und Freising heißt es auf Nachfrage des BR: Man sei dabei, das Papier zu prüfen.

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