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US-Debatte: In Corona-Zeiten entweder Familie oder Job | BR24

© picture alliance/Bildagentur-online

Frau hält ihr Kind auf dem Arm (Symbolbild).

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    US-Debatte: In Corona-Zeiten entweder Familie oder Job

    In den USA wird debattiert, wie sich in Corona-Zeiten Familie und Beruf vereinbaren lassen. Wenn Kinder und Homeschooling an den Frauen hängen bleiben, schadet das der Karriere. Auch Wissenschaftlerinnen sehen sich verstärkt ungleich behandelt.

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    Liz und Kendal teilen sich die Arbeit im Haus, egal ob beim Essenkochen, Aufräumen oder bei der Erziehung der beiden Kinder. Kendal ist Rechtsanwalt für Franchise-Unternehmen. Liz hat im Vorstand eines großen Verlags in Washington D.C. gearbeitet. Im Frühjahr gab Liz ihren Job auf. Sie wollte sich Zeit nehmen, etwas Neues zu finden. Dann kam Corona. "Da ich wusste, dass ich eine Auszeit nehme, war ich verfügbar", erzählt Liz. Der Job von Kendal sei weitergelaufen, er habe keinen Urlaub gehabt. "Wir haben weiter gemeinsam gekocht und haben Aufgaben verteilt", sagt Liz. "Aber ich war die Person, die verfügbar war und sicher stellte, dass alles funktioniert."

    Mit Homeschooling verschob sich das Gleichgewicht

    Für die Jobsuche blieb keine Zeit mehr. Als die Schulen in Washington auf Online-Unterricht umstellten, verschob sich das hart erarbeitete Gleichgewicht daheim endgültig.

    Liz sagt, die Kinder wären ständig mit neuen Fragen durch die Tür gekommen. Es habe ihr auch Freude gemacht, ihnen helfen zu können. Aber für die eigenen Projekte blieb keine Zeit. Kendal wiederum plagen Schuldgefühle. Er habe das Gefühl, er müsste mehr tun. Denn jetzt seien alle daheim.

    Debatte um Familie und Beruf

    Auch in den USA hat die Debatte begonnen, wie Familien Beruf und Kinder in Corona-Zeiten unter einen Hut bekommen sollen. Vor allem, weil die Zahl der Infektionen wieder steigt. In vielen Schulbezirken werden deshalb auch nach dem Sommer die Klassenzimmer geschlossen bleiben. Das neue Schuljahr startet mit Online-Unterricht.

    Männer und Frauen sind von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie unterschiedlich stark betroffen. Jessica Malisch zum Beispiel ist Assistenz-Professorin am St. Marys College in Maryland. Ihr ist aufgefallen, dass weibliche Dozenten in der gegenwärtigen Krise häufig mehr arbeiten, weil sie mehr Studienanfänger unterrichten als ihre männlichen Kollegen. Sie selbst habe mehr Einführungskurse bekommen, mit mehr Teilnehmern, sagt Jessica. "Wenn man sie online unterrichtet, muss man sich noch mehr um sie bemühen", so die Assistenz-Professorin. Und das vergrößere den Arbeitsaufwand – allein durch die Zahl der Studenten.

    Ungleichheit zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

    Malisch hat gemeinsam mit Reanna Harris von der Texas Tech University und anderen Dozentinnen ein Forschungspapier geschrieben: Corona werfe ein Schlaglicht auf die Ungerechtigkeit zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, heißt es darin.

    Es geht um Strukturen, die auch in den USA nicht überwunden sind. Wenn in Zukunft Colleges und Universitäten Etats kürzen, könnte es einmal mehr vor allem Wissenschaftlerinnen treffen, erklärt Harris im Interview übers Internet.

    "Frauen haben häufiger lose Verträge als männliche Wissenschaftler, also keinen Lehrstuhl an einer Universität. Und wenn Leute entlassen werden, dann sind diese Stellen viel einfacher zu streichen als ein Lehrstuhl. Das vergrößert die Unsicherheit nur noch." Reanna Harris von der Texas Tech University

    Harris und Malisch fürchten, dass die bestehende Ungerechtigkeit in einer Krisensituation erst recht zum Tragen kommt. Deshalb dürfe die Debatte darüber nicht aufgeschoben werden.

    Sozialer Druck auf Frauen

    Zur Arbeitswelt komme hinzu, dass Frauen in der Familie besonderen Erwartungen gegenüberstehen, sagt Malisch.

    "Es gibt da diesen sozialen Druck, dass wir daheim die wichtigste Bezugsperson sein müssen. Wenn die Kinder jemanden brauchen, kommen sie also wahrscheinlich eher zu ihrer Mutter oder zur einer Frau im Haus. Das ist dann nochmal eine Extra-Belastung." Jessica Malisch, Assistenz-Professorin am St. Marys College in Maryland

    Malisch selber habe zu der Zeit, als die Kinderbetreuung nötig geworden sein, nicht online unterrichtet, was prima gewesen sei. Aber sie habe Forschungsaufgaben gehabt und musste ein paar Fristen einhalten. "Ich habe versucht, das alles zu schaffen – mit drei Kindern, die ich außerdem noch zu Hause unterrichten musste", erzählt sie. Dabei habe sie eigentlich einen hingebungsvollen Mann, der wirklich seinen Teil an der Kindererziehung übernehme.

    Krise macht Ungerechtigkeiten besser sichtbar

    Gibt es also eine Rolle rückwärts bei der Emanzipation in den USA? Nicht unbedingt, aber die Krise macht die Brüche und Ungerechtigkeiten noch besser sichtbar. Das gilt für die krassen sozialen Unterschiede in der US-Gesellschaft, die aktuelle Debatte um Rassismus und Polizeigewalt gegen schwarze Amerikaner, aber eben auch für Familien.

    Die Kaiser Familien Stiftung – ein Institut für Gesundheitsthemen in den USA - kam bereits im März in einer Umfrage zum Ergebnis, dass sich Frauen mehr Sorgen vor den Folgen der Pandemie machen als Männer. Dass Frauen mit Kindern eher fürchten, dass sie ihren Job verlieren. Und tatsächlich ist die Arbeitslosenquote für Frauen in allen Altersgruppen höher als die für Männer.

    Suche nach dem familiären Gleichgewicht

    Liz und Kendal in Washington geht es auch in der Krise vergleichsweise gut. Sie überlegen trotzdem, wie sie ihr familiäres Gleichgewicht wieder in die Balance bekommen. "Die Kinder werden größer und wir binden sie ein, mit einer Reihe von Aufgaben", sagt Liz. Daran seien Versprechen gebunden. Wenn das alles mit Corona vorbei sei, meint Liz, könnten die Zwei hoffentlich Abendessen kochen und Frühstück vorbereiten. Natürlich könnte es besser laufen, gesteht Kendal zu. Aber es gehe ihnen gut, ergänzt er. Da glänzt er kurz auf, der berühmte amerikanische Optimismus und Liz gibt Kendal Recht.

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